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Der Kantor und der "Prinz": Georg Christoph Biller (links) und Tobias Künzel haben sich in den 70er-Jahren im Thomanerchor kennengelernt.

Thomanerchor

Engelsgleich ist nur der Gesang

Stubendienste, Heimweh und immer wieder Bach. Wie war es, Mitglied des weltberühmten Thomanerchors zu sein? Ein Gespräch mit Georg Christoph Biller, heute Kantor des Chors, und Tobias Künzel, Sänger und Komponist der "Prinzen".

Von Christina Bylow

Ein heller Förster-Flügel ragt in den großen, lichten Raum. In den Wandregalen stehen meterweise Partituren von Bach-Kantaten in unterschiedlichen Ausgaben. Wir sind im Studierzimmer der Villa Thomana im Leipziger Bachviertel. Tobias Künzel, Sänger und Komponist der Band "Die Prinzen", einst selbst Thomaner, lässt sich auf dem Sofa nieder. Georg Christoph Biller, der amtierende Thomaskantor, der 16. nach Johann Sebastian Bach, nimmt auf einem Sessel Platz. Dieses Jahr ist ein besonderes: Die Thomaner feiern im März ihr 800-jähriges Jubiläum. Am 16. Februar kommt passend dazu der Dokumentarfilm "Die Thomaner" ins Kino.

Herr Professor Biller, Herr Künzel, Sie waren beide Thomaner, wenn auch nicht zur selben Zeit. Kennen Sie einander?

Tobias Künzel: Flüchtig. (lacht)

Georg Christoph Biller: Nein, wir kennen uns bestens. Ich kenne seine Anfänge im Thomanerchor aus eigener Anschauung. Da war ich in der 12. und er in der 4. Klasse.

Künzel: Das war eine tolle 12. Klasse damals, fast legendär zu nennen.

Biller: Wir haben uns ergänzt. Wir waren acht Leute – vier Tenöre, vier Bässe – und konnten schön Doppelquartett singen. Und später sind vier von uns Theologen geworden und vier Musiker.

Künzel: Es waren keine Ärzte dabei? Das ist ja auch ein typischer Ex-Thomaner-Beruf.

Biller: Nein. Theologen gibt es auch nicht mehr so viele. Aber dafür wieder mehr Musiker. Das hat mit dem Markt zu tun. Heute orientiert man sich wieder mehr an praktischen Zwängen. Früher dachte man: Gut, man hat auf der Thomasschule alte Sprachen gelernt, das ist nützlich für Theologie und Medizin, und mit beiden Fächern war man nicht am Bändel des Staates.

Gehen wir ins Jahr 1973 zurück, als Sie aufeinandertrafen. Was war das für eine Zeit für den Thomanerchor?

Biller: Es war eine Zeitenwende in der DDR, die Ära Ulbricht war zu Ende, Honecker hatte das Sagen. Er hat es geschafft, auch die letzten Betriebe zu enteignen, die ideologische Bevormundung zu vollenden. Die Thomaner waren nur 1970 einmal ins westliche Ausland gereist, nach Finnland. Finnland war das erste Land aus dem westlichen Block, das die DDR anerkannte. Der Thomanerchor spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Er war ein Export-Artikel, mit dem man vorzeigte, was die DDR als Erbe pflegt. Innen wurde alles immer gleicher gemacht. Bei der Außendarstellung ging es auch um Devisen.

"Wir fühlen uns in den Kirchen wie zuhause"

Herr Künzel, wie wurden Sie Thomaner? Sie kamen nicht wie Herr Biller und viele andere Thomaner aus einem evangelischen Pfarrhaus.

Künzel: Bei mir kam eine Delegation in die Schule und suchte nach begabten Jungs. Man wollte nicht mehr nur Kinder aus bürgerlichen Häusern im Chor haben, sondern auch Kinder aus der Arbeiterklasse. Das stimmt bei mir zwar auch nicht – mein Vater war Musiker und gehörte damit der Intelligenz an –, aber auf diese Weise sollte sich der Thomanerchor mit der Arbeiterklasse vermischen. Ich bin dann zur Eignungsprüfung eingeladen worden und später noch mal zur Aufnahmeprüfung. Die beiden Prüfungen waren ein ganz normales Prozedere, aber meine Eltern haben das nicht verstanden, die dachten, ich sei nicht gut genug, weil man sich nach der ersten Prüfung noch nicht sicher war. Ich hatte aber inzwischen "Das fliegende Klassenzimmer" gelesen und wollte unbedingt ins Internat. Bei den Thomanern war es dann aber ganz anders als in diesem Buch. Ich hatte extrem viel Heimweh und wollte nur weg. Von einem Tag auf den anderen hat mir die Mama nicht mehr die Schnitten geschmiert und das Bett gemacht, einen Besen hatte ich auch noch nie in der Hand gehabt, und nun musste ich plötzlich Stubendienst machen.

