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Lieblingsonkel vor wehenden Fahnen: 1.-Mai-Umzug in Heiligenstadt, 1982.

Honecker

Erichs Enkel

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Nicht nur für Roberto Yanez bedeutete der Mauerfall einen gewaltigen Umbruch. Während Honeckers echter Enkel 1990 nach Chile floh, freute sich seine Generation auf die große Freiheit – und kam doch nicht so einfach im Westen an wie gedacht. Unser Autor ist einer von ihnen.

Roberto und ich hatten nur zwei Mal Kontakt, und das auch nur per Mail. Und doch verbindet uns etwas. Ein Schatten, für den wir nichts können.

Ich hatte Roberto Yanez geschrieben, weil die Redaktion sich fragte, wie wohl Erich Honeckers Enkel, der seit 30 Jahren in Chile lebt, heute auf den Mauerfall und auf seinen Opa blickt. Ich selbst wollte eher wissen, ob er die neue Ost-West-Debatte verfolgt und wie er sieht, was seit der Flucht seiner Familie 1990 aus jenem Landstrich wurde, in dem einst in jeder Schule das Porträt seines Großvaters hing.

Was aus Roberto selbst geworden ist, hat er in Interviews, einem Dokumentarfilm und einem Buch erzählt. Es erschien nach dem Tod seiner Oma Margot, den er darin seinen persönlichen Mauerfall nennt. Daher wusste ich, dass ich zwar zur gleichen Generation gehöre wie er, der Sohn der Honecker-Tochter Sonja und des Exil-Chilenen Leo Yanez: Wir sind beide Mitte der 70er in der DDR geboren, er in der Hauptstadt, ich wie seine Großmutter in Halle/Saale. Ich ahnte, dass sich unsere Leben vor dem Mauerfall ähnlicher waren als danach. Obwohl meine Eltern weder privilegiert, noch Honecker-Fans waren, im Gegenteil. Aber der Schnitt von 1989, der im Osten auch die für immer prägt, die noch Kinder waren, hat mich beflügelt – und Roberto traumatisiert.

Mit 15 endete über Nacht sein Leben als Lieblingsenkel des Staatschefs, wurde der Opa von der Respekts- zur Unperson, von der eigenen Partei aus dem Häuschen geworfen, auf der Flucht vor wütenden DDR-Bürgern. Honecker an den Galgen, stand auf Plakaten. Robertos Eltern gingen mit ihm und der kleinen Schwester in die Heimat des Vaters, wo er nicht zurechtkam, die Eltern sich trennten, Opa Erich nach einer Odyssee todkrank ankam, starb. Roberto rutschte in Drogensucht und Depression. Es dauerte lange, bis er aus der Krise fand, die 1989 für ihn begann.

Seine Antwort auf meine E-Mail kam trotzdem schnell und war sehr freundlich. Über uns als Vertreter derselben DDR-Generation zu sprechen, „ist natürlich interessant“, schreibt er, sieben Tage nach seinem 45. Geburtstag. „Prinzipiell aber mache ich Interviews nur gegen Bezahlung, denn – das wissen Sie bestimmt – wir leben im Kapitalismus. Niemand kann es sich leisten, etwas kostenlos zu tun, ich auch nicht.“

Lieblingsenkel vor Selbstgemaltem: Roberto Yanez in Berlin, 2013.

Ich kenne diesen halb sarkastischen, halb resignierten Ton, den Subtext, dass heute auch nicht alles Gold ist, sehr gut. Aus meiner sächsischen Heimat. Aber nicht von meiner Generation, sondern von der unserer Eltern. Sie erkämpften vor 30 Jahren die Wende, sie spürten damals Hass auf Honecker, der für uns Jüngere nur noch ein allgegenwärtiger Opi war, dem die Stimme wegkippte, wenn er mal wieder dasselbe faselte.

Kapitalismus war sein Wort, sein Dauerfeindbild. Nun verwenden es unsere Eltern, wenn sie über ihre Enttäuschungen mit dem Westen sprechen, über die Schwächen des Sozialstaats, über die hohen moralischen Ansprüche des Westens, an denen er ständig selbst scheitert.

