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In den französischen Alpen: Das Werk„Sonnenkugel“ des deutschen Künstlers Jürgen Batscheider soll an die Tragödie erinnern.

Essen

Erneuter Prozess um Germanwings-Absturz

Am Landgericht Essen fordern Angehörige einiger Opfer des Unglücks mit 150 Toten höhere Schmerzensgelder. Für sie geht die Geschichte um den Verlust ihrer Liebsten damit in eine schmerzhafte neue Runde.

Fünf Jahre nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen begann am Essener Landgericht am gestrigen Mittwoch der erste Schmerzensgeld-Prozess gegen die Lufthansa. Verhandelt werden die Klagen von Angehörigen getöteter Passagierinnen und Passagiere. Ihre Klage richtet sich gegen die Lufthansa AG sowie gegen die Lufthansa Aviation Training USA Inc., eine Flugschule in den USA.

Dort soll der offenbar depressive Copilot ausgebildet worden sein. Er soll das Flugzeug am 24. März 2015 absichtlich gegen den Berg in den französischen Alpen gesteuert haben. Alle 150 Insassinnen und Insassen starben, darunter 16 Schülerinnen und Schüler, sowie zwei Lehrerinnen eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Haltern am See.

Die Klägerinnen und Kläger werfen der Flugschule und der Lufthansa Versäumnisse vor und fordern höhere Schmerzensgeldzahlungen als bereits geleistet. Laut Gericht könnte die medizinische Überwachungspflicht auch staatliche Aufgabe gewesen sein. In diesem Fall wären Flugschule und Lufthansa die falschen Adressaten.

Für die klagenden Angehörigen geht die traumatische Geschichte um den Verlust ihrer Liebsten damit weiter. Am Jahrestag des Unglückes vor rund eineinhalb Monaten hatten sie der Todesopfer nicht wie gewohnt gedenken können.

Die Corona-Pandemie machte öffentliche Gedenkfeiern unweit der Absturzstelle in den französischen Alpen und den ehemaligen Wohnorten der Opfer unmöglich. „Lediglich die Kirchenglocken läuten zum Totengedenken zum Zeitpunkt des Absturzes des Flugzeugs ab 10.43 Uhr für fünf Minuten“, hatte im März etwa die katholische Pfarrei St. Sixtus in Haltern am See angekündigt.

Die Kirchengemeinden der Stadt sowie das örtliche Joseph-König-Gymnasium hatten zudem zu einem „Licht des Gedenkens“ aufgerufen. Ab 19 Uhr brannten Kerzen in vielen Fenstern der nordrhein-westfälischen Stadt. Bisher jährliche Gedenkfeiern an verschiedenen Stellen fielen aus.

So etwa am Gymnasium und im Düsseldorfer Flughafen fielen aus. An einer Gedenktafel im Flughafen wurden stattdessen einige Blumengebinde als ein Symbol des „stillen Gedenkens“ niedergelegt, wie der Flughafensprecher Thomas Kötter mitgeteilt hatte. Außerdem hatte der Flughafen Düsseldorf eine Traueranzeige in den örtlichen Tageszeitungen veröffentlicht.

„Stärker als der Tod ist die Liebe – In Gedenken an die Opfer von Flug 4U9525 vom 24. März 2015“, hieß es in der Anzeige. Eine Reise in die Nähe der Absturzstelle war den Angehörigen der Todesopfer in diesem März hingegen nicht möglich. An den Jahrestagen zuvor hatte stets ein ökumenischer Gottesdienst in der Kathedrale von Digne les Bains stattgefunden.

Anschließend hatten viele Trauernde in den vergangenen Jahren ein Gemeinschaftsgrab in der kleinen Gemeinde Le Vernet aufgesucht, in dem sterbliche Überreste bestattet wurden, die keinem der Opfer mehr zugeordnet werden konnten. In Anwesenheit des Bürgermeisters der Gemeinde wurde nun lediglich Blumengebinde zur Absturzzeit niedergelegt.

Ähnlich im nordrhein-westfälischen Haltern am See: Nur wenige Menschen kamen in diesem Jahr an einer Gedenkstätte der Schule zusammen, darunter einige Eltern und Angehörige der verstorbenen Lehrerinnen. Sie legten weiße Rosen nieder und zündeten Kerzen an. Zur Absturzzeit standen sie schweigend vor der Stahlplatte, aus der die Namen ihrer Kinder ausgeschnitten wurden. Der Ministerpräsident und das Schulministerium hatten Trauergebinde geschickt.

Der Essener Prozess, der nun startete, ist nicht der erste, der sich mit dem Germanwings-Absturz auseinandersetzt. Bereits seit 2017 klagten fast 200 Angehörige von 42 Todesopfern am Landgericht der nordrhein-westfälischen Stadt. Die Klage richtete sich zunächst ausschließlich gegen die Flugschule der Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa in den USA, an der der Copilot ausgebildet wurde.

Ende 2018 war die Klage dann erweitert worden und richtete sich auch gegen die Deutsche Lufthansa AG, die bereits Schmerzensgeldzahlungen an die Hinterbliebenen der Opfer geleistet hatte. Diese waren nach Auffassung der klagenden Angehörigen und ihrer Anwältinnen und Anwälte allerdings zu niedrig.

Der den Ermittlern zufolge psychisch kranke Copilot soll den Airbus absichtlich gegen den Berg in Frankreich gesteuert haben. Seine Ausbildung an der Flugschule hatte der Copilot wegen einer schweren Depression nur mit einer Sondergenehmigung beenden können. Die Klägerinnen und Kläger werfen der Flugschule und der Fluggesellschaft Versäumnisse vor. (afp/dpa/epd/mav)

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