Es kann losgehen: Den Bankangestellten wurden die Bündel quasi aus den Händen gerissen.
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Es kann losgehen: Den Bankangestellten wurden die Bündel quasi aus den Händen gerissen. 

DDR

Das Ende der Alu-Chips

  • vonHarald Biskup
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Der 2. Juli 1990 in Ostberlin: Am Tag nach Einführung der D-Mark starten die Leute euphorisch in die gesamtdeutsche Warenwelt. FR-Autor Harald Biskup war damals dabei.

Eigentlich hätte der 1. Juli 1990 ein normaler Sommertag werden können – der „Tag der Deutschen Volkspolizei“ sowie „Tag des Bergmanns und des Energiearbeiters“. Das wusste in der DDR jedes Kind, schließlich stand es schwarz auf weiß im „Pionierkalender“. Doch es kam bekanntlich anders.

Vor den Banken im ganzen Land bildeten sich schon in aller Herrgottsfrühe lange Schlangen. Beinahe gierig warteten die Menschen auf das neue Geld, das ihnen vor allem von Kanzler Kohl seit Wochen versprochen worden war. In Bonn hatte man den überall lautstark skandierten Ruf „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht geh’n wir zu ihr“ als das verstanden, was er war: als Drohung einer Massenabwanderung.

Mit den ersten Einkäufen mussten sich die stolzen D-Mark-Besitzerinnen und Besitzer allerdings noch einen Tag gedulden. Der 1. Juli war ein tropisch heißer Sonntag – und die Geschäfte geschlossen. Die erst Tage zuvor in Betrieb genommene Filiale der Deutschen Bank am Berliner Alexanderplatz wirkte provisorisch.

Schon seit dem frühen Abend harren an diesem später als historisch geltenden Tag die ersten „Kundinnen und Kunden“ aus, mit Campingstuhl, Thermosflasche und Stullendose. Kurz vor Mitternacht wächst die Nervosität unter den Tausenden. Vorher haben sie sich in Geduld und Disziplin geübt, in vielen Jahren Mangelversorgung antrainiert.

Bis zuletzt ist bei vielen Leuten in der Menge die DDR-typische Skepsis zu spüren, ob die herübergeschafften Vorräte von mehr als 27 Milliarden D-Mark denn auch wirklich für alle reichen würden. Schließlich wusste man bei West-Jeans auch nie so genau, ob es sie am nächsten Tag noch geben würde.

Bevor in den letzten Juniwochen 1990 streng bewachte gepanzerte Geldtransporter von der Bundesbankzentrale in Frankfurt am Main Richtung Osten geschickt wurden, hatten westliche Emissäre die zum Teil marode Tresor-Situation geprüft – immerhin galt es, 460 Tonnen Geldscheine bedarfsgerecht und „just in time“ auf die Republik zu verteilen.

Als die Uhr des Roten Rathauses mit zwölf dumpfen Schlägen den Beginn der DM-Ära verkündet, setzt kollektiver Freudentaumel ein. Rotkäppchensekt-Korken knallen, Feuerwerkskörper krachen, Raketen steigen in den Berliner Himmel. Silvesterstimmung im Hochsommer. Ein Rentner grölt, schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkend, sein Glücksgefühl in die schwüle Nacht: „So ein Tag, so wunderschön wie heute …“

Den Bankangestellten wird das neue Geld förmlich aus den Händen gerissen. Wer „sein“ Geld in Empfang nehmen will, musste in den Wochen zuvor einen Antrag auf Umstellung des Kontos auf D-Mark stellen und am Schalter eine Auszahlungs-Bescheinigung über maximal 2000 D-Mark pro Person vorlegen. Die Schnellsten werden mit einem Sparbuch belohnt. Startguthaben 100 Mark.

„Ist wie ’n zweetes Bejrüßungsjeld“, freut sich ein Bauschlosser aus Köpenick. Das wochenlange Gerangel um die gestaffelten Umtauschkurse spielt da keine Rolle. Dem Jubel vieler Ost-Berlinerinnen und Ost-Berliner folgt aber schon Stunden später die Ernüchterung. Wer in einer der Kneipen im Nikolaiviertel auf das neue Geld anstoßen will, kann ziemlich krasse Formen frühkapitalistischer Ausbeutung erleben.

Die ersten praktischen Auswirkungen der Währungsunion, die ohne Schonfrist, als Big Bang, seit 0.00 Uhr in Kraft ist. In selbständiger Kalkulation gänzlich ungeübt, verschrecken Wirtinnen und Wirte ihre Gäste mit horrenden Wucherpreisen.

