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Thomas Claus hat einen Dokumentarfilm über den Wiederaufbau des Goetheturms gedreht.
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Thomas Claus hat einen Dokumentarfilm über den Wiederaufbau des Goetheturms gedreht.

Sehenswürdigkeit im Stadtwald

Dokumentarfilm über Frankfurter Goetheturm: Thomas Claus erzählt die Geschichte von Turmvater Gustav Gerst

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Nach dem dramatischen Brand steht der Goetheturm nun wieder in ganzer Pracht im Frankfurter Stadtwald. In einem Dokumentarfilm wird auch die Geschichte seines Stifters Gustav Gerst wieder zum Leben erweckt.

Sehnsuchtsort Stadtwald. Frankfurt fiebert auf den August hin, dann wird es ein Fest geben: Der niedergebrannte, vielbeweinte und mit dem ganzen Herzblut der Stadt wiedererrichtete Goetheturm erhält seine Ehrentafel zurück, auf der steht, wem der Holzbau zu verdanken ist – dem Stifter Gustav Gerst, oder wie man heute sagt: Turmvater Gerst.

Er könne sich überhaupt niemand anderen mehr vorstellen, sagt Thomas Claus, niemand anderen, der den Goetheturm bezahlt hätte, damals, 1931, als eben Gustav Gerst. Jenen Mann, den die Nazis schon drei Jahre später drangsalierten, enteigneten, schließlich zur Flucht zwangen. Jenen Gustav Gerst, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre.

Thomas Claus hat einen Dokumentarfilm über den Wiederaufbau des Goetheturms gedreht und ist dabei auf die Geschichte des Turmvaters gestoßen. Eine Geschichte, die nach mehr Aufmerksamkeit rief, viel mehr. Sie erzählt so manches über die Welt vor 90 und vor 80 Jahren, über das Gute und das Böse.

Wiederaufbau des Goetheturms in Frankfurt: Thomas Claus hat die Arbeiten filmisch begleitet

Frankfurt in den 1920er Jahren. Ein verfallener Holzturm an der „Goetheruh“ im Wald soll ersetzt werden, höher, prächtiger. Im Magistrat wird diskutiert. Der Stadtbaurat Ernst May schlägt einen Betonbau vor. Der würde allerdings 70 000 Reichsmark kosten. „Warum so teuer?“, fragt Oberforstmeister Bernhard Jacobi. „Material haben wir doch genug im Wald.“

Aber immer noch niemanden, der einen Holzturm bezahlen würde. Jacobi legt sich ins Zeug. Ihn treibt ein Gedanke an: den Wald zum Naherholungsgebiet zu machen – ein Begriff, der damals noch gar nicht erfunden ist. Da macht er die Bekanntschaft eines Nachbarn des Chemikers und Stifters Arthur von Weinberg an der Niederräder Landstraße. Es ist Gustav Gerst, der Inhaber des Unternehmens H&C Tietz, das unter anderem das Frankfurter Kaufhaus Tietz betriebt. Pferdefreund Gerst will gern im Stadtwald reiten. Das könne schon angehen, sagt Jacobi, wenn Gerst im Gegenzug den Turm bezahle. Die Männer werden einig.

Stadtwald erhält sein Schmuckstück zurück: Goetheturm trägt neue Plakette

„Der raffinierte Jacobi hat ihm zunächst nur den halben Preis genannt“, sagt Thomas Claus, „15 000 Reichsmark.“ Das steigert sich dann peu à peu auf 28.000, aber Gerst willigt jeweils ein. Drei Mal muss die Stadt beim preußischen Staat um Erlaubnis bitten; Spenden über 3000 Reichsmark sind von ganz oben zu genehmigen.

