Kindesentführungen

Entführungen in Japan: Das Kind ist einfach weg

„Kinder würden sich immer für beide Eltern entscheiden“, sagt Echternach.

Immer wieder verlieren Kinder durch Trennung den Kontakt zu einem Elternteil. Sehr häufig geschieht dies in Japan, wo aufgrund von Rechtslücken Entführungen quasi legal sind. Selbst internationale Verträge, die das verbieten sollen, ändern daran wenig.

Papa, jetzt komm!“, ruft der Mann – und ist drauf und dran, die Rutsche hochzuklettern. „Meine Söhne haben das immer gebrüllt, wenn wir hier waren. Und wenn ich oben auf der Rutsche saß, stieß ich mir jedes Mal den Kopf. Aber meinen beiden Prinzen war das egal.“ Björn Echternach steht in eine schwarze Regenjacke gekleidet auf dem Spielplatz am Arnimplatz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und muss lachen, als er sich erinnert. Einen Moment später stehen ihm Tränen in den Augen. „Was tut man nicht alles für seine Kinder?“

Björn Echternach muss einiges tun. Zwei Jahre sind vergangen, seit er zum letzten Mal diesen Ort der Kindesfreuden besuchte, der heute wie damals voll ist von kleinen Rasern und hinterherhechelnden Eltern. Noch immer wartet links die Rutsche, rechts die Netzschaukel, dahinter ein Klettergerüst. „Überall haben wir gespielt.“ Und der 41-jährige käme weiterhin jeden Tag hierher, wenn seine Kinder noch hier wären. Björn Echternach steckt ein Kloß im Hals, als er ausspricht, was er sich vor der Trennung von seiner japanischen Frau im Herbst 2014 nicht im Traum vorgestellt hätte: „Ich weiß leider nicht, wann ich Karl und Johann wiedersehen kann. Vor zwei Jahren wurden sie von ihrer Mutter entführt.“

Zuerst mit dem Kind verschwinden

Ebenso wenig hätte sich der gebürtige Franke ausgemalt, dass er sein heutiges Schicksal mit vielen getrennten Eheleuten teilen würde. Vor allem wenn zumindest ein Elternteil aus Japan kommt, sind Kindesentführungen keine Seltenheit. Mehrere Schätzungen gehen davon aus, dass in Japan, wo Björn Echternachs zwei vier- und fünfjährige Söhne nun mit der Mutter leben, sechs von zehn Kindern durch die Trennung ihrer Eltern völligen Kontakt zum Vater oder der Mutter verlieren. Fast immer geschieht dies ohne das Einverständnis des zurückgelassenen Elternteils. So ergeben Hochrechnungen rund 150.000 Kinder, die jedes Jahr in oder nach Japan entführt werden.

Viele dieser Fälle folgen einem Schema, das auch dem von Björn Echternach entspricht. Es beginnt mit Beziehungsproblemen, gefolgt von einer Trennung, die in separaten Haushalten mündet. Nicht immer, aber meistens, will die Mutter daraufhin gemeinsam mit dem Kind ausziehen. Und befindet sich der neue Wohnort dann in Japan, so ist das Sorgerecht auch schon de facto geklärt. Denn japanische Gerichte entscheiden bei Sorgerechtsfragen nach dem Kontinuitätsprinzip, wonach jener Elternteil die tägliche Erziehung übernehmen sollte, zu dem das Kind die vermeintlich nähere Bindung hat. Das ist der Auslegung nach derjenige, der im Moment der Trennung mit dem Kind lebt. Also auch der Entführer.

Diese Rechtspraxis ist es, die Kindesentführungen in und nach Japan im Prinzip legalisiert. Im Land ist das Thema derart präsent, dass Branchenmagazine für Scheidungsanwälte schon eine Anleitung veröffentlicht haben. Mandanten, die ihren Partner nicht mehr wollen, ihr Kind aber schon, sollen Anwälte demnach zu folgendem Ablauf raten: zuerst mit dem Kind verschwinden, dann gegen den Ex-Partner Anzeige auf Missbrauch erstatten, und zuletzt mögliche Gerichtsentscheidungen einfach ignorieren, die einen Umgang des Ex mit dem Kind sichern sollen. Denn in Japan ist keine Behörde imstande, die Einhaltung solcher Urteile auch durchzusetzen.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Björn Echternach mit seinen Söhnen.