Wie haben Sie Georg Christoph Biller damals erlebt?

Künzel: Ich kann mich erinnern, dass alle aus dieser 12. Klasse damals sehr einfühlsam und verständnisvoll waren, gerade weil ich Heimweh hatte. Sie waren sehr fürsorglich. Das war die große Tradition des Chores und wurde auch in der Übergangszeit der 70er-Jahre, in dieser Vermischung von Sozialismus und den Traditionen des Thomanerchors, aufrechterhalten. Die Älteren haben immer Verantwortung für die Jüngeren übernommen. In Tokio zum Beispiel waren wir ohne Begleitung von Erwachsenen unterwegs – es musste aber jemand aus der 11. oder 12. Klasse dabei sein.

War es die Musik, die diese Verbundenheit zwischen den Älteren und Jüngeren hergestellt hat?

Biller: Die Erziehung hier ist ursächlich mit der Musik verbunden. Die Musik ist zentral, und alles, was für die Musik notwendig ist, müssen wir aufbringen. Das wird jedem deutlich gemacht. Wir haben einen Gegenstand, an dem wir arbeiten.

Manche Jungen werden durch die Musik sogar gläubig. Können Sie das nachvollziehen, Herr Künzel?

Künzel: Ich habe mich damals automatisch mit den Texten befasst und mich gefragt, was ich da singe. Wir sind freiwillig zur Christenlehre gegangen, das wurde geduldet – normalerweise ging man ja zum Pioniernachmittag. Ich habe dort alles aufgesogen. Kirche gehörte zum Alltag, und das kommt uns übrigens auch jetzt wieder zugute. "Die Prinzen" gehen seit zwei Jahren auf Kirchentourneen, und wir fühlen uns in den Kirchen wie zu Hause. Für uns ist es ein geweihter, heiliger Raum, aber einer, in dem man sich bewegen darf, in dem man sich wie ein Mensch fühlen kann. Die Spiritualität entsteht durch die Erfahrungen im Thomanerchor, das habe ich aber erst später begriffen. In den ersten zehn bis 15 Jahren nach den Thomanern musste ich erst mal die Sau rauslassen, aber heute sehe ich, dass es schon etwas ganz Besonderes ist, Thomaner zu sein.

Von Ihnen, Herr Biller stammt der Satz: "Wir sind nichts Besonderes, aber wir tun etwas Bedeutendes." Sollen sich die Jungs nicht als Stars fühlen?

Biller: Es ist immer schwierig, dadurch nicht eitel oder arrogant zu werden. Für mich heißt dieser Satz auch: Wir müssen jeden Tag hinterfragen, was wir tun. Die Texte muss ich den Kindern übersetzen, auch wenn sie auf Deutsch geschrieben sind. Die barocke Sprache gibt uns Rätsel auf, den Erwachsenen auch, die tun dann so, als verstünden sie es. Das andere ist: In der Pädagogik geht es um das Spannungsverhältnis zwischen Gemeinschaft und Individuum. Wenn man nicht das Individuum im Auge behielte – und darum bemühe ich mich besonders, könnte es sein, dass nur die Gemeinschaft zählt und der Einzelne nicht – und so ist es nicht. Das würde ja den Einzelnen in seiner Entwicklung überhaupt nicht nach vorne bringen. Es muss immer wieder die Balance hergestellt werden, und das ist ja das ganze Leben lang so.

Herr Künzel, Sie galten als Rebell bei den Thomanern. Taten Sie sich schwer mit der Gemeinschaft?

Künzel: In den 70er-Jahren hat die Unterordnung eine große Rolle gespielt. Der Staat hat von Individualisten nicht viel gehalten, andererseits sollte der Thomanerchor so erhalten bleiben, wie er war. Der Chor fing dann an, in Kulturhäusern zu singen, wir sind auch vor Honecker aufgetreten, die Thomaner galten als Bestandteil der DDR. Auf der anderen Seite haben wir regelmäßig in der Thomaskirche gesungen. In diesem Spannungsverhältnis ist der Blick aufs Individuum verloren gegangen. Leute wie ich haben das zu spüren bekommen. Wir waren die Ausreißer, haben unsere Späße gemacht. Es gab Erzieher, die das erkannten und uns ein bisschen geleitet und geführt haben. Aber eigentlich galt der Spruch: Mach mit und ordne dich unter, wenn nicht, kannst du den Chor verlassen.