Anfang der Neunziger, als Roberto längst in Chile lebt und sein Großvater in Berlin wegen der Mauertoten vor Gericht steht, sagten die Erwachsenen uns Wendekindern: Ihr werdet die Einheit vollenden. Wenn erst unsere Generation die Verantwortung trage, würde niemand mehr entlang einer innerdeutschen Grenze denken.

Heute blickt der Westen verständnisloser denn je auf die Wahlergebnisse, den Krawall, die Ansichten im Osten. Wir 2,5 Millionen, die zwischen Mitte der Siebziger und Mitte der Achtziger in der DDR geboren sind, sind nicht zur ersten gesamtdeutschen, sondern zur „Dritten Generation Ost“ geworden: in der DDR nur Kinder, heute trotzdem nicht assimiliert. Erichs Enkel. Wie kann das sein?

Als Roberto Yanez Betancour 1974 zur Welt kommt, ist Oma Margot seit elf Jahren Bildungsministerin, Opa Erich seit drei Jahren Parteichef, zwei Jahre später wird er auch Staatsratsvorsitzender. Roberto wächst in einer der begehrten Neubauwohnungen in Berlins Mitte auf, bekommt vom Opa Westspielzeug, am Wochenende fährt ihn ein Chauffeur nach Wandlitz, wo 600 Angestellte die Waldsiedlung der SED-Kader in Gang halten. Roberto begleitet Opa zur Jagd, raucht mit den Personenschützern, spürt im Schulalltag Omas schützende Hand.

Aber er geht zur Polytechnischen Oberschule wie wir alle, Privatschulen gibt es nicht in der DDR.

Unser Schulalltag unterschied sich nicht vom Westen, mit Kindergeburtstagen und Pausenbroten, Strebern und Rowdies und Löchern in den Jeans. Nur, dass es auch Fahnenappell gab und ich, als meine Eltern die Nase von „diesem Staat“ längst voll hatten, zum Republikgeburtstag in Pionieruniform Ehrenwache vor einem Parteidenkmal in der Innenstadt stand.

Über die Pioniernachmittage schrieb ich als stellvertretender Gruppenratsvorsitzender Rechenschaftsberichte, in denen ich sicher auch mal Honecker zitierte. Daheim hörten wir Stones und Lindenberg und wurden darauf eingeschworen, in der Schule nicht zu erzählen, dass wir fast nur Westfernsehen gucken. Vor dem Wehrkundeunterricht ab Klasse 9 (den Margot Honecker einst eingeführt hatte) und der Pflichtzeit bei der Nationalen Volksarmee fürchtete ich mich – aber nur, weil ich unsportlich war. Ehe es für mich ernst wurde, war alles vorbei. Mein Vater ging heimlich zu den Montagsdemos in Leipzig, meine Mutter zu Diskussionsveranstaltungen, dann entfiel meine Popsendung im ZDF für Sondersendungen zum Mauerfall. Da war ich knapp 13.

Lieblingskinder, kurz vor dem Mauerfall: Jungpioniere in Ostberlin, 1986.

Im DDR-Radio lief plötzlich ein Lied, in dem ein kleines Mädchen sang: „Mami, wo ist Onkel Erich?“ Aus dem Text sprach das schlechte Gewissen unserer Elterngeneration, das Ganze so lange erduldet zu haben. Ich bin bis heute nie auf die Idee gekommen, ihr das vorzuwerfen. Als Achtundsechziger Ost taugten wir nicht, wahrscheinlich, weil wir bald ganz andere Sorgen hatten: Der Westen brach über alle Familien, Freundschaften, auch über uns Pubertierende herein wie ein Tsunami. Als sich das Wasser wieder senkte, gab es Gewinner und Verlierer, wobei die Verlierer fast alle in Ostdeutschland lebten und wenn man im Osten Gewinner und jung genug war, so wie ich, dann blieb man nicht mehr lange da. Der Aufbruch der Jugend war halb Flucht vor dem Mangel an Möglichkeiten, halb die Verlockung der Freiheit, der wir westwärts folgten – oft weit über Westdeutschland hinaus.

