Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“: Stephan Remmler 2016 in der TV-Show „Das große Schlagerfest“.
+
„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“: Stephan Remmler 2016 in der TV-Show „Das große Schlagerfest“.

Stephan Remmler

Stephan Remmler zum 75. Geburtstag: Er fliege hoch bis zum Mond

  • VonMax Dax
    schließen

Stephan Remmler feiert seinen 75. Geburtstag. Wer könnte ihn nicht lieben? Eine Würdigung.

Frankfurt – Der Legende nach hatte Louis Spillmann, der Boss der Plattenfirma PhonoGram, 1979 eine geniale Idee: Er setzte Klaus Voormann, den legendären Bassisten, Produzenten, Gestalter und „fünften Beatle“ darauf an, für PhonoGram als Talentscout zu wirken. Noch war die Neue Deutsche Welle ein Underground-Phänomen. In der BRD blickte man Ende der Siebzigerjahre auf ein musikalisch grandioses Jahrzehnt zurück – Bands wie CAN, Kraftwerk, Faust, Harmonia, Tangerine Dream oder Amon Düül hatten Meisterwerke veröffentlicht, auch wenn sie dafür vor allem im Ausland gefeiert wurden.

Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Krieg hatte eine neue Generation von jungen Musikern gezeigt, dass Popmusik der Gegenwart sich nicht zwangsläufig auf angloamerikanische Bluesskalen, Beat-Harmonien und englischsprachige Songtexte beziehen musste, um international Gehör zu finden. Aber wie zu fast jeder Jahrzehntwende ist nichts so alt wie die Meriten von gestern. Disco, Punk und New Wave drängten die Musik, die in England auf den Namen „Krautrock“ hörte, aus dem Rampenlicht.

Stephan Remmler: Entdeckt vom Beatles-Freund Klaus Voormann

Nominell als Talentscout unterwegs, besuchte Klaus Voormann in diesen Tagen des Umbruchs ein Trio-Konzert in der Provinz und bot ihnen noch vor Ort einen Plattenvertrag an. Voormann, der eng mit den Beatles befreundet gewesen war, hatte die Popwelt im Auge des Beatlemania-Hurricanes erlebt, hatte als Deutscher somit einen internationalen Blick auf die hiesige Musikszene. Er suchte mit den Ohren eines Weitgereisten nach einem originär hiesigen Ausdruck – nach einem Ausdruck, der im eigenen Land geflissentlich ignoriert wird.

Und mit dem Trio-Sänger und Mastermind Stephan Remmler war er auf einen gleichgesinnten Irren gestoßen, einen extrem charismatischen und zugleich Philosophisch-Vergrübelten, der einen natürlichen Hang zur direkten Aktion hatte. Im Fußball würde man sagen: der einen Zug zum Tor hatte.

Stephan Remmler, der verschmitzter Dadaist

Stephan Remmler, der am heutigen Montag (25.10.2021) 75 Jahre alt wird, verkörperte zu Beginn der Achtzigerjahre einen neuen Typus Musiker und Sänger. Er war ein androgyner Asket, ein verschmitzter Dadaist, ein Mann, der wusste, dass manchmal ein paar auffällige Hosenträger, ein extremer Kurzhaarschnitt und ein lautes Megaphon genügen, um sich visuell wie akustisch abzusetzen und sich konfrontativ einem ganzen Land einzuprägen. Die Neue Deutsche Welle kannibalisierte sich derweil in Dieter Hecks „ZDF-Hitparade“ selbst. Herausragende Bands wie Palais Schaumburg, Malaria! oder Einstürzende Neubauten, die die Neue Deutsche Welle überhaupt erst ausgelöst hatten, verschwanden angesichts des Erfolgs von Bands wie Ideal, DÖF oder Markus unter dem Radar.

Zu den wenigen genuinen, auch kommerziell herausragenden Bands der NDW gehörten Fehlfarben, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Der Plan, Rheingold und eben Trio. Im Kampf um Bedeutungshoheit und ökonomischen Erfolg standen sie für einen neuen, kommerziell skalierbaren Weg jenseits von Krautrock, den Musik aus Deutschland gehen kann. Freilich wurde dieser Weg im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie übertönt vom radiofreundlicheren Sound von Fräulein Menke, Nena oder der Spider Murphy Gang.

Stefan Remmler: Immer wieder „Da da da“

Wie Trio geklungen haben, bevor sie 1982 ihren Welthit „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha*“ auf der zweiten Auflage ihres Debütalbums veröffentlichten, ist auf der ersten Auflage ihres Debütalbums zu hören. Schlagzeug, Gitarre, Gesang, gelegentlicher Einsatz von Megaphon und Casio-Keyboard. Die Band Trio, bestehend aus Sänger Stephan Remmler, Gitarrist Kralle Krawinkel und Schlagzeuger Peter Behrens, hatte mit ihren stark New Wave-, Punk- und Reggae-beeinflussten Songs eine enorme Präsenz auf der Bühne und dank Klaus Voormanns schnörkellos-minimalistischer Produktion auch auf Platte, und Stephan Remmler sang mit einer natürlichen Autorität, die ihresgleichen suchte.