Die Holztafel, die der Oberurseler Künstler Hendoc nach dem verbrannten Vorbild gemacht hat. Thomas Claus

Woher weiß Thomas Claus all das? Es ist eine große Gemeinschaft, die ihm hilft. Menschen, ergriffen vom Schicksal der jüdischen Familie Tietz/Gerst, die so viel für Frankfurt tat, für Forschung und Kultur hohe Summen spendete, um dann vom Unrechtsstaat gequält, verjagt und umgebracht zu werden. Auf einen großen Bericht der Frankfurter Rundschau und Aufrufe auch in anderen Zeitungen melden sich Nachkommen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die noch alte Dokumente haben. Ein Leser aus Maintal etwa schickt Fotos der Tietz-Filiale in Hanau. „Aus dem Foto-Album meines Vaters sende ich anbei einige Aufnahmen vom Kaufhaus Tietz in Hanau“, heißt es im Anschreiben. „Mein Vater war vom 6. Januar 1930 bis 6. Januar 1931 Volontär und vom 7. Januar 1931 bis 2. April 1932 Konditor-Gehilfe bei Tietz in Hanau.“ Die Bilder zeigen die adrett in Weiß gekleidete Belegschaft. Auf einem der Fotos sind Konditoreiwaren zu sehen und darüber ein Werbeschild:

Thomas Claus hat einen Dokumentarfilm über den Goetheturm in Frankfurt gedreht

„Hast Du Verlobung, Hochzeit, Weihnachtsfest, / so glaube mir, es ist das Best, / Kaufst Du bei Tietz die Torten ein / Wirst Du bestimmt zufrieden sein.“

Ein Leser aus Langen schickt den Auszug aus einer Broschüre des Stadtvermessungsamts: Ein Revierförster und ein anonymer Bürger hätten „unter Hinweis auf die jüdische Abstammung die Umbenennung des Gerstweges gefordert“, eines Pfads im Stadtwald. Es gab Widerstand: „In einer außerordentlich mutigen Stellungnahme legte das Bauamt – Forstverwaltung – ausführlich die Verdienste des Kommerzienrats Gerst dar und kam zu dem Schluss, dass dieser Weg nicht umbenannt werden sollte.“ Aber vergebens. „Im städtischen Anzeigenblatt vom 5. Juni 1936 wurde bekannt gemacht, der Name des Weges sei ersatzlos aufgehoben.“

In der Nacht zum 12. Oktober 2017 wurde der Turm durch Brandstiftung vollständig zerstört und zwischen 2019 und 2020 originalgetreu wiederaufgebaut.

„Unsere Spurensuche, mit der wir dabei sind, eine Lücke im Gedächtnis der Stadt zu schließen, hat viele Menschen berührt“, sagt die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Besonders gut helfen das Stadtarchiv und das Historische Museum. „Da funktioniert Frankfurt hervorragend“, lobt Thomas Claus. „Es gibt kein besseres Institut für Stadtgeschichte als hier. Es fügt sich ein Puzzleteil an das andere.“ Das Historische Museum hat sogar ein Spiel im Besitz, es heißt: „Zu Besuch im Kaufhaus Tietz“.

All das soll in einem zweiten, größeren Film Ausdruck finden, den Thomas Claus plant, vielleicht sogar fürs internationale Parkett.

Gedenken an Turmvater Gustav Gerst: Dokumentarfilm über Goetheturm erinnert an vertriebene Familie

Zunächst aber wird am 15. August des Stifters und seiner Geschichte gedacht, des Turmvaters Gerst, der vor den Nazis fliehen musste, über Schweden in die USA, und 1948 in New York völlig verarmt starb. Es ist Musik geplant am 43 Meter hohen Turm mit seinen 196 Stufen, der Claus’sche Film wird dort in Dauerschleife laufen, jemand ruft darin: „Der Goetheturm lebt!“ Später im Jahr folgen ein Kolloquium zur weiteren Spurensuche und Ende Oktober eine Ausstellung im Historischen Museum: „Eine Stadt macht mit. Frankfurt und der NS“. Gustav Gerst soll auf jeden Fall darin vorkommen.

Wer noch Zeugnisse aus jener Zeit, zum Beispiel über das Kaufhaus Tietz auf der Zeil oder die Familie Gerst beitragen kann: Gesammelt wird unter der E-Mailadresse gustav.gerst.dezernatx@stadt-frankfurt.de.

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