Wie wurde damals im Chor mit Popmusik umgegangen?

Künzel: Es wurde natürlich viel Popmusik gehört, wir waren ja Teenies. Aber ich war schon ein bisschen ein Außenseiter diesbezüglich. Nach einer ARD-Rockpalast-Nacht hat der damalige Kantor am Montag danach in der Probe gefragt, wer denn am Samstag lange ferngesehen habe. Und dann ging das Getuschel los: "Künzel, Künzel, Künzel …" Aha. Es wurde ein wenig von oben herab gelächelt und mit dem Kopf geschüttelt. Meine Familie kommt ja aus dem Entertainment – mein Vater und mein Bruder sind Swing- bzw- Rockmusiker, und das galt alles als Tanzmusik, egal ob es Roland Kaiser oder Deep Purple war, da kannte man keinen Unterschied. Der jetzige Thomaskantor ist dagegen bekennender Beatles-Fan und befasst sich mit aktuellen Musikströmungen. Wir unterhalten uns auch über Hip-Hop. Da gibt es eine ganz andere Toleranz. Am Ende ist alles nur Musik, man kann sie gut oder schlecht machen.

Biller: In der Popmusik gibt es Gesetze, die mit der sogenannten E-Musik auch etwas zu tun haben. Und das ist die Kommunikation. Die Popmusik scheint immer wieder die Menschen anzureden, aber sie ist auf Kurzlebigkeit angelegt. Bei den Beatles ist das anders: Sie haben diese Schiene bedient, aber mit der größtmöglichen Vielfalt.

Johann Sebastian Bach, dessen Werke uns hier umgeben, war einst Kantor des Thomanerchors. Sind alle Nachfolgenden von ihm beeinflusst?

Biller: Ich habe gerade für eine Radio-Sendung einen Song der Beatles ausgesucht. "Blackbird". Und obwohl ich viel über die Beatles weiß, hat mich der Moderator überrascht: Er sagte mir, wovon Paul McCartney beim Schreiben des Lieds inspiriert war …

Künzel: … von einer Amsel? (lacht)

Biller: Nein, die Idee zu diesem Song kam beim Anhören einer Bourée von Bach, einer Lauten-Bourée.

Künzel: Wenn wir Songs schreiben und das unserem musikalischen Professor Wolfgang Lenk vorspielen, sagte der auch schon manchmal: Na, das ist wieder so eine Bach’sche Wendung. Das haben wir sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen und verinnerlicht.

Biller: Es ist erstaunlich, was bei Bach alles zusammenkommt: das strukturelle Denken, das im Extremfall bis zur "Kunst der Fuge" führt, andererseits diese Vielfalt der Farben. Es sind ja vermutlich mehr als hundert Kantaten verschollen, und dennoch ist dieses Werk so immens. Bach brauchte sich vermutlich nur hinzusetzen, und schon war die Idee da. Der beschwerliche – und übrigens auch buchstäblich stinkende – Alltag hat seine Einfälle nicht blockiert.

Künzel: Aber es muss eine große Stille geherrscht haben in dieser Zeit. Vermutlich hätte Bach einen Herzinfarkt bekommen, wenn draußen ein Traktor vorbeigedonnert wäre.

Biller: Nein, gar nicht. Das wäre nicht Bach. Bach musste mit vielem zurechtkommen. Auch mit Lärm. Also, ich stelle mir jetzt etwas vor: Das ist keine Anekdote, nur eine Überlegung: Bach musste alle vier Wochen beim Thomanerchor auch Inspektoren-Dienste machen. Das heißt, für Disziplin sorgen, vor allem des Nachts. Damals haben die Thomaner sogenannte Rattenjagden veranstaltet. Das ist verbürgt. Es gab viele Ratten, Leipzig ist ja über Morast gebaut. Heute ist das alles zuasphaltiert. Aber damals war es verheerend. In einem Ratsprotokoll aus Bachs Zeit wurde gefragt, ob vierzig Ratten in der Thomasschule noch zulässig sind. Die Thomaner haben die Ratten alle in einen Raum gejagt und sie dann angezündet. Ich stelle mir also vor, Bach hat Inspektoren-Dienst, schreibt gerade an der Matthäus-Passion die "Erbarme Dich"-Arie (singt ein paar Töne) und da oben geht ein Schreien und Fiepen los – und Bach geht ’rauf, donnert und schreibt dann weiter. So ist Bach vorstellbar.

