Medina Azahara: benannt nach der Lieblingskonkubine Abd al-Rahman III.  
+
Medina Azahara: benannt nach der Lieblingskonkubine Abd al-Rahman III.

Al-Andalus

Córdoba: Das friedliche Erbe von al-Andalus

  • vonNicole Schmidt
    schließen

Córdoba ist die einzige Stadt mit vier UNESCO-Welterbestätten. Alle erinnern an die maurische Epoche, als dort Muslime, Christen und Juden meist friedlich miteinander lebten und arbeiteten. Ein Ortsbesuch.

Hernando Vicente sitzt in seiner Werkstatt im alten jüdischen Viertel Córdobas über einem Wandbild aus gegerbter Ziegenhaut. Ein Unikat, auf dem wundersame Blumen und orientalische Arabesken ranken. Der Andalusier in den Fünfzigern hat das Muster erst vorgezeichnet, dann mit einem Punziereisen ins Leder eingeprägt, rot und grün bemalt, mit Blattsilber verziert. Nun kommt noch der letzte Schliff, das Polieren mit Wachs. Es ist eine aufwändige Prozedur. Vicente liebt diese Arbeit. „Ich bin stolz drauf und fände es sehr schade, wenn diese uralte Tradition des Lederhandwerks verlorengeht. Wir sind nicht einmal mehr ein Dutzend unserer Zunft“. Heute verschönern sie auch Gürtel, Rucksäcke, Geldbörsen und edle Taschen aus Leder. Dabei arbeiten sie noch genauso wie ihre Berufskollegen vor mehr als 1000 Jahren, deren Kunden einst Kalifen, Adlige und reiche Kaufleute waren.

Córdoba: Die goldene Zeit der Vergangenheit 

Das waren goldene Zeiten, sagt Vicente, damals, als die Araber weite Teile Spaniens beherrschten und ihre großartige Handwerks- und Baukunst in al-Andalus eingeführt hatten. „Und wir, die Juden und Christen, lernten diese Kunst von ihnen und haben sie weitergeführt. Die Qualität unserer Lederverarbeitung war weltweit so bekannt, dass man von Córdoban sprach.“

Cordobas ganzer Stolz: die Patios.  

Córdoba war im 10. und 11. Jahrhundert neben Konstantinopel und Bagdad mit einer halben Million Einwohnern eine der größten Metropolen der Welt – und Hauptstadt eines unabhängigen Kalifats. Der Aufstieg der Stadt begann im Sommer des jahres 711, als arabische Truppen die Meerenge von Gibraltar überwanden und Westgoten-König Roderich und seine Heere besiegten. Sehr schwer muss das nicht gewesen sein: In der zuvor römischen Provinz herrschte politisches Chaos – die unterdrückten Juden sollen den heranstürmenden Reitern sogar die Stadttore Córdobas geöffnet haben.

Es dauerte nicht lange – und den Eroberern standen große Teile von Hispania offen. Denn auch andere südspanische Städte kapitulierten lieber als aussichtslos zu kämpfen und ausgeplündert zu werden – zumal die Mauren ihnen bessere Bedingungen einräumten. So zahlten sie brav die zusätzlichen Steuern. Zehntausende Araber wanderten ein und mischten sich unter die Millionen Menschen, die damals auf der iberischen Halbinsel lebten. Unter den neuen Herrschern durften alle ihren Glauben behalten. So fanden Mauren, Christen unterschiedlichster Strömungen und Juden zueinander, intellektuell, kulturell, religiös. Natürlich nicht ohne Konflikte. Aber es gab – bis zur endgültigen christlichen Rückeroberung im Jahre 1492 – immer wieder Perioden, in denen ein friedliches Miteinander und Kooperation möglich waren. Und Al-Andalus entwickelte sich zu einem glänzenden Stück Morgenland im mittelalterlichen Europa mit seinen Ritterburgen, romanischen und gotischen Kathedralen.

Córdoba: Die glänzende Stadt

Córdoba glänzte besonders. Die Straßen waren gepflastert, nachts beleuchtet, es gab sogar fließendes Wasser. In den 1600 Hamams tauschten sich Philosophen und Politiker aus. Auf den Märkten wurden Seide, Safran, Koriander, Zimt, Muskat und Nelken feilgeboten. Der Omaijaden-Führer Abd al-Rahman III griff dann ab 929 ins Volle. Er ernannte sich selbst zum Kalifen. Im Grunde zum Gottkönig – und holte sich damit weit mehr Macht als seine Vorgänger, die Emire, die ähnlich wie Fürsten weltliche Herrscher waren. Weil er in Córdoba selbst keinen angemessenen Platz für seine Residenz fand, ließ Abd al-Rahman III seine Palaststadt zehn Kilometer außerhalb bauen. Er nannte sie nach seiner Lieblingskonkubine Medina Azahara, „die leuchtende Stadt“. Seit kurzem ist sie ein Welterbe der Menschheit - und es steht allen offen.