Roberto spürt 1990 in Chile keine neue Freiheit. Er geht zur deutschen Schule, ist aber überlastet mit der fremden Welt, der zerrütteten Familie, der Belagerung durch die Medien, den gnadenlosen Umgang mit dem Opa. Honecker erliegt 1994 dem Krebs. Roberto überwirft sich mit der Mutter, zieht bald zu Oma Margot, damals Anfang 70. Für uns DDR-Kinder war sie „der lila Drache“ (wegen des Violettstichs im weißen Haar), für Roberto bietet sie ein Zuhause. Das Kommando hatte sie schon geführt, als Opa noch Staatschef war.

In der Wohngemeinschaft mit „Robi“ gelten preußische Disziplin und sozialistische Ideologie, doch dem Gestrauchelten gibt das Halt. Und während Oma Kontakte zu Altkommunisten aus aller Welt pflegt, Kuba besucht und die Dankbarkeit Tausender Chilenen genießt, die einst vor der Militärdiktatur in der DDR untergetaucht waren, bricht nun auch Roberto auf: in Poesie und Kunst. Sein Ausweg ist der Surrealismus.

Äußerlich erinnert nichts an ihm an den Großvater: Er ist groß, stämmig, sein Haar schütter und lang, er trägt Bart und Latino-Hippie-Klamotten. Offen kritisiert er bald Selbstgerechtigkeit und Dogmatismus der Großeltern. 1999 erscheint sein erster Gedichtband. Seit 2002 lebt er von der Kunst, eher schlecht als recht. Seit 2004 ist er clean. 2013 stellt er seine Bilder in Berlin aus, betritt erstmals „großdeutschen“ Boden, wie Oma sagt. 2016 stirbt Margot Honecker.

„Sie war leider niemals in der Lage, ihre revolutionäre Gesinnung mit Selbstkritik zu verbinden“, sagt er später. Solange sie lebte, war er deshalb „von der DDR eingefangen: ihr letzter Bürger.“

Ich bin da nicht so sicher.

Es stimmt zwar: Als ich zum zwanzigsten Mauerfalljubiläum in dieser Zeitung über uns Wendekinder schrieb, war auch ich sicher, dass es das letzte Mal ist. 30 Jahre nach dem Mauerfall würde die Mauer ja länger weg sein als sie überhaupt stand. Auch ich glaubte, wir könnten die Einheit vollenden.

Für mich hieß das da allerdings längst nicht mehr, dass wir Ostler einfach genauso werden wie es die Westler schon immer waren. „Zusammenwachsen“ würde bedeuten, dass auch wir den Westen verändern. Etwas einzubringen hätten. Gleichberechtigung der Frau, flächendeckende Kitas, Polikliniken, längeres gemeinsames Lernen, eine Brücke nach Osteuropa.

Wir hatten inzwischen das nötige Selbstbewusstsein. Wir waren im Westen wie im Osten zu Hause, hatten einen fundamentalen Umbruch gemeistert, dann Auslands- und Praktikumsstationen. Ich habe in Frankfurt am Main und Ohio gelebt, in Südafrika und Washington gearbeitet und fühle mich doch als Ostler. Das sei folglich keine Schwäche mehr, „nur weil wir von der Westnorm abweichen“, endete mein Text damals. Und: „Wenn das mit den eingetretenen Wegen nicht vereinbar ist, bitteschön. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir uns eigene suchen.“ Es war optimistisch gemeint, konstruktiv. Es war mein Traum von Deutschland.

Er endete mit Pegida und AfD, mit Heidenau und Höcke, mit Chemnitz und den Statistiken, wonach Ossis nicht mal im Osten eine nennenswerte Zahl an Spitzenpositionen besetzen. Was die „dritte Generation Ost“ einbringen wollte, hatte sich im Westen schnell versendet. Wir hatten übersehen, dass zwar wir hochqualifizierten und weltoffenen Ossis erfolgreich waren – aber anderswo.

