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Statue von Erwin Erpel, dem Gründer von Entenhausen.
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Statue von Erwin Erpel, dem Gründer von Entenhausen.

Comicmuseum in Schwarzenbach

Entenhausen liegt an der Saale

Ein neues Comicmuseum in Schwarzenbach an der Saale ehrt die liebenswürdige Familie Duck und ihre Übersetzerin Erika Fuchs. Sie brachte die Disney-Comics den Deutschen nahe.

Von Petra Pluwatsch

Entenhausen liegt an der Saale, und es ist 130 Quadratmeter groß. Am Ortseingang zur Linken das Haus von Donald Duck: sein Bücherregal mit Werken wie „Flug und Unfug“, „Der Clou“ und „Wege zum Sieg“. Neben der Treppe sein Sessel mit dem dicken, beigefarbenen Kissen. Und in der Ortsmitte Dagobert Ducks Geldspeicher, gefüllt mit buttergelben Golddukaten.

„Alles nach Originalzeichnungen von Carl Barks“, sagt Gerhard Severin und beugt sich über den Stadtplan von Entenhausen. Ein Knopfdruck, und wir sehen, wo Donald und die Neffen Tick, Trick und Track wohnen: in der Blumenstraße 13 nämlich. Nur zwei Häuser weiter hat Donalds Dauerfreundin Daisy Duck ihr Domizil. Onkel Dagobert ist häufig in der Baumallee 33 anzutreffen, seine legendäre Berghütte steht unweit des Graupelpasses.

Der Nachbau von Entenhausen, der Wirkungsstätte der Familie Duck, ist zweifellos das Herzstück von Deutschlands erstem und einzigem städtischen Comicmuseum. Das liegt mitten im Fichtelgebirge, im beschaulichen Örtchen Schwarzenbach an der Saale. Gewidmet ist es der Disney-Übersetzerin Erika Fuchs, deren geniale Sprachspielereien und Wortschöpfungen die US-amerikanischen „Schmuddel-Comics“ in der Nachkriegszeit selbst für Sprachpuristen salonfähig machten. Bis heute gelten ihre ausgefuchsten Sprechblasentexte, an denen sie, halbblind bereits, noch als 90-jährige feilte, als sprachliche Sahnestückchen. Von ihr stammen Sprüche wie „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ und „Das Leben ist eins der schönsten“. Sie machte aus „Rockjaw Bumrisk“ eine Figur namens „Kasimir Kapuste“ und erfand das Süßgetränk „Bubberlutsch“, das im Original – weit weniger lautmalerisch – „Gurgleurp“ heißt.

Mehr als 50 Jahre lebte und arbeitete die Grande Dame der deutschen Comicszene in Schwarzenbach – nicht ganz freiwillig. Ehemann Günter, ein Fabrikant und Erfinder, hatte vom Großvater einen kleinen Betrieb geerbt, den er wieder flottmachte: die „Summe Feuerung“. Erika Fuchs, 1906 in Rostock geboren, folgte ihm 1933 mit langen Zähnen „in eine der verlassensten Gegenden Deutschlands“. Hier, in einem feudalen, 150 Jahre alten Herrenhaus an der Marienstraße, in der heute ein Arzt seine Praxisräume hat, vollendete sie ihre Promotion in Kunstgeschichte und begann 1951 mit der Übersetzung der ersten Walt-Disney-Comics.

In Schwarzenbach ist sie auch begraben, in einem schlichten, von Efeu überwucherten Grab auf dem Friedhof hinter der St.-Gumbertuskirche, gemeinsam mit Günter Fuchs. Sie starb 2005 in München. Nur ein bescheidener Pfeil im Gras weist auf die Grabstätte hin, doch das dürfte sich bald ändern.

