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Respekt bis Erniedrigung: So wichtig sind Möbel und Sitzordnung bei Politiker-Treffen

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Von: Axel Veiel

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Zwei Herren mittleren und etwas höher als mittleren Alters sitzen in Anzügen gekleidet weit voneinander entfernt an den Enden eines langen Tisches.
Viel Raum für Ideen? Oder Zeichen von Distanz? Wladimir Putin und Emmanuel Macron am 7. Februar in Moskau. © Imago/Russian Look

Putins Tisch, Erdogans Sofa: Möbel sind bei politischen Treffen enorm wichtig. In der jüngeren Vergangenheit finden sich Zeichen von Respekt und Erniedrigung.

Moskau – Natürlich hat sich Wladimir Putin etwas dabei gedacht. Russlands Staatschef wird seinen französischen Kollegen Emmanuel Macron schließlich nicht am Ende eines sieben Meter langen Marmortischs platziert haben, weil an den kleineren Tischen des Hauses an jenem Februartag nichts frei war.

Zufälle haben in der Spitzendiplomatie keinen Platz. Wenn es um so Brisantes wie Krieg und Frieden in der Ukraine geht, schon gar nicht. Vielmehr wird im Vorfeld eines solchen Gipfeltreffens geregelt, was sich irgendwie regeln lässt. Die Auswahl des Mobiliars gehört dazu.

Sitzordnung und Möbel bei Politiker-Treffen: Bilder vermitteln Botschaften

Für den Gastgeber heißt das, sich beizeiten zu fragen: Soll jemand erhöht sitzen, über den anderen thronen? Oder empfiehlt sich eine Begegnung auf Augenhöhe? Gilt es, einen Gast zu erniedrigen, ihn auf tiefen Polstern Platz nehmen zu lassen, wo er zu anderen aufschauen muss?

Braucht es einen Tisch? Einen länglichen etwa, der es erlaubt, bedeutende Besucher an der Stirnseite zu platzieren und weniger bedeutende ins Seitenaus abzuschieben? Soll das Mobiliar Kühle ausstrahlen, die Anordnung Distanz schaffen? Oder gilt es, Wohlfühlatmosphäre zu verbreiten, Nähe zu ermöglichen?

Was aus Zeiten zu rühren scheint, da Könige die Noblen des Reiches um sich scharten, sie ehrten oder demütigten, entspringt nüchternem Kalkül. Von Diplomaten manchmal bis zur Unkenntlichkeit abgefeilte Gipfelerklärungen finden in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Bilder vom Gipfel stoßen auf mehr Interesse. Mit ihnen lassen sich Botschaften vermitteln. Auf den ersten Blick zeigen sie Menschen und Möbel. Auf den zweiten künden sie oft auch von Macht und Ohnmacht.

Politischer Zündstoff durch Möbel: Runder Tisch statt Kopfenden als Kompromiss

Beim jüngsten Krisentreffen zur Ukraine in Russland hatte Putin für Frankreich-Präsident Macron eine Begegnung auf Augenhöhe arrangiert. Was den Russen allerdings nicht hinderte, mit einem monströsen Möbelstück zu illustrieren, welch monströser Macht er sich erfreut. Oder hatte er anderes im Sinn?

Als Schweizer Botschafter hat Tim Guldimann in Teheran oder auch Berlin hinter die Kulissen geguckt. Als Leiter der OSZE-Friedensmission in Tschetschenien war er an den Moskauer Friedensverhandlungen beteiligt, die der damalige Staatschef Boris Jelzin mit dem kommissarischen Präsidenten der abtrünnigen Republik führte.