Für das Glas Wodka zum Beispiel, das doch eben noch 80 Pfennig (Ost) gekostet hat, sind plötzlich 6,50 Mark (West) fällig. Die Garderoben und Toilettenkräfte müssen ohnehin noch eine Weile die ungeliebten „Alu-Chips“ akzeptieren.

Der Handel hat einen Tag länger Zeit, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, als die Banken für die Währungsumstellung, von den Ostdeutschen liebevoll-spöttisch „umrubeln“ genannt. Das Kaufhaus „Konsument“ in der Leninallee hat sich binnen Stunden von einer „Verkaufseinrichtung“ zu einem Warenhaus gemausert.

Im Erdgeschoss hat ein Hamburger Versandhaus sein „Bestell-Center“ etabliert, an der Süßwarentheke stapeln sich Pralinen bekannter West-Marken. 70 Prozent der Waren, so ist zu hören, seien „BRD-Produkte“. Das Sortiment habe sich über Nacht verdreifacht. Gefragt sind am Starttag in die gesamtdeutsche Konsumwelt Kosmetika. In einer Ecke konkurrieren Florena-Dentalcreme und eine aus der West-TV-Werbung vertraute Zahnpasta. Gewohntes und Neues stehen (noch) nebeneinander: Leunarex neben Pril, Spee neben Omo.

Bei den Spielwaren wird sinnigerweise das „lustige Spiel ums leidige Geld“ für stolze 36,50 DM angeboten, „Ohne Moos nix los“ heißt es. Vorerst wollen die Leute die Vorzüge und Tücken des Kapitalismus aber lieber in der Realität erkunden. Ein Lehrer, Erweiterte Oberschule Physik, will sich „nur mal umsehen, was es jetzt so gibt“ und vielleicht ein paar Batterien mitnehmen. Mit seiner Zurückhaltung liegt der Mann im Trend.

Die große Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger, zeigen Umfragen, versinkt am Tag eins der neuen Zeitrechnung nicht im Kaufrausch, sondern dreht die harte Mark zweimal um. Auf viele wirkt die neue Vielfalt offenbar eher irritierend als verlockend.

An der Riesenauswahl Tapeten etwa, seit Jahrzehnten Mangelware, laufen die Leute achtlos vorbei. Alte Witze haben Konjunktur: Ulbricht inspiziert ein Warenhaus in Leipzig und wundert sich über das dürftige Angebot im Erdgeschoss. „Wieso gibt’s hier keine Teppiche, Genossin“, fährt er eine Verkäuferin an. „Keine Teppiche, Genosse Ulbricht, gibt’s im zweiten Stock, hier gibt’s keine Untertrikotagen.“

Auch wer in der DDR nicht zur privilegierten Kaste der Devisenbesitzerinnen und -besitzer gehört hat, bewahrte irgendwo eine kleine Notreserve an „richtigem Geld“ auf, um sich im Intershop ein paar Wünsche zu erfüllen. Nun war die D-Mark über Nacht zu einem ganz gewöhnlichen Zahlungsmittel geworden.

Und was macht der westdeutsche DDR-Korrespondent, der die Leute bei ihren ersten Gehversuchen mit neuem Geld beobachtet? Das Gleiche, auch einkaufen, mit „Hartgeld“. Bis zu diesem Tag hatte ich außer dem „Spielgeld“, wie die Ost-Währung verächtlich genannt wurde, auch immer ungefähr 50 D-Mark in kleinen Scheinen dabei.

Und jetzt auf einmal mit der bisherigen Zweitwährung bezahlen, auch die Zeitungen bei der Post, ein komisches Gefühl! In „meiner“ Kaufhalle am Anton-Saefkow-Platz leiste ich mir die brandneue Udo Lindenberg-LP „Live in Leipzig“. Natürlich in Vinyl.

Unter dem Fernsehturm am Alex lerne ich eine Familie Schmidt aus Lichtenberg kennen, die sich eine Runde „echte Cola“ gönnt. Plötzlich „Waren des täglichen Bedarfs“, Brot, Butter, Wurst, womöglich sogar Klopapier mit der „Edelwährung“ zu bezahlen, eben noch für besondere Anlässe reserviert, sei gewöhnungsbedürftig. Vater Schmidt berichtet, „um det neue Jeld noch wat zu schonen“, sei in seinem Betrieb der Kaffeegroschen vorsorglich schon bis Weihnachten „noch in Alu“ gesammelt worden.

Im „Automobil Forum“ Unter den Linden umlagern Jugendliche die „geilen West-Schlitten“. Ein Rentnerpaar aus dem Umland, passionierte Trabi-Fahrer, traut sich zögerlich auch heran. Sie bewundern den neuesten Limousinen-Typ mit den vier Ringen aus Ingolstadt. „Kiek ma Muddi“, sagt der Mann und hakt seine Frau unter, „wird det unser Nächster?“

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