Rund fünf Millionen Euro war den 7500 Schwarzenbachern die Reminiszenz an ihre berühmteste Bewohnerin wert. Immerhin: Rund 90 Prozent der imposanten Summe kamen durch externe Geldgeber, darunter der Freistaat Bayern, zusammen. Anfang August wurde das „Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic und Sprachkunst“ endlich, nach vielfachen Baupannen und Verzögerungen, mit viel Tamtam und fröhlichen Reden eröffnet: sechs lichte Räume, darunter der Nachbau von Entenhausen, eine gut bestückte Bibliothek, ein Kinosaal, in dem ein kurzer Film einführt in die weite Welt der Comics von den Höhlenmalereien der Steinzeit bis heute. Ein Raum ist – in Form eines Comics von Simon Schwartz – dem Leben von Erika Fuchs gewidmet, ein weiterer der Fuchs’schen Sprachkunst: Ihren Wortschöpfungen, den verballhornten Klassikerzitaten und natürlich dem stilbildenden „Erikativ“, sprich: der Reduzierung eines Verbs – seufz! stöhn! grummel! – auf seinen Wortstamm.

Vor dem schlichten Museumsgebäude an der Bahnhofstraße 12 – im Vorgängerbau war während der NS-Zeit die Zentrale der örtlichen NSDAP untergebracht – weht heute eine Fahne mit einem weißen Erpel auf blauem Grund. Und in der Gaststätte „Wolfsschlucht“ gegenüber vom Museum, die derzeit nur noch an den Wochenenden geöffnet hat, hat die Brauerei erwartungsfroh einen Maibaum mit sechs Disney-Figuren aufgestellt.

Auch ansonsten sind Donald und seine weit verzweigte Sippschaft in diesen Tagen allgegenwärtig in Schwarzenbach. Im Schaufenster vom „Tourismusbüro Reisebärchen“ steht ein Globus mit aufgemalten Duck-Figuren: Daisy im Hula-Hula-Röckchen, Tick, Trick und Track als Piraten auf großer Fahrt. Und Donald natürlich als Surfer in der Südsee. Der Erpel im Matrosenanzug steht bei „Blumen Dehler“ und im „Wäscheparadies“ zwischen den Auslagen und er lugt neugierig aus einem Fenster des ehemaligen Feuerwehrhauses in der Färberstraße.

Schwarzenbach verdankt seine fortschreitende „Donaldisierung“ vor allem einem Mann, und der heißt Gerhard Severin: „Ich habe hier die donaldische Autorität.“ Der 61 Jahre alte Jurist, Amtsrichter im nahen Hof und seit seinen Zwanzigern begeisterter Duck-Anhänger, zog 2008 nach Schwarzenbach, zusammen mit mehreren tausend Disney-Exponaten: Micky-Maus-Heften, Donald-Bildern, Donald-Figuren aus Plastik, Porzellan, Bronze und Brotteig. Knapp zwei Zentimeter hoch ist die kleinste, 1,04 Meter die größte und schwerste. Die steht inzwischen bei Museumsdirektorin Alexandra Hentschel im Büro. Der große Rest der Sammlung wird in den Vitrinen des Museums präsentiert.

Natürlich sei er häufig ob seiner Leidenschaft für den berühmtesten Erpel der Welt belächelt worden, gibt Severin zu. „In meinem Büro hingen zeitweise bis zu 60 Donald-Duck-Darstellungen. Im Gefängnis bin ich bekannt als „der mit den Donald-Bildern“.“ Severins Autokennzeichen lautet, wie es sich für jeden guten Donaldisten gehört, „EF 313“. Auf die Frage, was es damit auf sich habe, kann er nur den Kopf schütteln. „EF sind die Initialen von Erika Fuchs, 313 ist das Nummernschild von Donald Ducks Auto und damit die magische Zahl der Donaldisten.“

Inzwischen tritt Severin beim jährlichen Wiesenfest ganz selbstverständlich in einem Matrosenanzug und der schräg aufgesetzten Donald-Kappe an. Und im vergangenen Jahr, zu seinem 60. Geburtstag, hat er sich und Schwarzenbach etwas ganz Besonderes gegönnt. Er hat dem Ort eine mannshohe Holzfigur von Erwin Erpel, dem Gründer von Entenhausen, gestiftet. Die steht inzwischen am Ufer der Saale und betrachtet die Enten, die friedlich an ihr vorbeiziehen. Die Vorlage für die Statue, das nur nebenbei, findet sich in einem Micky-Maus-Heft aus dem Jahr 1967.

