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„Er wird vergessen, dass er mich liebt“

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Von: Philipp Hedemann

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Das Holz gibt ihm Halt: Oskars Vater mit einer Wurzel, die er gefunden und bearbeitet hat.
Das Holz gibt ihm Halt: Oskars Vater mit einer Wurzel, die er gefunden und bearbeitet hat. © M. Moosherr

Doch bis dahin will Oskar Seyfert so viel Zeit wie möglich mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater verbringen. Ein Gespräch mit dem Teenager über Schicksal, Hoffnung und die Frage, was in Erinnerung bleibt.

Oskar, hat Dein Vater Dich heute erkannt?

Ja. Zum Glück erkennt er mich immer. Zumindest noch.

Verstehst Du ihn immer, wenn ihr euch unterhaltet?

Nein, seine Aussprache wird immer undeutlicher, und selbst wenn ich ihn verstehe, weiß ich nicht immer, was er meint.

Alzheimer führt auch zu einer deutlich verkürzten Lebenserwartung. Macht Dir das Angst?

Es gibt auch Leute, die kein Alzheimer haben, die im hohen Alter keine große Lebenslust mehr haben. Darum glaube ich, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man mit 70 statt mit 85 Jahren stirbt. Trotzdem ist es doof zu wissen, dass mein Vater ohne die Krankheit wahrscheinlich länger leben würde.

Was ist das Schlimmste an Alzheimer?

Dass man immer mehr vergisst und deshalb immer weniger kann. Bei meinem Vater lässt das Gedächtnis nach und sein Körper wird schwächer. Noch kann er sich alleine anziehen und alleine essen, aber es fällt ihm leichter, wenn man ihm dabei hilft. Als die Krankheit vor fünf Jahren diagnostiziert wurde, konnte und wusste er noch sehr vieles. Aber mittlerweile hindert sie ihn am Denken. Inzwischen sind ganz viele Sachen und Namen aus seinem Gedächtnis verschwunden. Wenn man ihm etwas sagt, kann es passieren, dass er es sofort wieder vergisst. Vor allem solange die Betroffenen das noch merken, ist es schlimm. Mein Vater nimmt das noch wahr und leidet darunter. Er würde oft gerne helfen, kann es aber nicht mehr.

Weil die Krankheit meist erst bei älteren Menschen ausbricht, gibt es nur sehr wenige 15-Jährige, die einen an Alzheimer erkrankten Vater haben. Haderst Du damit, dass ausgerechnet Dein Vater krank geworden ist?

Nein. Es gibt viele Familien, in denen jemand schwer krank wird oder irgendetwas anderes passiert, das das Leben der ganzen Familie verändert. Vielleicht ist es Pech? Vielleicht ist es Schicksal?

Oskar Seyfert, 15, lebt mit seinem 58 Jahre alten Vater, seiner 50 Jahre alten Mutter, seinem 13 Jahre alten Bruder und seiner elf Jahre alten Schwester in Hamburg. Wenn er nicht gerade ein Buch schreibt, spielt er Fußball, macht Krafttraining oder beschäftigt sich mit Philosophie.
Oskar Seyfert, 15, lebt mit seinem 58 Jahre alten Vater, seiner 50 Jahre alten Mutter, seinem 13 Jahre alten Bruder und seiner elf Jahre alten Schwester in Hamburg. Wenn er nicht gerade ein Buch schreibt, spielt er Fußball, macht Krafttraining oder beschäftigt sich mit Philosophie. © Marianne Moosherr

Verbringst Du viel Zeit mit Deinem Vater?

Wir essen meistens gemeinsam als Familie. Manchmal gucke ich einen Film mit meinem Vater, manchmal gehen wir mit unserem Hund spazieren. Oder wir unterhalten uns einfach.

Kann Dein Vater längeren Gesprächen noch folgen?

Es ist mittlerweile schwer, mit ihm über Kants „Kritik an der reinen Vernunft“ oder andere schwierige Dinge zu debattieren. Wir können nur noch über einfache Themen sprechen. „Wie geht’s dir? Wie geht’s dem Hund? Mochtest Du das Essen?“ Die Komplexität der Gespräche nimmt ab.

Du schreibst, dass ihr Deinen Vater eines Tages nicht mehr zu Hause pflegen können werdet. Schmerzt diese Vorstellung?

Meine Mutter hat sich vorgenommen, dass wir ihn erst in ein Pflegeheim bringen, wenn er es nicht mehr richtig realisiert. Es wird also nicht so sein, dass er dann traurig oder verletzt sein wird. Das wird es für uns leichter machen. Ich hoffe natürlich, dass er noch ein paar Jahre bei uns bleiben kann. Aber wenn die Krankheit sich jetzt total rasant entwickelt und er in einem halben Jahr gar nichts mehr hinkriegt, werden wir diesen Schritt wohl früher gehen müssen.