(Das Handy von Tobias Künzel klingelt.)

Künzel: (zu Biller) Was ist das für ein Ton?

Biller: Das sind zwei (singt die beiden Töne). Das wäre ein des und ein es. Mal sehen. (Biller geht zum Flügel und probiert die beiden Töne aus, es kommt hin.)

Herr Biller, Haben Sie ein absolutes Gehör?

Biller: Ja. Aber es ist bei mir Schwankungen unterworfen. Es gibt Leute, die präziser hören. Deshalb lasse ich beim Einstimmen jetzt nicht mehr die Stimmgabel weg. Früher hatte ich noch die Eitelkeit, zu zeigen, dass ich auf die Stimmgabel verzichten kann.

Und Sie, Herr Künzel? Haben Sie auch ein absolutes Gehör?

Biller: Das hat er behauptet als Thomaner.

Künzel: Das ist jetzt ein ganz wunder Punkt. (lacht)

Biller: Ich bin dabei auch manchmal fehlbar und stimmungsabhängig. Wir waren mit den Thomanern vor einigen Jahren mal zu Harald Schmidt eingeladen. Und Harald Schmidt stellte sich am Anfang der Show hin, gab einen Laut von sich und fragte mich, was das für ein Ton sei. Ich dachte, das kann ja heiter werden, jetzt werde ich hier richtig vorgeführt. Ich sagte: Ein g. Aber sein Bandleader zeigte mit dem Daumen nach unten. Also ein ges. Als Schmidt sein Spielchen wiederholen wollte, habe ich gesagt: Das ist kein Ton, das ist ein Geräusch, und das Publikum applaudierte.

Sie komponieren beide selbst. Schreiben Sie die Noten mit einem Computerprogramm?

Biller: Ich nicht. Ich kann es gar nicht. Aber es machen eigentlich alle, weil es sehr praktisch ist.

Künzel: Wenn mir eine Melodie einfällt, dann geh ich zum Flügel und schreibe sie auf, meistens auf Notenpapier. Später, wenn ich den Computer mitbenutze, habe ich die Möglichkeit, die Klänge von allen Instrumenten zu imitieren. Das ist natürlich ein schöner Luxus, so kann man zum Beispiel einen gerade geschriebenen Bläsersatz für Bigband anhören und dann je nach Wunsch ganz einfach etwas höher oder tiefer setzen. Eine Melodie ausdenken kann sich der Computer aber nicht.

Biller: Ich muss jetzt gerade eine Festmusik schreiben für unser Jubiläum. Das sieht auf der Partitur im Moment furchtbar aus, andererseits ist die Idee zu sehen. Das ist auch das Faszinosum der alten Handschriften. Man sieht bei Bach, was dahinter liegt, wenn man zu sehen versteht. Die Notenbalken gehen in eine bestimmte Richtung, nicht so exakt wie bei einer technischen Zeichnung, aber empfindsamer. In der Art, wie er die Balken setzte, gibt es Unterschiede, und die haben eine Bedeutung. In der Handschrift liegt viel Poesie.

Künzel: Die Ästhetik einer Partitur oder eines Musikinstruments muss man erkennen. Sowas geht verloren. Die Ästhetik eines Schaufelradbaggers erkenne ich wahrscheinlich nicht, aber ich respektiere das, wenn sich jemand dafür begeistert. Neulich war ein Handwerker bei uns, der sah mich beim Komponieren und sagte: „Das ist ein Buch mit sieben Siegeln.“

"Man darf die Kinder nicht heilig sprechen - die sind oft erbarmungslos untereinander"

Herr Biller, wie finden Sie die Musik der "Prinzen"?

Biller: Gut und sehr originell. Sie haben in der Wendezeit eine große Rolle gespielt für uns alle. Für West wie Ost. Dieses Thema ist ja nicht abgeschlossen. Da haben "Die Prinzen" auch heute noch eine wichtige Stimme. Aus der Popmusik, die ja anderen Gesetzen unterliegt, die größtmögliche Vielfalt herauszuholen, ist ja auch euer Bestreben. Wie ich es vorher über die Beatles gesagt habe. Man kann sich ja sehr schnell dem Mainstream anschließen. Das ist auch vielfach an euch herangetragen worden.