Unter japanischen Vätern ist dieses Problem bekannt, angesichts verbreiteter Resignation auch schon fast anerkannt. Kizuna, eine Vereinigung von Eltern in Tokio, die sich für Kinderrechte einsetzt, berichtet, dass japanische Eltern, deren Kinder vom Ex-Partner entführt wurden, im Verhältnis zu Elternteilen, die aus anderen Ländern kommen, seltener klagen. Vor Gericht rechnen sie sich keine Chancen aus. Zu starr sind die Geschlechterrollen, die den Mann auf dem Arbeitsmarkt sehen und die Frau im Haushalt mit den Kindern. So bedeutet für Väter eine Trennung von der Frau oft auch gleich eine Trennung von den Kindern. Zu einem politischen Streitpunkt wurde das ganze Thema erst vor einigen Jahren, als ausländische Eltern, die sich um ihr Kind beraubt fühlten, unbequem wurden.

Einer von ihnen ist Björn Echternach. Als der Informatiker dem Spielplatz dem Rücken kehrt, rekapituliert er. „Meine Frau und ich waren Schulfreunde. Sie ist Japanerin, wuchs aber im selben Ort in Bayrisch-Schwaben auf wie ich. Irgendwann heirateten wir und lebten zusammen bei Berlin. Aber nach der ersten Geburt stritten wir immer mehr, und irgendwann drohte mir meine Frau: ‚Wenn du dich trennst, wirst du die Kinder nie wiedersehen.‘“ Nachdem sich Björn Echternach dennoch getrennt hatte, begann ein Rechtsstreit. Die Mutter forderte das alleinige Sorgerecht, der Vater suchte eine paritätische Lösung. „Kinder würden sich immer für beide Eltern entscheiden“, ist sich Echternach noch heute sicher.

Vor Gericht wurde dem Vater von häuslicher Gewalt bis zu Kindesmissbrauch vieles vorgeworfen. Die offiziellen Gutachten, die dieser Zeitung vorliegen, wiesen alles davon zurück. Doch als der Mutter nach abgebrochenen Mediationsversuchen offenbar dämmerte, dass sie das erhoffte alleinige Sorgerecht nicht bekäme, machte diese ihre Drohung an den Ehemann wahr: Noch während des Rechtsprozesses setzte sie sich mit den zwei Söhnen Karl und Johann nach Japan ab.

Das Haager Abkommen wird von der japanischen Justiz kaum umgesetzt

Im September 2017 entschied das Amtsgericht Nauen in Brandenburg, das bei der Mutter eine „fehlende Bindungstoleranz“ feststellte, auf alleiniges Sorgerecht für den Vater. Doch das Urteil ist von theoretischer Natur. Björn Echternach hat seit fast zwei Jahren nichts von seinen Kindern gehört. Medienanfragen an die Mutter ließen sowohl die japanischen als auch die deutschen Anwälte unbeantwortet.

Eigentlich dürfte es solche Fälle gar nicht geben. Schon 1980 schloss die internationale Gemeinschaft das Haager Kindesentführungsübereinkommen ab, das zumindest den grenzüberschreitenden Kindesentzug verbietet. Auf großen Druck trat 2014 auch Japan dem Vertrag bei. Allerdings sind die diplomatischen Unstimmigkeiten in dieser Sache seitdem eher stärker geworden. Die USA stuften Japan Anfang 2018 schon einmal als „non-compliant“ ein, also als den Haager Vertrag nicht beachtend. Derzeit sind allein in Deutschland sieben Fälle anhängig, bei denen der japanische Elternteil mindestens ein Kind in die Heimat entführt hat. Aus der Schweiz sind es zwei Fälle, aus Frankreich sechs, aus den USA sogar 42. Weltweit sind es 108 Entführungen aus dem Ausland nach Japan, bei denen bisher keine Rückführung gelungen ist.

