Die Meisterin übt: Emily Harrington klettert in Colorado.
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Die Meisterin übt: Emily Harrington klettert in Colorado.

Extremsport

Endlich oben

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Im zweiten Anlauf schafft Emily Harrington, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist: Die schwierigste Route des kalifornischen Berges El Capitan klettert sie im Freistil hinauf – in weniger als 24 Stunden.

Vor einem Jahr fiel sie in die Tiefe. Stockfinster und bitterkalt war es im Yosemite-Tal Ende November. Die Klettersaison war fast vorbei. Doch Emily Harrington hatte sich noch einmal herangewagt an den legendären Felsriesen El Capitan. Bis zu 1000 Meter ragt dessen senkrecht abfallende Steilwand im weltberühmten Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien aus der Erde.

Seit Jahrzehnten lockt er Kletterverrückte aus der ganzen Welt an. Seit Jahren auch die 34 Jahre alte US-amerikanische Profikletterin Harrington. Knapp 50 Meter waren erst geschafft an jenem frühen Novembermorgen, da verlor sie das Gefühl in ihren Füßen, rutschte ab und fiel zwölf Meter in die Tiefe. Gehalten nur vom Körpergewicht ihres Sicherungspartners, der ihr verbunden mit einem Seil folgte, das zwischen ihnen im Felsen verankert war.

Mit voller Wucht wurde Harrington in die Steinwand des Monolithen geschleudert. Die Sicherung hielt. Die Kletterin erlitt keine lebensbedrohlichen Verletzungen, keine Knochenbrüche, dafür aber einen gewaltigen Brummschädel, Schürf- und Platzwunden sowie einen dicken roten Striemen am Hals, wo sich das Seil eingebrannt hatte. Der Klettermarathon war jäh beendet. Auf einer Trage mit fixiertem Kopf ging es ins Krankenhaus.

Ein Jahr später ist Emily Harrington oben angekommen. Am Mittwoch vergangener Woche hat sie als erste Frau überhaupt die schwierige „Golden Gate“-Route den El Capitan hinauf absolviert – im Freikletterstil und in weniger als 24 Stunden. Während die ganze Welt auf Joe Biden und Donald Trump schaute, gelang ihr fast unbemerkt und ungewöhnlich schnell, wofür Kletterer und Kletterinnen in der Regel vier bis sechs Tage brauchen.

Die „Golden-Gate“-Route, die im Jahr 2000 vom deutschen Extremkletterer Alexander Huber erstbestiegen wurde, bewältigten vor Harrington nur drei Männer binnen eines Tages. 21 Stunden, zwölf Minuten und eine halbe Sekunde zeigt die Stoppuhr des Handys an, das Harrington auf einem auf Instagram geteilten Bild mit stolzem Lächeln in die Kamera hält. „Ich habe nie geglaubt, dass ich El Cap wirklich an einem Tag frei besteigen kann, als ich mir das erste Mal dieses Ziel gesetzt habe“, schreibt sie darunter.

Doch um das scheinbar Unrealistische zu schaffen, hatte sich Harrington trotz des schweren Sturzes im Vorjahr am Mittwoch um 1.30 Uhr morgens erneut an den Aufstieg gemacht. Um 22.30 Uhr abends drückte sie sich mit ihren Armen über die letzte Klippe, es war geschafft. Doch auch dieses Mal gab es einen Schockmoment.

Im Freistil zieht sich der Kletterer oder die Kletterin ohne technische Hilfsmittel nur mit Händen und Füßen nach oben. Seile und andere Ausrüstung helfen dabei nicht, sondern sind nur für eine gewisse Restsicherheit da. „Simul climbing“, simultanes Klettern, nennt man den riskanten Stil, mit dem Harrington nun nach oben gelang. Simultan heißt er, weil sich zwei Personen nur mit einem Seil verbunden Stück für Stück nach oben arbeiten.

Harrington führte an, die Sicherungspartner folgten. „El Cap kann sehr sicher bestiegen werden, genau wie der Mount Everest sehr sicher bestiegen werden kann“, sagt Adrian Ballinger, einer von zwei Helfern Harringtons und ihr Lebensgefährte, in einem Youtube-Video über den Unfall im Vorjahr.

Aber um die Steilwand in weniger als 24 Stunden im Freikletterstil zu besteigen, erklärt der erfahrene Everest-Führer, „muss man enorme Risiken eingehen“. Und das zeigte sich auch in diesem Jahr. Ein „böser Ausrutscher“, wie Emily Harrington schreibt, brachte sie im letzten Drittel der Strecke ans Limit. Wieder prallte sie gegen den Stein und holte sich eine tiefe, blutige Wunde auf der Stirn.

Der Sturz, so schreibt sie, „raubte mir die Entschlossenheit“. Eine Stunde pausierten sie, verarzteten die Verletzung notdürftig und überprüften ihren körperlichen Zustand. Doch dann kämpfte sich Harrington weiter nach oben. Begleitet wurde sie in dieser Phase wie beim Sturz im Vorjahr vom zweiten Helfer, von einem Kletterer, der die Wand wie kaum ein Zweiter kennt: Alex Honnold.

Er gilt als Superstar der Freikletter-Szene, spätestens nach seinem noch riskanteren „free solo“-Aufstieg, allein ohne technische Hilfsmittel und ohne Sicherung, auf einer anderen Route des El Capitan im Jahr 2017. Der Dokumentarfilm darüber gewann einen Oscar. Die Kletterwelt im Yosemite-Park gilt auch wegen Ausnahmekönnern wie Honnold als männerdominiert. Das musste auch Harrington erfahren.

„Ich habe immer so viele Ratschläge von Männern bekommen, Leute, die mir sagten, wie ich Dinge tun soll, was ich falsch mache“, sagte sie nun in einem Interview, „aber am Ende habe ich mich einfach dazu entschlossen, es durchzuziehen“. Oben angekommen wurden die Wunden versorgt, Bilder gemacht, mit Champagner angestoßen und die Eltern angerufen. Doch kurz darauf ging es schon wieder zurück – mit einem zweistündigen Abstieg ins Tal.

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