Wer den versunkenen Ort besuchen will, fährt hinein in eine mediterrane Ebene, in der Zypressen, Maulbeerbäume und Palmen in den Himmel wachsen und Ziegen neben kleinen weißen Bauernhöfen grasen. Das Land ist fruchtbar, genährt vom Fluss Guadalquivir, beschützt vom Gebirgszug der Serra Morena. Entsprechend führt der Weg ein Stück hinauf zur alten Palaststadt.

Prunkstadt mit subtiler Hierarchie 

Heute ein katholisches Gotteshaus: die Mezquita Córdoba.

Doch viel ist von der sagenhaften Medina Azahara nicht übriggeblieben. Daher empfiehlt sich vorab der Weg ins Besucherzentrum, in dem die Ruinen in Video-Rekonstruktionen wieder zum Leben erwachen. Man erfährt dort, dass die Prunkstadt in Anlehnung an die Neigung des Berghangs fast rechteckig auf drei großen Stufen angelegt war, was eine subtile Hierarchie ergab. Dass 10 000 Arbeiter eingesetzt wurden, um die Paläste, Wohnhäuser, Verwaltungs- und Militärgebäude aus verputztem Kalkstein, verschwenderischen Gärten und Moscheen zu bauen. Dass römische Kanalsysteme genutzt wurden, es einen Zoo mit Elefanten und Giraffen gab und die Bibliothek angeblich 400 000 Bücher umfasste. Die ausländischen Staatsgäste müssen vor Ehrfurcht erstarrt sein.

Mit diesen Bildern im Kopf können die Besucher heute zwischen dicken Palastmauern hinuntergehen, über weißen Marmorboden streichen, in Becken für Wasserspiele blicken und über Latrinen stehen, die – immer noch erkennbar – mit Handwaschbecken und Spülung ausgestattet waren. Durch Torbögen in Schlüssellochform, vorbei an Kapitellen mit zart ziselierten Stuckarbeiten, führt der Weg zum Herzstück, dem gut erhaltenen Goldenen Salon, der mit Elfenbein und Ebenholz, rotem und blauem Marmor, Gold und Edelsteinen verziert war. Dort hilft die Fantasie, um sich vorzustellen, wie selbst Botschafter des Heiligen Römischen Reichs und des byzantinischen Kaisers die Kunde von diesen Wundern des Kalifenstaats verbreiteten. Was wohl noch alles unter der Erde liegt? Schätzungsweise zehn Prozent der alten Palaststadt sind ausgegraben, die nach nur knapp 100 Jahren zerstört aufgegeben und vergessen wurde, bis Archäologen sie Anfang des 20. Jahrhunderts völlig überwuchert wiederentdeckten und heute nach und nach ausgraben.

Córdoba: Kulturerbe des Friedens 

Traditionelle Arbeit: der Lederbildkünstler Hernando Vicente.

Die Mezquita steht noch in ihrer ganzen Pracht hinter der Römerbrücke. Sie zählt zu den größten Sakralbauten und wird bis heute genutzt. Allerdings nicht als Moschee und Versammlungsort für alle wie zu Zeiten al-Andalus, sondern als katholisches Gotteshaus. Täglich lesen Priester in der „Mezquita-Catedral“, so der offizielle Name, die Messe, sonntags mehrmals. So viel wurde schon darüber geschrieben: Über den steinernen Palmenwald, die eleganten rot-weiß-gestreiften Hufeisenbögen, die goldschimmernde Gebetsnische, den Mihrab, die erst im 16. Jahrhundert brutal in die Mitte hineingesetzte gotische Kathedrale. Und so viele Fotos haben Abertausende von Touristen darin geknipst. Doch erst wenn man im Inneren steht, offenbart einem dieses fast 1100 Jahre alte Bauwerk seinen ganz besonderen Zauber. Das raffinierte Lichtspiel, die kaum fassbare Anzahl von polierten, matten, schwarzen, braunen Säulen, die trotzdem harmonieren, die perfekte Geometrie, der riesige Saal für 20 000 Betende, das Neben- und Ineinander von abendländischem Beichtstuhl, Kapellen, barocken Kitschbildern, morgenländischen Goldmosaiken und fein bemalter Muschelkuppel: Was für ein einmaliges Doppelwesen. Und welches Glück für die einstige Moschee: Sie beeindruckte selbst die christlichen Eroberer so, dass sie es nicht wagten, sie niederzureißen, wie sonst üblich.