Nach Schwarzenbach kam Severin zum ersten Mal am 1. April 2006, als dort der 29. Kongress von D.O.N.A.L.D stattfand. Die „Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“ wurde 1977 von dem deutschen Klimaforscher und Meteorologen Hans von Storch gegründet und hat weltweit knapp 1000 Mitglieder. Organisationsziel ist laut Paragraf eins der Satzung „die Pflege, Förderung und Verbreitung donaldistischen Sinngutes“.

Severin trug sich schon lange mit dem Gedanken, seine Duck-Sammlung öffentlich zugänglich zu machen. „Wo, wenn nicht in Schwarzenbach an der Saale?“ Im damaligen SPD-Bürgermeister Alexander Eberl, auch der ein überzeugter Donaldist, fand Severin schnell einen Verbündeten, und bald war der ursprüngliche Plan des Stadtrats, in dem maroden Gebäude an der Bahnhofstraße ein Musikantenmuseum zu errichten, vom Tisch. „Zuerst wollten wir was ganz Einfaches“, erinnert sich Severin. „Meine Sammlung mit ein bisschen was drumherum.“ Daraus ist inzwischen ein kapitales Museum geworden.

50 000 Euro muss die Stadt jährlich für den Unterhalt des Comic-Tempels vom laufenden Etat abzweigen. Beileibe kein Pappenstiel, findet Eberls Nachfolger Hans-Peter Baumann von der CSU. „Doch wir stehen alle hinter dem Projekt.“ Zumal Erika Fuchs in ihren Übersetzungen zahlreichen Personen und Örtlichkeiten in ihrer Wahlheimat ein Denkmal gesetzt habe. Auch das wissen die Schwarzenbacher zu schätzen.

Severin hat eine Mappe mit Comics zusammengestellt, in der die Bezüge zu Schwarzenbach „in der Welt von Entenhausen“ dokumentiert sind. Sie kann in der Bibliothek des Museums eingesehen werden. Da gibt es die Herren Doktoren Deininger, Herrmann und Ziegenhaar, die früher im Ort praktizierten.

Dem Lebensmittelgeschäft von Zacharias Zahn setzte Erika Fuchs 1956 in Micky-Maus-Heft sieben ein Denkmal. Heute befindet sich in dem ehemaligen Ladenlokal eine Pizzeria. Die Bäckerei Köppel in der Hofer Straße 4 kommt 1970 zu ungewohnten Ehren. Zwei Schweinchen erstehen dort diese „butterweichen“ Anisplätzchen, die Petra Köppel noch heute verkauft. Stolz präsentiert sie, wenn man sie in ihrem Geschäft besucht, die entsprechende Seite aus Micky-Maus-Heft 33. Schmiedemeister Oskar Strobel findet 1972, in Heft 46, Eingang in die Welt von Entenhausen. Man kann in Schwarzenbach durch das Schübelgässchen schlendern, in dem Goofy 1968 (Heft 19) steckenbleibt, und in der Metzgerei Fuchs (1974, Heft 2) in der Fleischgasse vorbeischauen.

„Sie hat unserer Gegend in ihre Übersetzungen hineingebracht, und das macht uns stolz“, sagt denn auch Bürgermeister Baumann. „Wer hätte gedacht, dass es wirklich Örtlichkeiten gibt wie Fattigau oder den Ochsenkopf?“ Und? Denkt er bereits über in kleines Schild mit der Aufschrift „Entenhausen“ am Ortseingang von Schwarzenbach nach? Baumann grinst. „Wieso ein kleines?“

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