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In Sierra Leone liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 34 Jahren. In Japan sind es 84.

Dr. Hontschiks Diagnose

Das Ende des Lebens: vorherbestimmt

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Die Unterschiede bei der Lebenserwartung sind noch immer riesig. Und: Wer arm ist, stirbt früher – überall. Die Kolumne.

Erfolgsmeldungen über die ständig steigende Lebenserwartung reißen nicht ab. Der neueste Artikel zu diesem Thema ist im Deutschen Ärzteblatt mit „Jedes dritte neugeborene Mädchen wird hundert Jahre alt“ überschrieben. Das betrifft Deutschland, aber auch wenn man sich global umschaut, sieht es auf den ersten Blick gut aus: Die Lebenserwartung ist seit 1950 weltweit um knapp fünfzig Prozent gestiegen. Und mit jedem Jahrzehnt wird sie im Mittel um weitere dreieinhalb Jahre steigen, lauten optimistische Prognosen. Diese gute Entwicklung reklamiert die Medizin für sich. Das ist aber nur zu einem geringen Teil richtig. 

So ist beispielsweise die Häufigkeit und die Sterblichkeit der Tuberkulose schon lange vor der Entdeckung der Tuberkulostatika und der Tuberkulose-Impfung deutlich zurückgegangen, weil sich die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung verbessert hatte: trockene, helle und beheizbare Wohnungen, sauberes Trinkwasser, Einhaltung hygienischer Mindeststandards in den Sanitärbereichen, bessere ökonomische Absicherung durch Kranken- und Arbeitslosenversicherungen: ein Erfolg der Arbeiterbewegung. Rund um die Lebenserwartung finden sich erstaunliche Fakten. So ist zwar bekannt, dass die Lebenserwartung von Frauen höher ist als die von Männern. Weniger bekannt ist, dass sich diese Differenz seit 100 Jahren stetig verringert, von über sechs Jahren im Jahr 1900 auf heute noch etwa vier Jahre. Dafür gibt es keine schlüssigen Erklärungen. 

In den USA sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung seit 2014

Im Weltmaßstab betrachtet finden sich enorme Unterschiede. In Japan lebt man im Durchschnitt am längsten, nämlich knapp 84 Jahre. Schlusslicht einer solchen Aufstellung ist mit 34 Jahren, also einem Unterschied von fünfzig Jahren, Sierra Leone, eines der ärmsten Länder der Welt. Aber auch innerhalb von Europa finden sich große Differenzen. In Westeuropa beträgt die Lebenserwartung für heute Neugeborene etwa 84 (weiblich) bzw. 80 Jahre (männlich). In Osteuropa leben Frauen im Vergleich zu Westeuropa sieben Jahre, Männer vierzehn Jahre kürzer. Am längsten leben Männer in der Schweiz und Frauen in Spanien. Deutschland liegt auf dem letzten Platz von 22 westeuropäischen Ländern. Wie erklären sich diese Differenzen? Wie kommt ausgerechnet das reiche Deutschland auf den letzten Platz? Ist es die Ernährung? Der Alkoholkonsum? Ist es die Lebenseinstellung? Oder der Arbeitsstress? 

Mitten hinein in die allgemeine Begeisterung, dass alle immer älter werden, kommen vermehrt ganz andere Meldungen wie etwa diese aus den USA: Hier sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung seit 2014, zwar nur in kleinen Schritten, aber kontinuierlich. Einige Hypothesen führen als Ursache dafür die immer weiter verbreitete Fettleibigkeit ins Feld, andere auch die katastrophale Opioid-Krise, die in den USA epidemische Ausmaße angenommen hat. Aber auch in Großbritannien ist die Lebenserwartung von 65-jährigen Männern um ein halbes Jahr gesunken.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

Und eines ist überall gleich: Wer arm ist, stirbt deutlich früher. Global gesehen sterben Menschen in armen Ländern etwa dreißig Jahre früher als in reichen Industrienationen. Während die Lebenserwartung insgesamt ansteigt, sterben Frauen der niedrigsten Einkommensgruppe in Deutschland mehr als vier Jahre früher als Frauen mit hohem Einkommen, Männer sogar acht Jahre früher. Die Lebenserwartung steigt bei der ärmeren Bevölkerung seit 2007 so gut wie gar nicht mehr an. Eine neuere Studie des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung in Rostock zeigt für Deutschland, dass arme Rentner*innen fünf Jahre früher sterben als finanziell abgesicherte. Auf diese Weise subventionieren Arme auch noch die Rente der Wohlhabenden. Lebenserwartung ist das Ergebnis der sozialen Lage. Fortschritte der Medizin tragen dazu nur wenig bei.

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