Künzel: Ja, zwischendurch haben wir mal nicht immer alles richtig gemacht, auf falsche Ratschläge gehört. Der Vorteil unserer musikalischen Vergangenheit im Chor ist, dass wir jegliche Stilrichtung in der Musik nutzen können und alles mit Hilfe unseres Gesangs zusammenhalten. Egal, ob Hardrock oder Balladen.

Herr Künzel, Sie sind heute noch mit einigen Ihrer Thomaner-Kollegen in der Band zusammen. Können sich Thomaner nie wirklich vom Thomanerchor lösen?

Künzel: Ich habe den Dokumentarfilm über den Thomanerchor bereits gesehen, und was mich dabei am meisten berührt hat, waren die Tränen der Absolventen beim Abschied. In den neun Jahren, die ich im Thomanerchor war, habe ich das nicht erlebt. Die emotionale Verbundenheit mit dem Chor ist offenbar sehr viel stärker geworden. In meiner Zeit gab es, glaube ich, auch so manchen, der aus anderen Gründen in den Chor gegangen ist. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber es gab den Elite-Gedanken: Man hatte andere Möglichkeiten, wenn man in diesem Chor war. Wir sind sehr viel gereist, was für ganz viele die oberste Priorität war. Ein Einziger ist in meiner Zeit mal drüben geblieben. Ich war auch in der BRD, habe dort meine Verwandten besucht, war mit ihnen essen, und abends haben sie mich zum Chor zurückgebracht. Es gab bei einigen schon das Kalkül, innerhalb des Staates DDR durch den Chor ein bisschen oben rauszugucken. Heute, so sieht es jedenfalls in dem Film aus, steckt mehr innere Überzeugung dahinter. Das Reisen fällt als Anreiz ja heute weg. Dafür muss man heute nicht mehr weg von zu Hause und jeden Tag zwei Stunden singen. Wenn eine Familie heute Kohle hat, fliegt sie mit den Kindern nach Australien.

Toleranz gegenüber dem anderen scheint heute ein wichtiger Wert im Chor zu sein. Inzwischen gibt es auch Kinder aus dem Ausland im Chor. Hat Musik eine große integrative Kraft?

Biller: Auf jeden Fall. Aber man darf die Kinder nicht heiligsprechen, die sind oft erbarmungslos untereinander. Man muss ihnen immer wieder die richtige Spur vorleben. Aber wenn denen die Nase eines anderen nicht passt, sind sie gnadenlos. Im Kleinen passiert schnell, was im Großen sowieso passiert.

Engelsgleich ist also nur der Gesang.

Künzel: Wie oft hab ich das gehört: Ihr seid wie Engel ohne Flügel.

Hatte man als Thomaner denn einen Bonus bei den Mädchen?

Künzel: Ich glaube, es gibt bei den Thomanern schon eine gewisse sympathische Schrulligkeit. Und entweder mag man das als Mädchen oder nicht. Ein Thomaner wächst ja in einem anderen Umfeld auf als üblich. Da gibt es ja nicht den Kleinfamilien-Tisch. Obwohl, wenn ich heute den Freund meiner Tochter sehe, der sich darüber wundert, dass wir zu Hause gemeinsam essen und jeder auf den anderen wartet, dann frage ich mich, was seltsamer ist. Da löst sich ja gerade sehr viel Kultur auf. Gut, Thomaner sind durch die starke Gemeinschaft auch schrullig. Sie besitzen ein anderes Vokabular, sie singen ständig vor sich hin, darauf muss man sich einlassen, wenn man das möchte.

Internate sind seit den Missbrauchs-Skandalen in Verruf geraten. In der Literatur wimmelt es von grausamen Zöglings-Geschichten. Gibt es solche dunklen Seiten im Thomanerchor gar nicht?

Biller: Wir bemühen uns um größtmögliche Transparenz. Das sieht man schon am neuen gläsernen Probenraum. Abgesehen davon können die ganz Kleinen, die in Leipzig wohnen, auch zu Hause schlafen. Das entlastet uns sogar, aber vor allem erleichtert es den Müttern die Übergangszeit. Natürlich wird uns immer wieder gesagt: Ihr seid anders, warum seid ihr so anders als die Welt? Ich habe einmal geantwortet: "Es ist umgekehrt, die Welt ist anders." Das hilft, wenn man in eine Ecke gestellt wird.

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