Cannabis-Samen in Deutschland: Über 500 Einzelhändler – „Nachfrage stark gestiegen“
An deutschen Kiosks und Tankstellen bekommen Hobbygärtner Cannabis-Samen für den Eigenanbau. Der Verkauf liegt in einer rechtlichen Grauzone.
Wer selbst Cannabis anbauen möchte, muss sich zuerst Samen besorgen. Das Gesundheitsministerium schlägt auf seiner Website vor, sie im EU-Ausland zu bestellen. Und in Deutschland? Baumärkte, wie Bauhaus und Toom, sind bisher nicht ins Cannabis-Geschäft eingestiegen. Auch in Supermarktketten wie Lidl taucht Anbaumaterial noch nicht auf.
Ein User im Reddit-Forum r/germantrees macht Kiffern Hoffnung: „Ich habe zum ersten Mal in Deutschland im freien Handel Cannabis-Samen entdeckt“, schreibt er am 14. Mai 2024. Aufgefallen seien sie ihm in einem Kiosk in Brandenburg. Was steckt dahinter?
Sanaleo-Produktmanager: Nachfrage an Cannabis-Samen ist „stark gestiegen“
Die erwähnten Cannabis-Samen stammen von der Firma Sanaleo mit Sitz in Leipzig. Auf Nachfrage von BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA sind die Samen speziell für den Eigenanbau gedacht. Im Verkauf sind sie demnach seit Anfang Mai.
Etwa 520 Einzelhändler verkaufen aktuell deutschlandweit die Cannabis-Samen von Sanaleo, teilt das Unternehmen mit. Dabei handele es sich um Kiosks, Tankstellen, Presseshops, Cannabis-Fachgeschäfte, sowie Supermärkte. „Darüber hinaus beliefern wir mehrere Großhändler, die die Produkte ebenfalls an den Einzelhandel vertreiben“, sagt Produktmanager Philipp Morkramer.
Schon jetzt seien die Produkte unter den Kunden beliebt. „Dadurch, dass der Eigenanbau erlaubt wurde, ist die Nachfrage stark gestiegen. In naher Zukunft könnte sie ein wenig zurückgehen“, sagt Morkramer. Im Mai hat Sanaleo bereits 30.000 Cannabis-Samen verkauft (entspricht 10.000 Verpackungen mit je 3 Samen), teilt die Firma BuzzFeed News Deutschland mit.

„Forbidden Fruit“, „Purple Haze“ und bald noch mehr Cannabis-Sorten
Im Online-Shop von Sanaleo sind aktuell nur CBD-Produkte erhältlich. Im Gegensatz zu reinem Cannabis ist darin kein THC enthalten – der Stoff, der den Rausch auslöst. Das habe lediglich „interne Gründe“, sagt Morkramer. In wenigen Wochen sollen die Cannabis-Samen auch online erhältlich sein.
Sanaleo bietet im Einzelhandel sechs Sorten an, darunter „Forbidden Fruit“ und „Purple Haze“. Sie sind auch auf dem Flyer der Marke abgedruckt, der auf Reddit gepostet wurde:

Bald sollen noch mehr Sorten dazu kommen. „Es ist ein langer Prozess, neue Produkte aufzunehmen. Dafür müssen wir zunächst Lieferanten finden, die Produkte untersuchen und rechtlich überprüfen lassen, sowie Verpackungsmaterial erstellen.“
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Ist der Verkauf von Cannabis-Samen überhaupt legal?
Die Samen importiert Sanaleo nach eigenen Angaben aus verschiedenen Ländern der Europäischen Union, darunter Spanien. In Deutschland wäre die Herstellung ohnehin nicht erlaubt. Denn Cannabis-Samen können nur aus den dazugehörigen Pflanzen gewonnen werden. Der gewerbliche Anbau von Cannabis ist jedoch nicht zulässig.
Im Cannabis-Gesetz (CanG) gibt es zum Verkauf von Cannabis-Samen noch keine konkrete Regelung. Daher handelt es sich um eine rechtliche Grauzone. Das wiederum löste bei der Cannabis-Fachtagung, die am 24. Mai in Hamburg stattfand, Kritik am Cannabis-Gesetz aus – unter anderem von Jens Kalke, ein Politologe vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg.
Die Unklarheit führe zu Problemen: Ende April kam es bei dem Start-Up Bigger Trees, das in der Stadt Norderstedt in Schleswig-Holstein Jungpflanzen, Stecklinge und Samen verkauft, zu einer Razzia, wie das Hamburger Abendblatt berichtete. Das Ordnungsamt habe sowohl Pflanzen als auch Samen beschlagnahmt. Die Stadt Hamburg hält den Verkauf für unzulässig. Es läuft aktuell ein Gerichtsverfahren.
Sanaleo hat sich im Vorfeld von drei verschiedenen Anwälten beraten lassen. „Alle drei Rechtsanwälte sind zum Schluss gekommen, dass der kommerzielle Verkauf von Cannabis-Samen grundsätzlich zulässig ist.“
Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschand.
Das sagt das Landwirtschaftsministerium über den Cannabis-Samen-Verkauf
Wir haben beim Gesundheitsministerium, welches das Cannabis-Gesetz auf den Weg brachte, nachgefragt: Ist der Verkauf von Cannabis-Samen nun erlaubt oder nicht? Das Ministerium von Karl Lauterbach verwies uns an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), das für Samen und Stecklinge zuständig sei.
Eine Sprecherin teilte uns mit: „Der gewerbliche Handel mit Cannabis-Samen ist erlaubt, sofern die Samen zum privaten Eigenanbau, gemeinschaftlichen Eigenanbau von Cannabis in Anbauvereinigungen, zum erlaubnispflichtigen Anbau von Cannabis zu Forschungszwecken oder nicht zum Anbau bestimmt sind.“ Dem BMEL ist es nach eigener Mitteilung „nicht gestattet, individuelle Rechtsberatung durchzuführen oder Rechtsauskünfte in Einzelfällen zu erteilen“.
Morkramer glaubt, dass seine Firma nicht die Einzige in Deutschland bleibt, die mit Cannabis-Samen ihr Geld verdienen wird. „Weil das Gesetzgebungsverfahren lange auf der Kippe stand, bestand bei Unternehmen eine große Unsicherheit. Als klar war, das Gesetz kommt zum 1. April, wurden entsprechende Produkte bestellt. Aber das dauert natürlich eine ganze Weile, bis sie im deutschen Handel zu finden sind.“