Homo sapiens

Die Entdeckung des Paradieses

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Die Wiege der Menschheit soll südlich des Okavango-Deltas liegen, so eine neue Studie. Doch es gibt Zweifel.

Für Kenner des im Norden des südafrikanischen Staates Botswana gelegenen Okavango-Delta kam die Meldung nicht überraschend. Eine Gruppe von Wissenschaftlern will herausgefunden haben, dass dort die Wiege des modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens, stand: eines der seltenen Binnendeltas dieser Welt, das mit seinen unzähligen Flussläufen, seinen mit Palmen besetzten Inseln und seinem einzigartige Tierreichtum dem Paradies entspricht. Hat die Bibel also doch recht?

Die genauere Lektüre einer im jüngsten Heft des Wissensmagazins „Nature“ veröffentlichten Studie macht die Sache jedoch komplizierter. Ein von der australischen Genetikerin Vanessa Hayes geleitetes interdisziplinäres Wissenschaftlerteam verortet die Heimat unserer Ahnen in einem südlich des Okavango-Deltas gelegenen Gebiet: Dort befinden sich heute die unendlichen Weiten der brottrockenen Makgadikgadi-Pfanne: der von der Kalahari-Wüste umgebene größte ausgetrocknete Salzsee der Welt. Mit dem Paradies hat dieser Ort wenig zu tun.

Vor 200 000 Jahren soll das allerdings anders gewesen sein. Damals verdunstete das Wasser des Okavango noch nicht restlos im Delta, sondern floss knapp zweihundert Kilometer weiter südöstlich in den Makgadikgadi-See, den größten See Afrikas von der Größe der Schweiz. Ein gewaltiges Erdbeben trennte den See rund 120 000 Jahre später von seinem Zufluss: Er wurde in die Höhe gehoben und trocknete aus. Zuvor soll er das Paradies gewesen sein.

Auf der Suche nach der Heimat des Homo sapiens nahm Genetikerin Hayes in den vergangenen Jahren DNA-Proben von mehr als 2000 Afrikanern unter die Lupe, darunter auch von 200 Khoisan, im Volksmund Buschleute genannt. Sie gelten als älteste Bevölkerungsgruppe der Region. Dabei konzentrierte sich die Australierin ganz auf die in den Mitochondrien der Zellen gespeicherte DNA: Sie wird nur von der Mutter auf ihre Kinder weitergegeben und verändert sich weniger als die von Vater und Mutter beeinflusste DNA des Zellkerns. Aus der mitochondrischen DNA (mtDNA) identifizierten die Forscher um Vanessa Hayes eine Linie, die sogenannte L0-Linie, die als ältestes MT-Genom der Erde gilt. Diese genetischen Daten reicherte das Wissenschaftlerteam mit geologischen und klimatologischen Erkenntnissen an, um auf diese Weise zur Lokalisierung der Heimat unserer Ahnen zu kommen.

Nach Auffassung des Geologen Andy Moore von der südafrikanischen Rhodes-Universität wurde der Makgadikgadi-See vor 200 000 Jahren zu einem idealen Terrain für Menschen, weil er sich wegen tektonischer Bewegungen allmählich in zahlreiche Feuchtgebiete aufteilte. Vor rund 130 000 und erneut vor 110 000 Jahren müssen dann zwei verschiedene Menschengruppen das Paradies verlassen haben: Die erste in nordöstlicher, die zweite in südwestlicher Richtung. Zu dieser Erkenntnis kamen die Genforscher, weil es damals beim mtDNA zu jeweils größeren Variationen kam.

Axel Timmermann, Klimatologe an der Universität des südkoreanischen Pusan, will den Grund für den Auszug unserer Ahnen aus dem Paradies gefunden haben. Ein leichtes Eiern des Globus um seine Achse habe zu Veränderungen des Weltklimas geführt und „grüne Korridore“ aus dem Feuchtgebiet entstehen lassen, die die abenteuerlustigen Menschen zur Migration veranlasst hätten. Auf diese Weise sollen sich unsere afrikanischen Vorfahren erst über ihren Kontinent und dann – vor rund 50 000 Jahren – auch in Europa und Asien ausgebreitet haben.

In der Fachwelt stieß die Studie nicht nur auf Zustimmung. Zahlreiche Wissenschaftler wandten ein, der genetische Teil der Forschungsarbeit stütze sich auf eine viel zu kleine Stichprobe und einen zu winzigen Teil des menschlichen Genoms. Derart „pauschale Schlüsse“ über die Ursprünge des Menschen „aus einer derart kleinen Probe des mtDNA“ zu ziehen, sei „altmodisch“ und „zutiefst problematisch“, urteilte Rebecca Ackermann vom Forschungszentrum für menschliche Entwicklung an der Universität Kapstadt.

Auch bei der Harmonisierung der Studie mit Fossilienfunden und Erkenntnissen aus der Kern-DNA-Forschung gibt es Probleme. Sowohl in Marokko als auch in Äthiopien wurden versteinerte Homo-sapiens-Knochen gefunden, deren Alter auf bis zu 300 000 Jahre geschätzt wird. Außerdem legen genetische Untersuchungen der Kern-DNA den Schluss nahe, dass unsere Ahnen aus Westafrika stammen. Ein Paradies wurde dort allerdings noch nicht gefunden.

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