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Teresa greift nach dem Kasten, will ihn selbst in die Hände nehmen, selbst öffnen, selbst reinschauen. Be-greifen meint ursprünglich genau das.

Babylab

Die kleinen Besserwisser

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Wie lernen Babys, das Verhalten anderer Menschen zu verstehen? Ab wann mischen sie sich ein ins Geschehen? Und ab wann korrigieren sie die Erwachsenen? Birgit Elsner weiß das alles.

In Golm am Rande von Potsdam steht eines der Universitätsviertel der Stadt. Rechteckige Klötze mit modernen Büroräumen an langen Fluren. Die Zimmer sind durchnummeriert. Das erleichtert die Orientierung, verstärkt aber den Eindruck einer sich selbst genügenden Bürokratie. Ein klügerer Mensch sollte einmal etwas schreiben über die heute grassierende Vorstellung, dass die Menschen und ihre Zwecke sich den Gebäuden anpassen sollen statt umgekehrt.

Im ersten Stock von Haus 14 sieht es anders aus. Hier ist es bunt. Cartoons von Tieren und Blumen hängen auf dem Flur. In einem der Büros gibt es Babyspielzeug und eine Wickelkommode. Wir sind angekommen im Babylab. Hier wird die Entwicklung von Babys und Kleinkindern erforscht.

Leiterinnen des Instituts sind die Professorinnen Birgit Elsner, deren Gebiet die Entwicklungspsychologie ist, und Barbara Höhle, Expertin für Spracherwerb. Birgit Elsner, 50 Jahre alt, kinderlos, zeigt die Untersuchungsräume und beantwortet meine Fragen. Als ich versuche, einen Scherz zu machen, und darauf hinweise, dass sie in Hameln geboren sei, in der Stadt also, in der einst ein Rattenfänger alle Kinder entführt haben soll, lacht sie freundlich und erklärt mir, sie würden die Kinder hier nicht ent-, sondern höchstens verführen. Sie müssten im Babylab ihre Studien so gestalten, dass die Kinder ihren Spaß hätten, sonst würden die nicht mitmachen.

Wir gehen hinüber in den Raum, in dem die Studien stattfinden. Ein Tisch, auf ihm ein Holzkästchen, ein Stuhl auf der einen, einer auf der gegenüberliegenden Seite. Rechts und links Videokameras, die jede Bewegung, jede Mienenregung des Kindes aufzeichnen. Es gibt auch Räume, in denen die Bewegungen der Augen mit Spezialkameras verfolgt werden oder in denen die Kinder verdrahtete Kappen aufgesetzt bekommen, die die Gehirnaktivitäten registrieren.

Was zählt für ein Kind?

Jetzt aber geht es nur um einen einzigen, technisch nicht sonderlich aufwendigen Versuch. Eine junge Frau kommt mit einem Kleinkind, in diesem Text soll es Teresa heißen. Teresa ist 18 Monate alt, hat blonde Locken und schenkt jedem von uns ein Lächeln. Die Kleine ist noch nicht richtig da und hat uns schon um die Finger gewickelt.

Die Mutter setzt sich auf einen der Stühle, Mady Wilhelm, die Assistentin von Birgit Elsner, nimmt gegenüber Platz. Teresa beobachtet unseren Fotografen sehr aufmerksam. Dann aber wendet sie sich der Assistentin zu. Die zeigt Teresa, dass das Holzkästchen einen Deckel hat, den man öffnen kann, und dass etwas im Kästchen ist. Sie zeigt nicht nur. Sie sagt auch immer, was sie macht. Also: „Guck mal, ich will das jetzt aufmachen. Siehst du, wie ich es aufmache? Drinnen ist ein Vogel. Siehst du den Vogel? Jetzt mache ich es gleich noch mal.“

„Wir lernen unser ganzes Leben lang nicht so viel wie in den ersten Monaten unseres Lebens“, sagt Psychologie-Professorin Birgit Elsner.

Später erzählt Birgit Elsner mir, dass bei einem anderen Kind dasselbe gesagt wird, dann aber wird das Holzkästchen geschlossen. Wonach richten sich die Kinder? Nach dem, was gesagt, oder nach dem, was getan wird? Je jünger die Kinder sind, desto weniger interessiert sie das Gesagte. Sie machen einfach nach, was die Erwachsene ihnen vormacht. Die Kinder im Alter von Teresa stutzen meist schon. Sie schauen nach der Mutter und wollen wissen, was die von dem hält, was die Frau da macht. „Bei einem zweijährigen Kind dagegen kann es vorkommen, dass es die Kiste nimmt, sehr bestimmt öffnet und noch ,auf‘ dazu sagt. So geht das richtig, belehrt es die Erwachsenen.“

Birgit Elsner wehrt meine Verblüffung darüber, dass schon Zweijährige uns belehren, ab. „Die Kleinen durchschauen uns schon viel früher. Aber jetzt erst können sie es sagen, und so begreifen wir es dann auch.“ Schuld ist der „Vokabelspurt“. In den Monaten um den zweiten Geburtstag wandern zahllose Wörter aus dem passiven in den aktiven Wortschatz.

„Ich höre das Wort zum ersten Mal“, sage ich. „Sie haben es sich gemerkt! Kinder sind mit eineinhalb Jahren so weit, dass sie sich ein neues Wort bei einer ersten Erwähnung merken können“, erwidert Birgit Elsner. „Diese Fähigkeit ist mir schon seit Jahren verloren gegangen“, kokettiere ich. „Wir lernen unser ganzes Leben nicht so viel wie in diesen ersten Monaten unseres Lebens“, erinnert mich die Professorin.

Birgit Elsner untersucht, ab wann Kinder einen Sinn hinter den Bewegungen, dem Verhalten der Erwachsenen wahrnehmen. Im ersten Lebensjahr sind für Kinder die Ziele oder auch Effekte einer Handlung wichtig. Dass das Glas hochgehoben wird zum Beispiel, dass der Ball dort drüben landet. Wie es dazu kommt, welche Bewegung dazu nötig war, interessiert sie noch nicht. Dass etwas geschieht, dass man etwas ändern kann, das absorbiert die Aufmerksamkeit.

Erst ab dem ersten Geburtstag interessiert sich das Kind für das Wie, erklärt Birgit Elsner: „Da beginnt auch das Interesse an Werkzeugen. Ende des zweiten Lebensjahres kommt noch etwas hinzu: Die Kinder interessieren sich für die Gefühle und die Gedanken, die den Handlungen anderer Menschen zugrunde liegen. Wir wissen ja, wie schwierig das ist und wie sehr man beim Gedankenlesen danebenliegen kann. Diese Fähigkeit trainieren wir seit unserem zweiten Geburtstag.“ Kinder wissen dann auch schon, dass wir ihnen sagen, was wir tun wollen. Darum korrigieren sie auch freudig, wenn wir etwas anderes machen, als wir sagen.

Zurück zu Teresa: Das Kind greift nach dem Kasten. Es will ihn selbst in die Hände nehmen, selbst öffnen, selbst reinschauen. Be-greifen meint ursprünglich das. Wohl auch die Lust daran. Die ist nicht zu übersehen. Die Entschlossenheit, mit der Teresa das Kästchen zu sich zieht, um den Vogel drinnen oder den Storch außen zu sehen. Als sie dann noch entdeckt, was für einen Krach es macht, wenn man den Deckel mit Schmackes zuschlägt, macht sie es gleich drei, vier Mal.

Selbst Neugeborene, erklärt Birgit Elsner, sind keine unbeschriebenen Blätter. Sie reagieren von Anfang an ganz anders auf eine Punkt-Punkt-Komma-Strich-Zeichnung, die an ein menschliches Gesicht erinnert, als zum Beispiel auf dieselbe, aber auf dem Kopf stehende Zeichnung. Neugeborene ziehen auch die menschliche Sprache dem Klang einer Gitarre vor. Sie können schon unterscheiden zwischen dem Klang der Sprache ihrer Mutter und dem einer anderen Sprache. „Wenn ein Kind geboren wird“, erklärt Birgit Elsner, „lebt es schon seit neun Monaten. Wir fangen jetzt erst an, die Entwicklung der Wahrnehmung schon beim Fötus zu untersuchen. Das wird möglich durch 3D-Ultraschallverfahren, die wirklich gute Bilder vom Fötus bringen. Damit hat ein englischer Kollege jetzt herausgefunden, dass schon der Fötus stärker auf Lichteinfälle reagiert, die einem Gesicht ähneln, als auf die, die keine Ähnlichkeit mit einem Gesicht haben. Das wäre schon sehr bemerkenswert. Denn der Fötus hat ja noch nie ein Gesicht gesehen. Aber das muss noch durch weitere Studien abgesichert werden.“

Eine heiß umstrittene philosophische Frage haben die Kleinkinder-Studien der vergangenen Jahre freilich schon klar beantwortet. Wir wissen jetzt: Es gibt ein Denken vor der Sprache. Kleinkinder kennen die Welt schon sehr gut, sie nehmen sie auch geordnet wahr, lange bevor sie Sprache verstehen oder gar selbst sprechen.

Birgit Elsner berichtet von Studien, die zeigen, dass Babys sich wundern, wenn ein Ball eine Schräge hinaufrollt. Es wurde auch nachgewiesen, dass schon das Neugeborene zwischen belebten und unbelebten Gegenständen unterscheidet. Es scheint so etwas wie ein „angeborenes Kernwissen“ zu geben.

Schon Zweijährige versuchen, Absichten und Gefühle zu erkennen

„Mich interessiert vor allem das Soziale, das Psychische“, sagt Birgit Elsner. „Wenn wir sehen, wie jemand schnell über den Flur läuft, dann versuchen wir sofort herauszubekommen, warum er das tut. Wir springen nicht auf und fragen ihn. Sondern uns gehen alle möglichen Gründe für sein Verhalten durch den Kopf. Dann sehen wir sein Gesicht und wissen: Er rennt nicht vor Angst oder Ärger, sondern vor Freude. Meist können wir dann auch vorhersagen, was dieser Mensch als Nächstes tun wird. Zweijährige machen das genauso. Auch sie beobachten genau, wie andere Menschen sich verhalten und versuchen die dahinterliegenden Absichten oder Gefühle herauszubekommen.

Teresa ist ruhig und freundlich. Also frage ich: „Schreien Babys in allen Sprachen gleich?“ „Nein“, antwortet Birgit Elsner. „Schon im Mutterleib nehmen die Föten die Sprachmelodie wahr, die da draußen gesprochen wird. Französische Babys schreien schon früh Papá, während deutsche Pápa rufen. Babys erkennen also nicht nur den Klang der Muttersprache. Sie nehmen ihn auch auf in die eigene Lautproduktion. Bis zum sechsten Monat können Kinder noch Laute einer jeden Sprache wahrnehmen und unterscheiden. Danach engt sich das ein auf die Laute, die sie brauchen, um sich in ihrer Sprach-Umgebung zurechtzufinden.“ Ich bin überrascht, wie früh der Verdummungsprozess der Spezialisierung einsetzt.

Birgit Elsner erinnert mich daran, wie Teresa nach dem Kästchen griff. Das Kind habe unmittelbar vor dem Zugriff die Geschwindigkeit verlangsamt, um genau zugreifen zu können. Das erst mache eine zielgerichtete Bewegung aus. Babys erlernen das Zugreifen im ersten Lebensjahr, und Studien aus dem Babylab zeigen, dass sie gleichzeitig auch solche Veränderungen in den Bewegungen von anderen Menschen erkennen. Das hilft ihnen dabei, die Ziele oder Absichten von Erwachsenen zu erkennen und vorherzusagen, was jemand wohl als Nächstes tun wird.

Interessant ist, dass wir auch so sprechen. Wir markieren die zentrale Aussage eines Satzes. Oft durch eine Pause, die wir vor dem entscheidenden Begriff machen. Wir takten unsere Handlungen so, wie wir unsere Sätze takten. Jetzt kommt so etwas wie Stolz in die Stimme von Birgit Elsner: Sie berichtet von einer gerade veröffentlichten Studie an Erwachsenen, bei der ihr Forschungsteam herausgefunden hat, dass das Gehirn ähnlich reagiert, ganz gleichgültig, ob man gesprochene Sätze hört, in denen eine kurze Pause gemacht wird, um einer Sache Bedeutung zu verleihen, oder ob man das in einer Handlungsabfolge sieht. „Das ist etwas völlig Neues. Wenn sich das in weiteren Untersuchungen, vielleicht sogar mit Kleinkindern, bestätigen sollte …“

Als Teresas Mutter das Kind auf den Arm nimmt und uns verlässt, achtet Teresa darauf, sich von jedem von uns mit einem Lächeln zu verabschieden. Ich habe gerade gehört, dass wir alles erlernen. Aber keine Sekunde denke ich, dass Teresa ihr Lächeln gelernt hat. Ich bilde mir ein: Sie ist einfach freundlich und heiter der Welt zugewandt. Hoffentlich bleibt sie so.

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