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Saigon im Jahr 1967, kurz nach Greuel-Leimbachers Ankunft.
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Saigon im Jahr 1967, kurz nach Greuel-Leimbachers Ankunft.

Vietnamkrieg

Erinnerungen an den Vietnamkrieg: „Das Geböller an Sylvester konnte ich lange nicht ertragen“

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Vor 60 Jahren schickte der damalige US-Präsident John F. Kennedy die ersten Soldaten nach Vietnam. Während des Kriegs arbeitete die Schweizer Krankenschwester Ursula Greuel-Leimbacher in dem Land für das Rote Kreuz. Die heute 80-Jährige erinnert sich an durchwachte Nächte am OP-Tisch und einen rettenden Hubschrauberflug

Im Jahr 1966 fragte mich das Schweizerische Rote Kreuz, ob ich mit einem Team für eine gewisse Zeit als OP-Schwester nach Vietnam gehen würde, um dort die Zivilbevölkerung medizinisch zu versorgen. Nach Weihnachten 1967 kam ich in Vietnam an, da war ich 25. Schon zwölf Jahre lang herrschte in dem Land Krieg zwischen dem Süden, der von den USA unterstützt wurde, und dem kommunistischen Norden. Das Krankenhaus des Schweizer Roten Kreuzes befand sich in der Stadt Kon Tum im zentralen Hochgebirge. Dort sollte ich als Krankenschwester arbeiten.

Die Ärzte verdienten damals umgerechnet 200 Euro im Monat. Wir hatten ein Haus mit Ambulanz, weiteren Räumen und einem OP-Saal, wo wir alle Verletzten operierten und auch die Brandwunden versorgten, die die Napalm-Bomben der US-Amerikaner hinterließen. Auch viele Kinder hatten solche schlimmen Brandverletzungen. Es gab auch unzählige Unfälle wegen der Landminen. Die Kinder kannten nichts anderes als den Krieg. Sie spielten sogar mit den Granaten, die sie fanden.

Ursula Greuel-Leimbacher, (80), arbeitete in einem Krankenhaus im vietnamesischen Kon Tum. Heute lebt sie in Deutschland.

Die Wälder waren teilweise entlaubt, denn die USA setzten das giftige Entlaubungsmittel Agent Orange ein. Und es gab viele Bombenkrater.

Wir sprachen immer Französisch, nie Englisch, die Sprache der US-Streitkräfte. Und wir fragten nie, wen wir behandelten oder auf welcher Seite die Menschen kämpften. Tief beeindruckt hat mich das furchtbare Schicksal einer gespaltenen Familie mit zwei Söhnen, die wir gut kannten. Der eine war bei der südvietnamesischen Armee, der andere Sohn kämpfte für die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, also den Vietcong. Oft bekamen wir von ihnen einen Fingerzeig, wenn Aktionen geplant waren. Deshalb waren wir meist gut informiert, was vor sich ging.

In den umliegenden Dörfern lebten die Bergbewohner, Montagnards genannt, die von vielen Vietnamesen diskriminiert wurden. Sie hatten keine Schriftkultur, alles wurde von Mund zu Mund überliefert. Ich habe damals viele Fotografien gemacht. Diese Menschen hatten wenig Rechte, ihre Kinder durften nicht die Schulen besuchen, und ihre Produkte durften sie nicht auf dem örtlichen Markt verkaufen. Lebensmittel waren sehr teuer. Ein Kilo Orangen kostete damals einen Dollar. Es gab auch Korruption. Denn viele Südvietnamesen verdienten sehr wenig, während es in den Läden für die US-Amerikaner reichlich Knabberzeug, Zigaretten und Kondome gab.

Wegen der zahlungskräftigen ausländischen Soldaten blühte die Prostitution. In den Zeitungen, die die US-Amerikaner lasen, standen nur Propaganda und Lügen, dort wurde ihre „tolle Arbeit“ gelobt. Viele von ihnen soffen. Bei Kampfeinsätzen bekamen sie abends Aufputschmittel und dann am Tag Valium, damit sie schlafen konnten; die Kämpfe waren meist nachts. Die Soldaten wurden bei der Ausbildung in den USA übel behandelt und schikaniert, das nannten sie dann „Ausbildung“.

US-Soldaten bekamen abends Aufpustschmittel und morgens Valium um für den Kampf bereit zu sein, erinnert sich Greuel-Leimbacher.

In einer berüchtigten Spezialeinheit dienten sogar verurteilte Mörder, die sie aus dem Knast geholt hatten. Auch einige Montagnards, die sich in den Wäldern gut auskannten, aber auch oft unter Drogen standen, verdingten sich bei den US-Streitkräften.

Die Dorfgemeinschaften der Montagnards, die sehr viele Kinder hatten, waren unglaublich solidarisch. Wenn es Verletzte gab, sagten die Männer aus den Bergdörfern immer zu uns, dass wir uns zuerst um die Frauen und Kinder kümmern sollten. Ich habe dagegen einige Vietnamesen erlebt, die sich beschwerten, wenn sie nicht zuerst an der Reihe waren.