Ein Herr mittleren bis höheren Alters mit kurzen Haaren sitzt in einem Anzug gekleidet an einem Tisch, die Hände übereinandergelegt.
Auch der frühere Schweiz-Botschafter Tim Guldimann fühlte sich schon deplatziert. © Imago/Lichtgut

Schon damals habe der Verhandlungstisch Gesprächsstoff, ja Zündstoff geliefert, erzählt Guldimann. Jelzin habe das Kopfende für sich beansprucht, dem Rebellenführer nur die Seite zugestehen wollen. Am Ende habe man sich darauf verständigt, an einem runden Tisch zusammenzukommen.

Erdogan und von der Leyen: Sofagate als Beispiel für Erniedrigung durch Möbel

Ein anderer ehemaliger Botschafter, der Deutsche Berndt von Staden, verdeutlicht in seinen Memoiren, dass Machtdemonstration und Wohlfühlatmosphäre einander nicht ausschließen müssen. Auf das Oval Office verweist er, den Amtssitz des Präsidenten der USA.

Von Staden beschreibt den Raum als „hell und anmutig, vor dem Kamin zwei Stühle im Colonial Style, am Boden ein schwedisch-blauer Teppich, dahinter eine geschwungene Fensterwand – gleichsam das Arbeitszimmer eines wohlhabenden virginischen Plantagenbesitzers“.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan wiederum hat im April vergangenen Jahres vorgeführt, dass sich mit Möbeln Unwohlsein verbreiten lässt. Ein Schauspiel der Erniedrigung hat er in seinem Palast inszeniert. Opfer war die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Sofagate: Erdogan erniedrigt von der Leyen durch Sitzordnung und Möbel

Ein irritiertes „Ääähm“ entfuhr ihr, als sie feststellen musste, dass der Gastgeber nur für den mitgereisten EU-Ratspräsidenten Charles Michel und sich selbst in der Türkei Stühle bereitgestellt hatte, nicht aber für sie. Auf einem seitlich versetzten Sofa musste sie Platz nehmen. So niedrig war es, dass sie nicht anders konnte, als zu den beiden Männern aufzuschauen. Trotzdem: Die Bundesregierung kommentierte den Sofagate genannten Vorfall nicht.

Und so war das Ganze wohl auch gedacht. Nachdem von der Leyen die Türkei zum „Respekt der Frauenrechte“ aufgerufen hatte, wollte der Staatschef offenbar deutlich machen, was er davon hält. Kurze Zeit später sah das auf einmal anders aus: Nach dem Sofagate in der Türkei äußerte sich Erdogan auf einmal glücklich über von der Leyens Führungsrolle.

Erdogan wird gewusst haben, wie es sich anfühlt, von tief liegenden Polstern aufschauen zu müssen. Sein Botschafter in Tel Aviv dürfte es ihm erzählt haben. Nach einer von den Israelis als diskreditierend empfundenen türkischen Fernsehserie war der Diplomat ins Jerusalemer Außenministerium zitiert worden, wo er nach langer Wartezeit auf einem niedrigen Sofa Rede und Antwort zu stehen hatte.

Möbel bei Politiker-Treffen in Moskau: Welche Bedeutung hat Putins Tisch?

Aber auch Tim Guldimann musste Zurücksetzung über sich ergehen lassen. Der Groll darüber ist ihm noch heute anzumerken. Beim Botschafter aus Großbritannien war es gewesen, in Berlin, wo der Schweizer von 2010 bis 2015 die Interessen seines Landes vertrat. Der Gastgeber saß am Kopfende des Tisches, ihm gegenüber nahm einer seiner Mitarbeiter Platz. „Mir wurde die Seite zugewiesen“, erzählt Guldimann, „auf den ersten Blick eine Banalität, auf den zweiten aber nicht“.

Dass die Zusammenstellung der Möbel nicht dem Zufall geschuldet ist, heißt aber nicht, dass die dahintersteckende Absicht immer offen zutage träte. Tim Guldimann, der selbst schon in Moskau Krisengespräche geführt hat, vermutet hinter der Wahl des XXL-Tisches beim jüngsten Treffen schlicht Putins Angst, sich bei Macron mit Corona anzustecken. (Axel Veiel)

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