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Nicht wenige Italiener leben mit Mitte 40 noch bei Mama und Papa.

"Hotel Mama"

Endstation Elternhaus

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Viele Italiener logieren auch mit Mitte 30 noch im "Hotel Mama". Dahinter stecken nicht nur Bequemlichkeit und klammernde Eltern: Die meisten können sich eine eigene Wohnung einfach nicht leisten.

Wenn Claudia am Wochenende spät von einer Party nach Hause kommt, legt sie sich möglichst geräuschlos neben ihre Mutter ins Ehebett. Die 24 Jahre alte Medizinstudentin nimmt nachts lieber den Platz ihres verstorbenen Vaters ein, als in der unteren Etage des Doppelstockbetts im Kinderzimmer nebenan zu schlafen, das sie sich nach wie vor mit ihrem 22-jährigen Bruder Marco teilt. Privatsphäre gibt es bei Familie Alabiso kaum, die Eigentumswohnung am südöstlichen Stadtrand von Rom ist klein.

Claudia ist eine selbstbewusste junge Frau. Dass sie mit Mitte 20 noch in der elterlichen Wohnung lebt, ist nicht ungewöhnlich. Die meisten ihrer Kommilitonen an der Universität La Sapienza, alle ihre römischen Freunde auch ihr gleichaltriger Partner Giacomo wohnen zu Hause.

Für die Mehrheit der Normalzustand

In Italien ist das für die Mehrheit der jungen Leute der Normalzustand. Nicht einmal jeder dritte Italiener unter 35 Jahren hat eine eigene Wohnung. 67,3 Prozent logieren einer Statistik von Eurostat zufolge im „Hotel Mama“ – fast sieben Millionen junge Leute. In Deutschland verdienen etwas weniger als die Hälfte, in Schweden sogar nur jeder Fünfte das Etikett Nesthocker.

In dem skandinavischen Land zieht der Nachwuchs im Schnitt mit knapp 20 Jahren von zu Hause aus, in Italien erst zehn Jahre später. „Mammoni“ oder „Bamboccioni“, Mamasöhnchen und –töchterchen oder Riesenbabys, werden diese jungen Italiener oft etwas abfällig genannt. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Ein Drittel von ihnen studiert, ein Drittel ist arbeitslos, ein Drittel hat einen Job.

Es ist nicht so, dass Claudia unter der beengten Situation zu Hause und dem ungewöhnlichen Schlaf-Arrangement leidet. Zusammen mit anderen Studenten eine Wohnung zu mieten, daran denkt sie zwar ab und an. Einige ihrer Kommilitonen, die von außerhalb zum Studieren nach Rom gekommen sind, müssen das ja auch. Sie würde gerne näher an der Uni wohnen, statt 40 Minuten mit dem Zug von der Vorstadt bis zum Bahnhof Termini zu fahren. Aber selbst für einen „Posto letto“, ein Bett in einem Zweier-Zimmer in einer WG, zahlt man im Zentrum noch um die 400 Euro monatlich, erzählt sie, während ihre Mutter in der Küche hantiert. Also wischt Claudia solche Gedanken gleich wieder weg. „Das sind Fantastereien“, sagt sie.

Sie sieht lieber die guten Seiten. „Wenn ich für Prüfungen lerne, muss ich mich um nichts kümmern. Meine Mutter kauft ein, kocht und wäscht.“ Sie hat ein paar Freunde, die genug Geld für eine eigene Wohnung hätten, aber aus Bequemlichkeit zu Hause bleiben. Und was ist mit dem Mangel an Freiraum, was, wenn sie mit ihrem Freund mal alleine sein will? „Ach, da gibt es genug Gelegenheiten“, sagt Claudia und lacht. Ihre Mutter Roberta, eine Grundschullehrerin, sei tagsüber meist unterwegs, auch Giacomos Eltern sind berufstätig.

Früher zog man aus, wenn man heiratete, ruft Roberta, eine Mittfünfzigerin, aus der Küche. „Beide Familien legten zusammen und es wurde eine Wohnung gekauft für die Frischvermählten.“ Aber schon bei ihr und ihrem Mann hatte es nur für die kleine Parterre-Wohnung weit draußen gereicht. Inzwischen sind die Immobilienpreise im Zentrum Roms astronomisch hoch. Auch bezahlbare Mietwohnungen gibt es kaum. Italiener heiraten außerdem immer später oder immer häufiger gar nicht.

Das liegt auch daran, dass die so genannten Millennials, die junge Generation, die eigentlichen Opfer der Wirtschaftskrise sind, von der sich das Land gerade schleppend erholt. Eine Caritas-Studie ergab vergangenes Jahr, dass sie erstmals die ärmste Bevölkerungsgruppe stellen. Mehr als jeder Dritte unter 35 Jahren ist arbeitslos, in manchen süditalienischen Regionen bis zu 80 Prozent. Viele haben resigniert. Italien hat den höchsten Anteil an jugendlichen Neet. So werden diejenigen betitelt, die weder arbeiten noch in Ausbildung sind. Nach einer Jugendstudie des europäischen Parlaments von 2016 fühlen sich 78 Prozent der jungen Italiener vom sozialen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Die Regierung hat gerade beschlossen, bei Neueinstellungen von jungen Leuten drei Jahre lang Steuern und Sozialabgaben zu halbieren. In Süditalien fallen sie sogar ganz weg. Außerdem soll eine Vorruhestandsregelung im öffentlichen Dienst bis zu eine halbe Million neue Jobs bringen.

