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Die Kathedrale Notre Dame steht auf einer Seine-Insel mitten in Paris

Die Kathedrale in Paris

Wie wir Notre-Dame in Erinnerung behalten

Notre-Dame: Nahezu alle, die Paris besuchen, zieht es hin zu der Kathedrale. Zehn ganz persönliche Notre-Dame-Momente.

Es ist bereits dunkel, als ich vor exakt 27 Tagen aus der Rue d’Arcole geschlendert komme und Notre-Dame erreiche. Vor der Kirche ein Selfie, dann schnell hinein zum Orgelkonzert. In den kommenden Tagen sehe ich Notre-Dame noch mehrmals, von der Kuppel der Sacre Coeur und auch vom Eiffelturm aus. Vielleicht hätte ich noch genauer hingeschaut, wenn ich gewusst hätte, dass ich sie so zum letzten Mal erblicke. Steven Micksch

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Drei Mal war ich in Paris, drei Mal habe ich vor Notre-Dame gestanden, drei Mal in dem kleinen Park gesessen. Aber in der Kathedrale war ich nie. Die Schlange war mir immer zu lang. Irgendwann wird Notre-Dame wieder begehbar sein. In der Gestalt, in der sie vielen Jahrhunderten getrotzt hat, werde ich sie nicht mehr sehen. Dafür habe ich drei Chancen zu viel verpasst. Ruth Herberg

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Dreh Dich mal um, sagt mein Vater. Ich bin elf oder zwölf Jahre alt, auf der ersten Auslandsreise meines Lebens. Notre-Dame mag berühmt sein, aber na ja, Kirchen … Dann drehe ich mich um. Das farbige Licht, das durch das Rosettenfenster schien, leuchtet mir bis heute, wenn ich an Notre-Dame denke. Stephan Hebel

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Das Archivbild zeigt einen Teil des Deckengewölbes von Notre-Dame.

Die Schlange vor Notre-Dame war zu lang. Gut, dass ich für das Foto von der Fassade nicht hinein musste: eine Frauenstatue mit abgedeckten Augen, die Krone auf dem Boden. Sie symbolisiert das Judentum und die lange vertretene Kirchenlehre, dass Juden auf dem Holzweg, Christen dagegen auf dem Heilsweg sind. Wir zogen weiter – und entdeckten hinter Notre-Dame das Memorial de Martyrs de la Deportation, ein Denkmal für die deportierten französischen Juden. Ausgerechnet im Windschatten der antijüdischen Statue. Die hat nicht nur die Nazis überdauert, sondern nun auch den Brand – als Mahnmal für alle, die am Memorial de Martyrs vorbeigehen. Simon Berninger

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Es zieht mich in Kathedralen – ob in London, Kampala oder Freetown. Für mich sind sie Orte der Sammlung und des Gebetes. In Notre-Dame feierte ich Palmsonntag. Erhebend. Das Gotteshaus in Flammen zu sehen sticht ins Herz und weckt schmerzliche Erinnerungen. 1988 brannte St. Nikolaus in Klein-Krotzenburg – keine Kathedrale, aber meine Kirche. Tobias Schwab

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Wir kamen von einer Reise aus Asien zurück und hatten sieben Stunden Aufenthalt in Paris. Aber wohin fährt man morgens, wenn noch kein Café offen hat? Wo fühlt man sich geborgen, zurück in Europa? Uns hat es zu Notre-Dame hingezogen. Dann steht man vor dieser aufstrebenden Architektur, dem Portal mit Hunderten Figuren, und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und betritt die Kirche, die von Stille durchdrungen scheint, selbst wenn sie voller Menschen ist. Später, draußen, hatten die Cafés offen. Aber das ist eine andere Geschichte von Paris. Pitt von Bebenburg

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Nach mehreren Wochen Radtour durch Frankreich kamen wir 2002 mit dem Zug am Gare d’Austerlitz an. Nach Frankfurt ging es weiter vom Gare de l’Est. Um dorthin zu gelangen, nahmen wir natürlich das Fahrrad, quer durch die Innenstadt und machten einen Abstecher zu Notre-Dame. Am Ufer der Seine war das markante Bauwerk von weitem zu sehen. Wie klein man sich fühlt am Fuß dieser wuchtigen Fassade! Lutz Büge

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Frühling 1989 in Paris. Pause in der Grünanlage hinter Notre-Dame. Der Kumpel und ich sitzen auf einer Bank, trinken Bier und genießen die beschauliche Stimmung. Plötzlich hält ein Bus. Eine Gruppe Japaner springt heraus, fotografiert im Park wild drauf los und steigt wieder in den Bus, der im Schritttempo weitergefahren war. Wir schauen uns an, schütteln den Kopf, nippen am Bier. Oliver Teutsch

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Paris – das war für einen 15-Jährigen aus der schwäbischen Provinz bei der ersten großen Reise ohne Eltern sowieso schon überwältigend. Und dann wollte die französische Gastfamilie zur Osternacht in Notre-Dame. Was für Bilder! Der Erzbischof, der mit Weihwasserwedel die Gläubigen im dunklen Kirchenschiff bespritzte, die Gesänge, die Kerzen. Am Ende öffneten sich die gewaltigen Portale, und dieses Licht ergoss sich wie Wasser auf den Vorplatz der verdunkelten Kathedrale. Das war ein Moment, der bleibt und auch einen Protestanten tief beeindruckt hat. Andreas Hartmann

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Der Kopf weiß, dass es etwas völlig anderes ist – hier brennt eine Kirche. Doch im Herzen fühlt es sich an wie ein Déjà-Vu: die Flammen, die Rauchsäulen, der in Flammen stehende Turm, der einstürzt. Vielleicht trafen mich auch deshalb diese Bilder von Notre-Dame so tief, weil sie mich, für einen furchtbaren Moment, an das brennende World Trade Center erinnerten. An beiden Orten war ich nie – und war doch dort. Tanja Kokoska

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