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In Sevilla: Eigentlich waren die Absperrungen und Tribünenteile für die großen Prozessionen in den nächsten Tagen gedacht.

Spanien

Erinnerung und Vorfreude

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Normalerweise feiern die Spanier auf der Straße. Doch dieses Jahr fällt die Semana Santa - die „Heilige Woche“ - aus. Nur hier und da ein Trommelschlag, ein Trompetenklang, ein Bittgesang.

Da müsste mich schon die WHO anrufen, um die Semana Santa abzusagen“, sagte Juan Espadas, der Bürgermeister von Sevilla, noch am 10. März. Das sollte ein Scherz sein. Vier Tage später sagte er alle Festlichkeiten der Karwoche ab. Es blieb ihm auch gar nichts anderes übrig. Spanien wurde von der Regierung unter Quarantäne gestellt. Und die ist noch lange nicht vorbei.

Spanien feiert auch normalerweise keine Ostern, zumindest nicht wirklich. Der Domingo de Resurrección, der Auferstehungssonntag, ist eine Sache für Gläubige (von denen es in Spanien weniger gibt, als die Nordeuropäer annehmen) und außerdem Anlass für ein Familienessen, wie es die Spanier immer gerne begehen. Kann sein, dass dabei Kaninchen oder Eier auf den Tisch kommen. Österlicher wird’s nicht.

Die wichtigen Festtage sind die Tage davor. In Sevilla und anderen Städten wird die Semana Santa – die „Heilige Woche“ – mit größerer Inbrunst begangen als anderswo Weihnachten. Aber nicht zu Hause, sondern auf der Straße. Es ist eine schwitzende, duftende, tönende, plötzlich stille, farbenprächtige, strenge und dann wieder verspielte Woche. Nicht in diesem Jahr. Die Absage tut so weh, als wären Bescherung und Weihnachtsbaum verboten.

Fernsehsender und Videokanäle zeigen die Bilder vom vergangenen Jahr, in Sevilla die ganze Nacht vom Gründonnerstag auf Karfreitag, die Madrugá: das ist der Heilige Abend der Semana Santa. Zur Erinnerung und Vorfreude. Gemeinschaft gibt es nur auf den Bildschirmen. Und auf den Balkonen. Trommler trommeln, eine Trompeterin spielt die Trompete: einen Trauermarsch.

Ergriffene Nachbarn hören und applaudieren, alle anderen lassen sich von den Bildern und Tönen auf Youtube rühren. Flamencosänger tragen Saetas vor: Bittgesänge, wie sie während jeder Semana Santa von den Balkonen zu hören sind. Die Sängerin Diana Navarro aus Málaga singt Saetas in ihrer Wohnung und stellt sie ins Netz. Antonio Banderas, der die Quarantäne in seinem Haus in Málaga übersteht, ist bewegt: „Pures Andalusien, pures Málaga“, schreibt er.

Wahrscheinlich ist diese Semana Santa eine inniger empfundene als die anderen Semanas Santas, an die sich die meisten erinnern können. Marina Becerra, eine 16-jährige Sevillaner Schülerin, hat ein Plakat gemacht: eine Kollage aus Bildern aller Sevillaner Bruderschaften, davor im Profil eine Ärztin mit Mundschutz und zum Gebet gefalteten Händen. Die Großmutter stellte die Arbeit ins Netz, und jetzt ist Becerras Plakat die Ikone dieser Semana Santa. Die 16-Jährige, die einmal Industrieingenieurin werden will, sagt im Gespräch mit der Zeitung „ABC“: „Man kann die Semana Santa auch auf andere Weise leben. Als Zeit zum Nachdenken und zum Beten. Und hoffentlich eröffnet sich an diesem Auferstehungssonntag vor uns eine neue Zukunft, die brauchen wir wirklich.“

Die neue Zukunft wird aber noch ein paar Wochen auf sich warten lassen. Vorerst hat die Polizei die Zahl ihrer Kontrollposten auf den Fernstraßen erhöht: Damit auch wirklich niemand auf die Idee kommt, sich auf den Weg zu Freunden, Angehörigen oder an den Strand zu begeben. Bleib zu Hause! Die Spanier können es nicht mehr hören und sehen. Die nationale Straßenbehörde, die ansonsten zur Semana Santa vor Staus und Unfällen warnt, bedankt sich in diesem Jahr bei den Menschen für ihr Verantwortungsbewusstsein. Und sagt ihnen: „Alles was wir unterbrochen haben, wartet weiter auf uns.“ So lautet die frohe Osterbotschaft dieses Jahres.

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