Es gab fast jede Nacht Angriffe. Pünktlich um 23 Uhr begannen die Bombardierungen durch die US-Armee und der Beschuss mit Granatwerfern, hauptsächlich zur psychologischen Kriegsführung. Das Ziel der B-52-Bomber war der Ho-Chi-Minh-Versorgungspfad, der den Norden Vietnams mit dem Süden verband, auch Elefanten dienten dem Vietcong als Lasttiere. Die US-Amerikaner bestachen die Einheimischen, damit sie ihnen die Verstecke des Vietcong verrieten.

Einmal schmiss ein zehnjähriger Junge, den der Vietcong beauftragt hatte, eine Bombe ins Polizeipräsidium von Kon Tum. Zum Glück gab es keine Toten.

Das Krankenhaus war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Da wir keine Möglichkeit hatten, das Blut zu untersuchen, wusste ich nichts über unsere Patientinnen und Patienten, wenn ich sie in Narkose versetzen musste. Aber Tuberkulose hatten fast alle.

Chronik: Die USA im Vietnamkrieg

Juli 1954: Bei der Indochinakonferenz wird Vietnam in Nord und Süd geteilt.

Dezember 1960: Im Norden entsteht die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams.

Mai 1961: US-Präsident Kennedy schickt rund 400 Spezialkräfte der Armee nach Vietnam.

Januar 1962: USA versprühen erstmals das als „Agent Orange“ bekannte Gift.

August 1964: USA bombardieren Nordvietnam.

März 1965: Mit der Operation Rolling Thunder verstärken die USA unter Präsident Johnson die Luftangriffe.

März 1965: 3500 US-Soldaten betreten Vietnam und damit erstmals seit dem Koreakrieg asiatischen Boden.

1967: Mehr als 500 000 US-Soldaten befinden sich in Vietnam.

Januar 1968: Bei der Tet-Offensive nehmen kommunistische Guerillagruppen Teile Saigons und andere Gebiete Südvietnams ein.

März 1968: US-Soldaten töten und vergewaltigen 504 Zivilist:innen in My Lai. Öffentlicher Druck gegen die USA nimmt zu.

Oktober 1968: Johnson stellt Bomben- angriffe gegen Nordvietnam offiziell ein.

Juli 1969: Der neue US-Präsident Richard Nixon verkündet den Abzug der Truppen .

September 1969: Ho Chi Minh stirbt an einem Herzinfarkt in Hanoi.

März 1970: Die USA beginnen die geheime Bombardierung kommunistischer Stützpunkte im neutralen Kambodscha.

März 1972: Nordvietnamesische Kräfte nehmen große Teile Südvietnams ein.

Dezember 1972: Nixon befiehlt einen der massivsten Luftangriffe des Krieges, bei dem die Städte Hanoi und Haiphong zerstört werden.

Januar 1973: Nach fünf Jahren Friedensverhandlungen unterzeichnen Nord- und Südvietnam das Pariser Abkommen zum Waffenstillstand. Es verpflichtet die USA zu einem kompletten Truppenabzug.

1973: USA bombardieren weiter Grenzgebiete Kambodschas, sowohl Nord- als auch Südvietnam brechen den Waffenstillstand.

April 1975: Die südvietnamesische Hauptstadt Saigon fällt. Die USA transportieren US-Truppen und Flüchtlinge aus Saigon.

Juli 1975: Nord und Süd werden als „Sozialistische Republik Vietnam“ unter kommunistischen Regime vereint. FR

Die Ärzte in Vietnam waren wirklich supergut, da sie es im Krieg mit so vielen verschiedenen Verletzungen zu tun hatten. Aber viele schluckten Psychopharmaka, um die Belastung durchzustehen. Uns half mitunter das Team des französischen Krankenhauses. Dorthin brachte ich etwa eine Frau mit einer Eileiter-Schwangerschaft, die wegen des Blutverlustes schon ganz weiß-grün im Gesicht war. Der vietnamesische Arzt sagte zu mir: „Notfälle gibt es bei uns nicht.“ Aber als er die Frau dann spätabends noch operierte, geschah das erstklassig in einem Tempo, dass ich bei der Assistenz kaum folgen konnte.

Selten gab es auch Angriffe von Tigern. Um sich vor den wilden Tieren zu schützen, waren damals alle Häuser der Bergvölker als Pfahlbauten errichtet worden. Einmal operierten wir stundenlang zu dritt den Kopf eines Verletzten, der an einem Wasserfall von einem Tiger attackiert worden war.

Schon als Kind war ich oft dabei, wenn mein Onkel, der in der Schweiz Tierarzt war, operierte. Er machte damals sogar als einer der Ersten bei trächtigen Kühen Kaiserschnitte, obwohl diese Methode noch nicht weit verbreitet war.

Sehr wertvoll waren bei der medizinischen Versorgung in Kon Tum und Umgebung die katholischen Nonnen. Zusammen mit ihnen kümmerten wir uns um ein Dorf in der Nähe, in dem Lepra ausgebrochen war. Wir behandelten die Geschwüre. Lepra ist übrigens gar nicht so ansteckend wie viele meinen. Ich hatte überhaupt keine Angst, selbst zu erkranken. Ich war immer kerngesund und litt während des Aufenthalts in Vietnam noch nicht einmal an Durchfall.

Ende Januar 1968 starteten die nordvietnamesische Armee und der Vietcong die Tet-Offensive, einen Überraschungsangriff auf breiter Front am Neujahrsfest. Die zahlenmäßig deutlich überlegenen US-Amerikaner wurden davon überrascht, viele waren zu der Zeit beurlaubt. Auch unser Haus, in dem wir schliefen, wurde vollständig bombardiert, obwohl es mit einem roten Kreuz markiert war, das man aus der Luft sehen konnte.

Die südvietnamesische Hauptstadt Saigon nach der Tet-Offensive 1968.

Meine Kollegin Francoise und ich waren vorher von der US-Hilfsorganisation USAID gewarnt worden und versteckten uns unter dem Bett in dem Gebäude eines Bauern am Rande von Kon Tum. Ich hatte unglaubliche Angst, aber meine Kollegin war mutig und legte sich vor mich, damit ich von keiner Kugel getroffen wurde. Am Tag danach kamen wir auf dem Weg zum Krankenhaus an vielen Toten vorbei, und in der Klinik gab es unheimlich viele Verletzte.

Aufgrund eines Abkommens der USA mit der Schweiz wurden wir schließlich in ein US-Militär-Camp gebracht. Es war schrecklich, wir kamen beim Transport an so vielen Toten vorbei. Kinder durchsuchten die Leichen nach Geld. Wir wurden in einem Bunker untergebracht, der total überfüllt war und so eng, dass man kaum sitzen konnte. Bei einem Beschuss wurde ich durch einen Granatsplitter leicht am Rücken verletzt.

Nach einer Woche wurden meine Kollegin, ich und weitere Ausländer nach Pleiku zwangsevakuiert, da die US-Armee nicht mehr die Verantwortung für unsere Sicherheit übernehmen wollte. Damit endete meine Arbeit als Krankenschwester in Vietnam, eine Rückkehr ins Hospital war nicht möglich.

Francoise besorgte mir vietnamesische Kleidung, falls der Helikopter notlanden musste. Der Pilot flog lange tief über einen Fluss. Als ich ihn nach dem Grund fragte, antwortete er mir: „Dann hat der Feind nicht so lange Zeit, auf uns zu zielen.“ Unser Helikopter war der einzige, der nicht abgeschossen wurde und dem es gelang, nach Pleiku durchzukommen. Nach etwa einer Woche wurden wir mit einem größeren Flugzeug nach Saigon transportiert.

Die Klinik in der die Schweizer Krankenschwester in Kon Tum arbeitete.

Die Hauptstadt war stark zerstört worden, viele Vietkong und Zivilisten waren getötet worden. Die Waisenhäuser waren voll, auf den Straßen begegneten mir eine große Zahl an verwaisten Kindern, darunter waren auch kleine Babys, die ihre Eltern verloren hatten. Sie schrien und blickten mich mit großen Augen an. Es dauerte einige Wochen, bis ich in meine Heimat die Schweiz zurückkehren konnte. Erst als ich zu Hause ankam, spürte ich die Angst. Solange ich aktiv war und etwas tun konnte, hatte ich sie nicht bemerkt. Aber in den Jahren danach habe ich kaum noch Angst gehabt. Nur das Geböller an Silvester weckte schlimme Erinnerungen, und ich konnte es jahrelang nicht ertragen.

Ich bin dann kurz nach meiner Rückkehr mit meinem späteren Mann nach Deutschland gezogen. Linke Gruppen luden mich zu Vorträgen in der Schweiz und vor allem in Deutschland ein, um von meinen Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg zu berichten. Durch die Studentenbewegung, die gegen den Krieg in Vietnam protestierte, war das Thema hochaktuell. In Köln sprach ich sogar vor mehr als 2000 Menschen, da war ich doch nervös. Leider habe ich meine Fotografien, die die Kriegsgräueltaten zeigten, verliehen und nicht zurückbekommen. Aber ich besitze immer noch Aufnahmen aus der Zeit. Das sind zum Teil Raritäten, die bei meinem späteren Besuch in Vietnam auf großes Interesse gestoßen sind.

2009 war ich noch einmal in Vietnam, fast 40 Jahre später. Ich wollte sehen, ob das Krankenhaus noch stand. Das kleine Hospital von Kon Tum war zu einer großen Klinik ausgebaut worden, die die ganze Region versorgte; von unseren Gebäuden war nichts mehr zu sehen. Nur die Landebahn des Militärflugplatzes existierte noch zum Teil und erinnerte an die damalige Zeit.

Es war für mich enttäuschend, dass sich fast niemand mehr an die Kriegszeiten und das alte Krankenhaus erinnerte, außer dem Portier und einem anderen Mann, der sehr an meinen Fotos interessiert war. Aber die Jungen erinnerten sich gar nicht mehr an den Krieg. Für sie war das etwas aus grauer Vorzeit.

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