Als „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha*“ veröffentlicht wurde, verwandelten sich Trio über Nacht zu den Poster Boys der Neuen Deutschen Welle. Das geniale Video zu dem Song drehte Dieter Meier, in dessen Yello-Studio in der Züricher Roten Fabrik Trio ihr Debütalbum aufgenommen haben. Meiers Video spielt in den Gasträumen des von einem Mitglied der Wiener Gruppe, Oswald Wiener, geführten Künstlerrestaurants EXIL in Westberlin – dem Epizentrum der Film-, Musik-, Kunst- und Theaterszene in der Frontstadt Westberlin, der Tränke einer kosmopolitischen Künstler-avantgarde, an dem sich Weltstars wie David Bowie, Iggy Pop, Joseph Beuys, Hanna Schygulla und Rainer Werner Fassbinder auslebten.

Stefan Remmler: Auch als Solist erfolgreich

Aus einem pop-strategischen Blickwinkel betrachtet, agierte Stephan Remmler als Gesicht, It-Boy und Frontmann von Trio mit schlafwandlerischer Sicherheit, sicherlich auch ermutigt durch den Spin Doctor Voormann, der Auftreten, Präsenz und Sound der Band als Produzent maßgeblich mit beeinflusste.

Anderthalb Jahre, nachdem die Neue Deutsche Welle Ende 1984 abzuebben begann, veröffentliche Stephan Remmler 1986 sein erstes, selbstbetiteltes Soloalbum. Mit den Songs „Keine Sterne in Athen (3-4-5x in einem Monat)“, „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei (Krause & Ruth)“ und „Vogel der Nacht“ feierte Remmler 1986 drei Hits in Folge, wobei „Alles hat ein Ende“ sich in der Folge sogar zum ultimativen, bis heute populären Karnevalsschlager entwickelte.

Die Ablehnung vieler Trio-Fans, aber auch vieler, vor allem männlicher Musikerkollegen, die Stephan Remmler mit seinem Solodebüt erfuhr, würde man heute als Shitstorm bezeichnen. Allerdings positionierte sich Stephan Remmler mit seinem extrem intelligent durchdeklinierten Schlageralbum zugleich als äußerst erfolgreiche Antipode oder Gegenthese zum deutschen Charts-Mainstream – mittlerweile bestimmten Emo-Deutschrocker wie Herbert Grönemeyer, Klaus Lage oder Marius Müller-Westernhagen die bundesrepublikanische Hitparade. Mit seiner Entscheidung, als Solokünstler zu reüssieren, verlor Remmler Legionen von Fans, aber er gewann auch Legionen hinzu.

Stefan Remmler hatte stets eine Empathie für die Gestrandeten

Einmal erzählte mir Stephan Remmler bei einem Abendessen, dass er es als größte Anerkennung empfunden habe, als er realisierte, dass es seine über Bande gedachten Schlager in viele Jukeboxes heruntergekommener Bierspelunken geschafft hätten. Die Anerkennung habe schließlich nicht bloß darin bestanden, dass die Gäste Groschen und Markstücke in die Jukeboxes steckten, sondern vor allem darin, dass er die sogenannten „einfachen“ Menschen erreicht habe, die sich, vielleicht aus Einsamkeit, Abend für Abend an einer Biertulpe ihrer Eckkneipe festklammern. In seinen Songs ist auf alle Fälle stets eine genuine Empathie für die Gestrandeten, die vom System Ausgesonderten, die Alkoholiker und die Loser der Städte zu spüren – eine echte, aber immer auch selbstironische Respektsbezeugung.

Tatsächlich zog Remmler auf seinem Debütalbum alle Register des Schmalzes bis hin zu volkstümlicher Blasmusik. In dem Song „Unter einen kleinen Decke in der Nacht (Das Kuschellied)“ setzte er einen zuckersüßen Kinderchor ein, und für den Song „Lass mich einmal noch wieder bei dir sein“ bestellte er gleich das gesamte Wiener Polizeiorchester ins Studio.

Mitte der Achtzigerjahre waren die ästhetischen Fronten verhärtet. Wer sich, wie Stephan Remmler es tat, ernsthaft und voller Respekt der Volksmusik und dem Schlager näherte, bekam den geballten Hass der „ernsthaften“ Musikerinnen und Musiker ab. Anders als heute, war es in den Achtzigerjahren schwer vorstellbar, sowohl Einstürzende Neubauten als auch Stephan Remmler zu hören.

Als Hit-Garant hatte Stephan Remmler Anfang der Neunzigerjahre ausgedient

Stephan Remmlers großes Verdienst ist in diesem Sinne, dass er sich gleich mehrfach während seiner langen Karriere furchtlos den losen Enden einer deutschsprachigen Liedkultur widmete, die durch die kulturellen „Säuberungen“ der Nazis im Dritten Reich jäh und brutal unterbrochen worden war. Geradezu forensisch zeigte sich Remmler an der DNA bayerischer Bierzeltmusik, aber auch den bizarren Seemannsliedern Freddie Quinns interessiert und versuchte, an diese Narrative anzuknüpfen. Indem er sich an diesen Erzählsträngen abarbeitete, knüpfte er nicht zuletzt an die musikalische Tradition deutscher Unterhaltungsmusik an, die nicht zwangsläufig alleinig in die Hände einer mafiösen Schlager-Clique gehören.