Wie wenig das Haager Abkommen von der japanischen Justiz umgesetzt wird, zeigt sich an mehreren Beispielen. Da ist etwa der Deutsch-Japaner Klaus Schmidt, dessen japanische Ex-Frau eines Tages im Dezember 2015 die gemeinsame Tochter von Frankfurt nach Nagoya entführte. Vor japanischen Gerichten einigte sich Schmidt, der seinen wahren Namen nicht nennen will, weil er derzeit weiter prozessiert, auf einen Vergleich. „Die Hoffnung war, so zumindest einen geregelten Umgang mit meiner Tochter zu sichern“, sagt der Vater, der das Sorgerecht damit zähneknirschend an die Mutter zugestand, am Telefon. Doch die gerichtlich vereinbarten Treffen, für die Schmidt schon mehrmals eigens nach Japan gereist ist, sowie die eigentlich wöchentlich Skype-Gespräche, werden von der Mutter einfach abgesagt. Schmidt hat seit knapp drei Jahren kein Lebenszeichen von seiner Tochter. Auf Anfrage wollte sich die Anwältin der Mutter nicht äußern.

Oder der Fall des Franzosen Emmanuel de Fournas, dessen Frau ebenso ohne Absprache die gemeinsame Tochter nach Japan brachte. Ein Sieg vor einem französischen Gericht sowie ein Antrag über das Haager Abkommen auf Rückführung nach Frankreich haben de Fournas bis jetzt nicht geholfen. „Ich dachte, ich könnte von den klaren Haager Regeln profitieren“, sagte er der Presseagentur AFP. „Aber die werden in Japan nicht respektiert.“ Die Liste solcher Fälle, wo ein Elternteil Recht hat, aber dies nicht umsetzen kann, ließe sich noch länger fortführen.

Der Fall von Björn Echternach geht sogar noch etwas weiter. Anders als die meisten ausländischen Eltern hat er schon vor japanischen Gerichten in mehreren Instanzen Recht bekommen. Im Dezember 2018 beschloss das Tokioter Familiengericht einen indirekten Vollzug des Haager Abkommens, wodurch die Mutter durch jeden verstrichenen Monat, den sie ihre zwei Kinder nicht an den Vater übergibt, Strafgeld zahlen muss. Nachdem über drei Monate weder gezahlt noch die Kinder übergeben wurden, entschied das Gericht im März auf einen direkten Vollzug. Dieser soll in Kürze in Tokio erfolgen. Trotzdem hat Björn Echternach guten Grund zu bezweifeln, dass er seine Söhne bald wiedersehen wird. Die japanischen Gerichtsvollzieher sind nämlich trotz rechtskräftigen Urteils nicht befugt, die Kinder ohne Zustimmung der Mutter mitzunehmen.

Das Recht bleibt undurchsetzbar

Ein paar Straßen und einen Park weiter hat sich Björn Echternach auf eine regennasse Bank gesetzt und scrollt durch alte Bilder auf seinem Handy. Seine Augen sind glasig. „Was mich am traurigsten macht, ist der Gedanke daran, dass Karl und Johann sich manchmal einsam fühlen, und ich dann nicht für sie da sein kann.“ Manchmal denkt er darüber nach, sagt er, was für eine Version der Trennung wohl bei den Kindern angekommen sei. „Wahrscheinlich hat ihre Mutter ihnen entweder gesagt, dass ihr Vater sie nicht mehr liebt, oder dass er tot ist.“ Und falls das Recht, das sich Björn Echternach als Vater vor Gericht erkämpft hat, weiter undurchsetzbar bleibt, könnte es noch einige Zeit dauern, bis sich die Sache aufklären lässt.

Bis auf Weiteres kann der Vater erst ab der Volljährigkeit der beiden Söhne in 15 Jahren und 16 Jahren Kontakt aufnehmen, ohne mit der japanischen Polizei in Konflikt zu geraten. Für die Zwischenzeit hat sich Björn Echternach geschworen, jede Stunde, die er sonst mit seinen Kindern verbracht hätte, in die Interessenvertretung zu stecken. Mit anderen Eltern hat er sich verbündet, den Verein „Japan Child Abduction“ gegründet, der über die Entführungen informiert, Rechtsberatung gibt und bei Regierungen vorstellig wird. „Es ist alles, was wir tun können“, sagt der Vater ohne Söhne. „Aber das müssen wir tun. Japan verletzt die Rechte der Eltern. Aber vor allem die der Kinder.“

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