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„Die Geschichte der Menschen entwickelt sich in Brüchen, und es wäre töricht, das zu beklagen.“

Editorial

Erlösung oder Vernichtung?

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Über Brüche im Leben und anderswo.

Bruch – eigentlich ist das Wort ganz schön hässlich. Es klingt nicht. Zu Beginn rollt es unelegant über die Zunge, um dann hart und abrupt im Rachen zu enden. Auch die Assoziationen, die sich hier unmittelbar einstellen, sind zunächst nicht unbedingt angenehm. Da tauchen Risse auf, die tief spalten, zersplitternde Kanten, die zu Verwundungen führen, schmerzhafte Einschnitte, die nicht heilen wollen, Dinge und Menschen, die brutal getrennt werden, obwohl sie vielleicht zusammengehören.

Dabei ist der Bruch, sind die Brüche von ihrer Wesensart her ziemlich unschuldig an diesem unerquicklichen Resonanzraum. Sie sind wie das Leben. Schließlich gehört nichts mehr zur menschlichen Existenz als Zäsuren und Trennungen, Verwerfungen und Abschiede. Sobald wir dem Mutterbauch entschlüpfen, haben wir es mit der ersten Ablösung zu tun, mit Entzweiung und Abbruch des neun Monate Gewohnten – doch wer wollte schon darauf verzichten? Sobald ein Kleinkind im ersten Wutausbruch tobt, bringt es seine eigene Identität lautstark gegen andere in Stellung; zwischen dem Ich und dem Rest der Welt tun sich die Gräben auf.

Bei so viel existenziellem Gepäck wundert es nicht, wie viele Wortkombinationen uns der Bruch zur Verfügung stellt: vom Einbruch über den Beinbruch bis zum Ausbruch, vom Schokoladenbruch bis zu Breaking News, vom gebrochenen Herzen über den Oderbruch bis zum Brechen von Regeln.

Brüche kann man erleben – oder erleiden. Und nicht selten in umgekehrter Reihenfolge. Was als Katastrophe daherkommt, kann zum Neubeginn werden, sobald die Trümmer fortgeräumt sind. Und weil es so faszinierend ist, Menschen dabei zuzusehen, wie sie zerbrechen, um dann aus den Bruchstücken ihres Lebens etwas Neues zu formen, sind Bücher und Talkshows und Filme voll von diesen Wendezeiten.

Zudem muss es ja nicht gleich das volle Abbruchprogramm sein, das zur starken Erfahrung wird. Manchmal genügt schon der kleine, begrenzte Regelbruch. Schauen wir auf die vielen Demonstrant*innen jeder Altersklasse, die sich im Zuge der Klimaproteste zum ersten Mal in zivilem Ungehorsam üben. Die Straßen blockieren, die Politik ärgern und bereit sind, für ihren Protest eine Strafe auf sich zu nehmen. Mit ihrem Widerstand und Zorn brechen sie gleichzeitig mit gängigem Staatsverständnis – mit der Vorstellung, dass nur ein braver Bürger ein guter Bürger ist. Mit der Trägheit, die in der Demokratie so gefährlich sein kann. Was für ein Befreiungserlebnis! Für die einen.

Für die anderen, die Ordnungsverfechter, Bedenkenträger und Sicherheitsfanatiker, tun sich bereits beim symbolischen Ungehorsam tiefe Angstkrater auf. Was bricht nicht sonst alles weg, welche Auflösung droht, wenn sich jetzt nicht nur der Schüler, sondern auch die 70-jährige Nachbarin auf die Kreuzung setzt?

Das führt umstandslos zu der Einsicht, dass der Bruch zwar immer interessant, an sich aber weder gut noch schlecht ist. Seine Qualität hängt ausschließlich am Kontext. Und der Position des Betrachters: Kommt der Bruch als Erlösung oder Vernichtung daher? Wer hätte dies rabiater erfahren als die Ostdeutschen?

So ist es ganz schön ekelhaft, mit welcher Begeisterung sich Wirtschaftsbosse am neudeutschen Begriff Disruption besoffen reden. Disruption – was zerreißen, zerbrechen, zerschlagen heißt. Das bisherige Geschäftsmodell von Unternehmen zum Beispiel oder gleich das Unternehmen selbst. Wer nicht disruptet, wird selbst disruptet, lautet das Credo. Zerstören und Hinwegfegen ist mächtig progressiv, disruptiv halt.

Wie überaus nützlich doch dieser Mythos ist, sagt sich der coole Manager, und hängt das Damoklesschwert des Untergangs über alles, was der ökonomischen Revolution im Wege steht – solange er Abbruch und Zerstörung selbst inszenieren und den Angstschweiß anderen überlassen kann, versteht sich.

Noch immer wird der Begriff im Business als innovativ verkauft, obwohl er bereits ein Vierteljahrhundert alt ist. Davon abgesehen stellt sich jedoch die Frage: Was ist, vor allem für die männliche Spezies, so faszinierend an radikalen Brüchen? Am Kaputtmachen und Beschwören des Neuen, das angeblich nur unter Schmerzen zum Durchbruch gelangt?

Fragen über Fragen. Vielleicht findet sich ja die eine oder andere Antwort auf den kommenden Seiten.

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