Mit seinen Alben „Lotto“ (1988) und „Projekt F – Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle“ (1991) scheiterte Remmler allerdings bei seinem Versuch, die integre Erfolgsformel seines Debütalbums in einen Dauererfolg zu übersetzen – auch wenn beide Alben prall gefüllt waren mit großartigen (potenziellen) Jukebox-Hits. Der Stern des Sängers, der wiederholt und mit enormem kommerziellen Ertrag den Mut aufgebracht hat, Konventionen aufzubrechen, befand sich im Sinken. Im Sinne einer Karriere als Hit-Garant hatte Stephan Remmler Anfang der Neunzigerjahre ausgedient.

Rückzug nach Lanzarote

Ich habe Stephan Remmler 1993 in Hamburg kennengelernt, als er sein viertes Soloalbum „Vamos“ veröffentlichte – in gewisser Hinsicht sein letzter, wenngleich glückloser Versuch, an die eigenen Hits anzuknüpfen. Er habe eigentlich ein leichtes, lustiges Album unter dem Titel „BarbarellaMortadellaohneTeller“ veröffentlichen wollen, die Single „Bitte Bitte Barbarella“ war Anfang 1992 bereits erschienen. Aufgrund der anhaltenden rassistischen Ausschreitungen in Ostdeutschland sei ihm das Album in seiner Tonalität aber nicht mehr als angemessen erschienen.

Er verwarf das Album, nahm neue Songs auf, warf andere raus, und möglicherweise traf er an dieser Stelle auch Fehlentscheidungen. „Vamos“ floppte kommerziell, Stephan Remmler zog sich in den Folgejahren auf seine Finca auf Lanzarote zurück. Aber alles kein Problem, denn beständiges Radio-Airplay sowie der gelegentliche Verkauf von Synchronisations-Rechten zur Nutzung von Trio-Musik in internationalen Werbeclips spülte verlässlich Tantiemen in die Kasse eines Mannes, der vielleicht nicht ganz freiwillig, auch nicht wirklich spektakulär, aber am Ende doch würdevoll aus dem Rampenlicht herausgetreten ist.

Stephan Remmlers Songs sind Zeitmaschinen

Auf „Vamos“ fand sich mit „Das Leben liebt den, der viel liebt“ übrigens einer der bis heute schönsten Songs des Jahres 1993. Dessen Zeilen „Das Leben liebt den, der viel liebt / Das war so, und es wird auch so bleiben / Wer viel gibt im Leben, der kriegt viel zurück / Wer anderen Glück bringt, hat selber viel Glück“ hallen noch immer nach. Vor allem aber offenbaren sie wie unter einem Brennglas, dass Stephan Remmler in seinen Songtexten immer auch auf der Suche nach einem empathischen Lebenssinn gewesen ist, den es in einfachste und für jeden verständliche Zeilen zu gießen galt.

Das waren sie noch Trio: Stephan Remmler mit Schlagzeuger Peter Behrens und Gitarrist Kralle Krawinkel in den 80er Jahren.

Mittlerweile haben seine Schallplatten so viel Staub, Knackser und Patina angesetzt, dass, wenn man sie abspielt, sie wie Kratzer in der Zeit wirken – bei Stephan Remmlers Songs handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um Zeitmaschinen, die uns in eine Ära befördern können, an deren Anfang 1979 der Nato-Doppelbeschluss stand und an deren Ende der Mauerfall und der Beginn des Neo-Liberalismus.

Wenn Stephan Remmler heute seinen 75. Geburtstag begeht, mag man dies zum Anlass nehmen, einen Künstler wiederzuentdecken, der wie kein Zweiter ein turbulentes Jahrzehnt deutschsprachiger Musik geprägt hat. In einer Zeit, in der man sich als Randfigur der Gesellschaft noch nicht mit Social Media hatte ablenken können, tröstete Stephan Remmler seine Hörerinnen und Hörer mit Liedern, an denen man sich festhalten konnte. Eine schönere, tiefer empfundene Respektsbezeugung gegenüber dem eigenen Publikum ist kaum vorstellbar. Indem Stephan Remmler seinen „Vogel der Nacht“ bis hinauf zum Mond fliegen ließ, „um zu schauen, wo die Liebste jetzt wohnt“, sprach er all jenen aus dem Herzen, die durch gemeine Winkelzüge des Lebens – denn „einer ist immer der Loser, einer muss immer verlieren“ – aus der Bahn geworfen worden waren. Darauf einen Enzian. Ach warten Sie! Nein, Herr Ober, machen Sie mir doch bitte gleich einen Doppelten! Und noch ein Bier, ja? Danke vielmals. (Max Dax)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare