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Verschlafen, abgeschieden und bald wieder Teil des umgebenden Australiens: Hutt River.

Australien

Ende eines Fürstentums

  • vonBarbara Barkhausen
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Vor 50 Jahren spaltete sich Hutt River von Australien ab. Nun zwingt die Pandemie die Mikronation in die Knie - sie wird wieder ein Teil Australiens. Offen ist noch eine saftige Rechnung.

Der Prinz des Outbacks – so wurde Leonard Casley einst genannt. Ein halbes Jahrhundert haben er und nach seinem Tod seine Familienangehörigen mit Australien im Clinch gelegen.

Der Streit begann vor 50 Jahren, als die australische Regierung eine Weizenquote einführen wollte, und die Familie sich dagegen auflehnte. Es folgte die Drohung, das Land zu enteignen. Doch „Prinz Leonard“ berief sich auf ein altes Gesetz, das im Falle einer Bedrohung die Bildung einer Regierung erlaubte. So spaltete er sich am 21. April 1970 von Westaustralien ab und schuf die Hutt River Principality.

Ab jenem Zeitpunkt herrschte Prinz Leonard über 75 Quadratkilometer – ein Stück Land, etwas größer als das europäische San Marino. Er druckte seine eigene Währung, den Hutt River Dollar, und stempelte die Pässe von Besuchern, die die Kuriosität der Idee anlockte sowie landschaftliche Sehenswürdigkeiten wie der Mount Secession und der Lake Beginning.

Das etwa 600 Kilometer nördlich von Perth gelegene Fürstentum war die bekannteste Mikronation Australiens, wenn auch bei weitem nicht die einzige. Doch wie auch die Konkurrenz – das Kaiserreich Atlantium, das Fürstentum Snake Hill, die Murrawarri Republik oder die Demokratische Republik von Milson’s Passage – so wurde auch der Fantasiestaat Hutt River zu keinem Zeitpunkt von Australien, geschweige denn irgendeiner anderen Nation, als souveräner Staat anerkannt.

Nach 50 Jahren schmeißen die Rebellen, die Australien 1977 sogar kurzzeitig den Krieg erklärten, nun das Handtuch. Diese Woche gaben sie bekannt, dem Commonwealth of Australia wieder beitreten zu wollen. In einer E-Mail an Anhänger des Fürstentums hieß es, der derzeitige Führer, Prinz Graeme Casley, der Sohn von Gründer Leonard Casley, der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren gestorben ist, habe beschlossen, „das Fürstentum aufzulösen“.

Als Grund gab der selbsternannte Herrscher die „harschen Zeiten“ während der Pandemie an. Denn mit dem Beginn der Corona-Restriktionen blieben Besucher und somit auch Einnahmen im Fürstentum aus. Außerdem sitzt dem Prinzen das australische Finanzamt im Nacken, das Jahrzehnte an ausstehenden Steuerschulden einkassieren möchte.

Graeme Casley bestätigte gegenüber dem staatlichen australischen Sender „ABC“, dass er plane, das Land zu verkaufen, um den Schuldenberg abzubauen, der sich über die Jahre angehäuft hat. Mehrere Millionen Australische Dollar sollen die Rebellen dem Finanzamt schulden. Das hauseigene Archiv, das das Leben und die Ereignisse in Australiens bekanntester und ältester Mikronation dokumentiert, will Prinz Graeme aber gut unter Verschluss und im Besitz der Familie halten. „Das ist Geschichte und die lässt sich nicht auslöschen“, sagte er.

Einer seiner australischen „Kollegen“, der sich selbst nicht nur zum „Prinzen“, sondern gleich zum „Kaiser“ ernannt hat, kommentierte das Ende des Hutt-River-Fürstentums auf einem Facebook-Forum für Mikronationen: „Es hat Spaß gemacht, solange es dauerte, aber es ist vorbei.“ Die Nation sei wie ein Theaterstück gewesen, das ein „charismatischer Kerl“ geleitet habe, der sich „buchstäblich für eine Art Messias hielt“.

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