Dein Buch trägt den Titel „Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben“. Nach dem, was Du erzählt hast, klingt es nicht gerade nach einem Privileg, einen alzheimerkranken Vater zu haben …

Natürlich ist das schlecht und eine Herausforderung, die uns täglich anstrengt. Aber genau diese Herausforderung macht die Krankheit auch zum Privileg: Es kann etwas Gutes daraus entstehen.

Wie meinst Du das?

Da meine Geschwister und ich täglich getestet werden und uns täglich anstrengen müssen, um mit der Krankheit klarzukommen, werden wir auf eine gewisse Art besser aufs Leben vorbereitet. Weil wir Erfahrungen gemacht haben, die andere Kinder und Jugendliche nicht gemacht haben, sind wir auf gewisse Art tougher als andere in unserem Alter. Das kann einem später im Leben durchaus helfen. Einer meiner Freunde hat mal gesagt: „Wenn Du in Deiner Kindheit überhaupt keine Probleme hattest, ist genau das Dein Problem.“ Ich denke, dass es gut für den Charakter ist, wenn man als Kind größere Herausforderungen bestehen musste, als nur das Seepferdchen-Abzeichen zu machen.

Ein hoher Preis, den Du da zahlst.

Definitiv! Natürlich fände ich es besser, wenn die Krankheit einfach nicht mehr da wäre. Darum spreche ich auch eher vom Privileg der Abhärtung als vom Privileg der Krankheit.

Du schreibst, Dein Vater habe mit dem Fortschreiten der Krankheit für Dich immer weniger Vorbildfunktion. Warum sollte ein kranker Mensch kein Vorbild sein können?

Früher hat mein Vater viel gemacht und gewusst, worauf ich sehr stolz war und was ihn für mich zum Vorbild gemacht hat. Er hat als Arzt Menschenleben gerettet. Aber es ist jetzt nicht mehr möglich, diese Sammlung an tollen Erinnerungen zu erweitern, weil die Krankheit meinen Vater daran hindert, Dinge zu tun, die ihn für mich zum Vorbild machen können.

Oskar Seyfert: „Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben“, Westend Verlag. Das Buch ist seit Montag erhältlich und kostet 12 Euro.
Oskar Seyfert: „Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben“, Westend Verlag. Das Buch ist seit Montag erhältlich und kostet 12 Euro. © westend verlag

Das klingt sehr hart.

Vielleicht werde ich ihn später mal dafür bewundern, wie er mit der Krankheit umgegangen ist. Aber gerade fällt mir nichts ein, wofür ich ihn jetzt bewundere.

Wenn Eltern alt werden, müssen die Kinder sich oft um sie kümmern. Ist es bei euch zu früh zu einem Rollenwechsel im Vater-Sohn-Verhältnis gekommen?

Ja, das ist zu früh passiert. Aber das ist nicht das Schlimmste an der Krankheit. Das Schlimmste ist das Vergessen.

Hat die Krankheit Dir einen Teil Deiner Kindheit und Jugend genommen?

Vielleicht. Wobei ich sagen würde, dass meine Geschwister und ich immer noch normal sind – trotz der Krankheit. Ob man eine gute Kindheit hat, hängt nicht nur davon ab, ob man einen gesunden Vater hat.

Was macht einen guten Sohn aus?

Ein guter Sohn hat die Verpflichtung zu versuchen, das Beste aus seinem Leben zu machen.

Und was macht einen guten Vater aus?

Dass er sein Kind lieb hat. Darum macht es mir Angst, dass mein Vater eines Tages vergessen wird, dass er mich liebt.

Wie möchtest Du Deinen Vater in Erinnerung behalten?

Ich weiß, dass es mir nicht möglich sein wird, ihn so in Erinnerung zu behalten, wie ich das gerne hätte. Eigentlich hofft man ja immer, dass nur die guten Erinnerungen übrigbleiben. Aber das hieße ja, die Krankheit zu verdrängen. Aber die Krankheit wird bei den Erinnerungen an seine letzten Jahre im Vordergrund stehen. Trotzdem hoffe ich, dass ich mir auch viele der Erinnerungen aus der Zeit erhalten kann, als mein Vater noch alles konnte.

Dein Vater wird vermutlich schon bald keine Erinnerungen mehr an die Zeit mit Dir haben. Tut das weh?

Schon bevor er stirbt, wird mein Vater Alzheimer im Endstadium haben und sich an gar nichts mehr erinnern. Auch nicht an mich. Ich werde damit leben müssen, dass er mich gekannt hat, mich am Ende aber nicht mehr kennen wird. Ich weiß nicht, ob ich an den Himmel glaube. Aber sollte er dort hinkommen, fände ich es schön, wenn er mich dann von dort oben sieht.

Interview: Philipp Hedemann

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