Von außen wirkt die Mezquita, wie die Cordobeser sie weiterhin nennen, wie ein monumentaler, steinerner Klotz. Vielleicht, weil sie umgeben ist von den kleinen, dicht zusammengedrängten, kalkweißen Häuschen mit vergitterten Fenstern im einstigen Judenviertel, der Judería. Ebenfalls Welterbe der Menschheit. Es entstand, als viele Juden in das als tolerant geltende Kalifat zogen. Heute herrscht rund um die Mezquita und an der Uferpromenade des Guadalquivir im Sommer touristisches Gedränge, bei all den Souvenirläden, Restaurants und Bars. Im Winter sind vor allem Andalusier unterwegs. In den verwinkelten Nebengassen ist es still. An Hernando Vicentes Arbeitsplatz, dem Lederwarenladen Meryan. Vor dem Denkmal für den Rabbi, Arzt und jüdischen Gelehrten Maimonides, vermutlich 1135 in Córdoba geboren. Vor der Synagoge, eine der drei noch verbliebenen in Spanien. Außen schmucklos, bietet sie innen eine exotische Kombination aus hebräischen Inschriften, kunstvollen Bögen und Wänden mit arabisch anmutenden Ornamenten: Ein erlesenes Zeugnis des von den Mauren beeinflussten Mudejár-Stils.

Auch Manuel Cerezo, der ein paar Gassen weiter einen Filigranschmuck-Laden betreibt, hat dieses Erbe hinübergerettet. „Mein Bruder und ich sind weltweit die einzigen, die diesen Schmuck noch so herstellen, seit Generationen. Eigentlich müsste ich auch aufgeben, bei all der Billig-Konkurrenz, die mit Maschinen arbeitet. Aber es ist gleichzeitig mein Hobby!“, sagt er. Ohrgehänge, Ringe, Armbänder: alles aus allerfeinsten Silberkügelchen zusammengeschweißt mithilfe von Feuer, das der sanfte Mann im grauen Kittel mit dem Mund über einen Schlauch auf das Schmuckstück bläst. „Zu Zeiten al-Andalus konnten solche Arbeit nur die Juden verkaufen, weil sie mehr Wert hatte als das reine Gewicht des Silbers. Das galt bei Christen als Wucher und bei den Moslems als unschicklich“. 65 Euro für handgefertigte und mit einem Diamanten geschliffene Silber-Ohrringe mit Ornamenten aus dem Goldenen Salon der Medina Azahra, die Glück bringen sollen: Erbstücke von al- Andalus.

Ein weiteres Kulturerbe sind die Patios, das sind Innenhöfe. Córdobas ganzer Stolz. 4000 verteilen sich in der Altstadt. Und die Bewohner hegen und pflegen sie mit Hingabe. Sie dienen als Gemeinschaftszimmer und Garten, oft für mehrere Häuser, abgeschirmt von der Welt hinter schlichten Mauern verborgen, und einsehbar nur durch Tore oder Gitter. Außer zu einem großen Wettbewerb im Mai, wenn an 13 Tagen viele Patios geöffnet werden und der schönste gekürt wird. Der Patio des Restaurants „Puerta de Sevilla“ ist einer der wenigen, die immer öffentlich zugänglich sind. Er ist vom Boden bis zu den Wänden geschmückt, mit blau bemalten Blumentöpfen und Keramikkübeln, in denen Geranien, Rosen, Margeriten, Hortensien, Orangenbäumchen, Bougainvillea blühen. Es quillt aus Schalen in jeder Ecke, rankt um einen Brunnen, schäumt aus alten Körben. Gerne sitzen die Anwohner dort, treffen sich mit Nachbarn, plaudern, entspannen, feiern. Das ist schon seit vielen Jahrhunderten so. Und selbst Neubauten folgen den alten Modellen. Die Mauren waren es, die mit ihrem Sinn für Ästhetik begonnen hatten, die einst römischen Atriums so fein auszugestalten. Weil sie das Plätschern des Wassers so liebten, den Duft des Jasmins, die schattenspenden Grünpflanzen. Für sie waren die Patios ein kleines Abbild vom Paradies. Die Touristen erleben sie heute als lebendigstes, sinnlichstes Erbe von al-Andalus.

Kommentare