Wenn wir zu Weihnachten heimkehrten, erwartete uns nicht unsere unter einer Zeitglocke konservierte Kindheit, von der unsere Altersgenossen aus Schwaben, Bayern und Westfalen schwärmten. Unsere Heimat, das waren plötzlich die Städte und Dörfer in völlig neuem Glanz. Aber auch menschenleere Innenstädte; ein schleichender Niedergang, für den die Schließung der großen Fabriken als erste Mauerfall-Folge nur der Anfang war; die mal lauten und mal unausgesprochenen Klagen der Eltern, dass davon im Fernsehen wenig die Rede war. Es war Westfernsehen geblieben.

Wir Weihnachtsbesucher sind wie glückliche Versionen von Roberto Yanez: Wir haben den Osten hinter uns gelassen, und da vor allem jene, die den abschätzigen Blick des Westens und das schlecht nachgeäffte Sächsisch bald nicht mehr weglächeln mochten; und auch die, die als Jugendliche in den wilden Neunzigern Orientierung am rechten Rand gefunden hatten. Ich hatte mich nie gefragt, was aus ihnen geworden war, seit sie erwachsen und selbst Eltern sind.

Nun wissen wir es. Die Ossis gehen tatsächlich eigene Wege. Ich hatte nur nicht geahnt, wie sehr der Frust dabei die Richtung weisen würde.

Wer das immer noch mit Erichs Erbe erklären will, wurde gerade von der größten Jugendstudie des Landes widerlegt: Sie ergab, dass auch die 12- bis 25-Jährigen im Osten ganz anders ticken als im Westen, im Guten wie im Schlechten. Ich habe die Studie gerade in mein Regal gestellt, zwischen Dutzende Bücher über Mauerfall, Einheitsprobleme und, ja, auch über die DDR. Die „Letzten Aufzeichnungen“, die Erich Honecker 1992 im Knast in Moabit niedergeschrieben hatte, fand ich 2012 so spannend, dass ich sie sofort gekauft und gelesen habe. Im Urlaub. Im Ernst. Wann mich die DDR und ihr Personal samt Nachfahren wohl nicht mehr interessiert? Nach 40 Jahren Mauerfall? Einem halben Jahrhundert?

In meiner zweiten Mail an ihn habe ich Roberto Yanez gefragt, ob er noch über die DDR nachdenkt oder spricht, drüben in Chile. Auch weil ich vermute, dass es viel seltener ist als bei mir. Das dürfte stimmen, sagt mancher, der noch sporadischen Kontakt zu ihm hat.

Roberto Yanez selbst schrieb in seiner letzten Mail nichts dazu. „Einige meiner Beiträge erhalten hohe Einschaltquoten, die Medien verdienen damit“, antwortete er nur auf meinen Hinweis, dass wir Interviewpartner nie bezahlen. „Warum sollte ich ohne einen Euro nach Hause kommen? Ist das nicht ein klassisches Ausbeutungs-Schema?“

Heute lädt er auf Youtube Videos hoch, in denen er zur Gitarre eigene Lieder vorträgt. „Ein alter Vogel hat schwere Augen. Er weiß zu viel“, singt er in einem der melancholischen Stücke. „Es wird genossen, dass er nicht hier ist. Er ist weit weg.“

Egal, wen Roberto damit meint: Weit genug ist er wohl noch nicht weg.

Die FR-Serie: „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Wie bringen wir die Demokratie, wo sie zu verderben droht, wieder zum Blühen? Fragen, die sich 2019 mit besonderer Dringlichkeit stellen:

Das Grundgesetz wurde im Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt, und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Damit befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ noch bis Anfang November.

In den kommenden vier Wochen werden wir unter dem Stichwort „Brüche“ Geschichten erzählen von Menschen, deren Leben von Wirrungen und Wendungen geprägt wurden. Wir betrachten das Wort Bruch näher, auch, um die hellen Seiten dieses oft eher mit Angst und Unsicherheit besetzten Begriffs zu beleuchten. Und um Mut zum Bruch zu machen.

Als PDF-Download  bekommen Sie unsere Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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