„Generazione Mille Euro“

Derzeit schlagen sich junge Italiener meist entweder als Babysitter, Animateure, Verkäufer, Pizzafahrer und Bürohilfen durch oder sie hangeln sich von einem Zeitvertrag zum nächsten. Wer eine feste Stelle findet, wird oft so schlecht bezahlt, dass er davon nicht leben kann. In der „Generazione Mille Euro“ verdienen auch hoch Qualifizierte meist nicht mehr als 1000 Euro im Monat. Das muss man in Großstädten wie Rom oder Mailand allein für eine bescheidene Wohnung hinblättern. In Ermangelung staatlicher Hilfen ist die Familie somit das einzige soziale Netz. Nicht wenige Italiener leben auch mit Mitte 30 oder Mitte 40 noch bei Mama und Papa. Andere müssen in ihr Kinderzimmer zurückkehren, wenn sie ihren Job verlieren.

Cristina, 37 Jahre alt, hat vor ein paar Monaten endlich den Absprung geschafft und ist mit ihrem Freund zusammengezogen. Nach langer Suche haben sie eine Mietwohnung gefunden, die mit seinem Gehalt als IT-Experte erschwinglich ist. „Es ist eine große Befreiung für mich“, sagt Cristina.

Bislang lebte sie im Dachzimmer des elterlichen Häuschens im gutbürgerlichen römischen Stadtteil Monteverde Vecchio. Es ist durch eine Wendeltreppe direkt mit dem Wohnzimmer verbunden. Wenn Vater und Mutter, beide schon über 70, abends vor dem Fernsehen saßen, musste Cristina Talkshows und Serien zwangsläufig mithören. An Lesen und Entspannung war nicht zu denken. „Irgendwann konnte ich sie dann überreden, mit Kopfhörer fernzusehen“, erzählt sie. In ihrem Alter noch zu Hause zu leben, sei grotesk, sagt sie. „Du bist eine erwachsene Frau, aber sie behandeln dich immer noch wie einen Teenager“. Ständig gab es Kommentare zur Frisur, zur Kleidung. „Wie siehst du denn aus? Kauf dir mal neue Schuhe.“

Cristina hat Biologie studiert, danach noch einen Master in Chemie und Pharmazeutik gemacht. Seit vielen Jahren sucht sie vergebens einen Job. Dutzende unbezahlter Praktika hat sie hinter sich, inzwischen hat sie so gut wie aufgegeben. „Praktika mache ich keine mehr. Da arbeite ich lieber als Dogsitter.“ Damit verdient sie 200 Euro im Monat. Außerdem hilft sie ihrem 77 Jahre alten Vater, einem pensionierten Steuerberater, der nebenbei noch als Hausverwalter arbeitet, bei Schreibarbeiten. Er zahlt ihr 50 Euro die Woche. Auch die Mutter steckt ihr ab und an Geld zu.

Viele haben keine Hoffnung mehr

Cristina träumt davon, Kinder zu bekommen. Doch das Gehalt ihres Freundes reicht nicht. Ihr Vater versucht das Paar zu überzeugen, zu zweit in das Häuschen in Monteverde Vecchio zurückzukommen. Italienische Eltern haben häufig die Tendenz zu klammern. Er bietet finanzielle Unterstützung an, damit sie eine Familie gründen können. Aber Cristina will das nicht. „Ich möchte, dass wir uns selbst finanzieren können.“ Alles in allem empfindet sie ihre Lage inzwischen als ziemlich traurig und hoffnungslos, sagt sie. Sie holt sich deshalb Hilfe bei einem Psychologen.

Andere verzweifeln. Vor einigen Monaten sorgte der Suizid des 30-jährigen Michele für Schlagzeilen. Auch er hatte so viele Praktika und schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs hinter sich, dass er keine Hoffnung mehr sah. Die Eltern veröffentlichten seinen Abschiedsbrief. „Ich habe es satt, mich ständig anzustrengen, ohne Resultate zu erzielen, ich habe die unnützen Bewerbungsgespräche als Grafiker satt“, schrieb er. Wenige Tage nach seinem Tod hatte jemand auf eine Mauer seines Heimatorts in der wohlhabenden norditalienischen Region Friaul gesprüht: „Für Michele und unsere Generation ist die einzige Sicherheit der Hass und die einzige Garantie die Rache. Die Regierungen, die uns unser Glück stehlen, sind Mörder!“

Emanuele, Andrea und Alessandro, alle drei 25, gehören zu denen, die ihre Zukunft deshalb wie so viele andere aus ihrer Generation nicht in Italien sehen. Die drei jungen Männer wollen auswandern. Allein im vergangenen Jahr haben das fast 40 000 junge Italiener getan. Die hellsten Köpfe verlassen das Land, wird vielfach gewarnt.

Auch Emanuele, Andrea und Alessandro sind umtriebig und engagiert und scheuen keine Anstrengung. Alle drei studieren Betriebswirtschaft, nebenbei betreiben sie einen eigenen Zeitungskiosk. Dafür stehen sie abwechselnd mehrmals die Woche um fünf Uhr früh auf, um die Lieferung entgegenzunehmen und dann bis abends um 19 Uhr im Kiosk zu arbeiten. Wenn sie in einem Jahr das Studium beendet haben, sind ihre Ziele Frankreich, Neuseeland und Berlin. „Hier in Italien wird man ausgebeutet, Leistung wird nicht belohnt. Es hat keinen Sinn, hier zu bleiben“, sagt Emanuele.

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