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Auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico: Der Fall wird immer mysteriöser.

Emmanuela Orlandi

Emmanuela Orlandi: Öffnungen zweier Gräber im Vatikan werfen neue Rätsel auf

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Als die Marmorplatten weg waren, wartete eine Überraschung auf die Forensiker unter Leitung des römischen Rechtsmediziners Giovanni Arcudi: Beide Gräber waren leer.

Bevor Mitarbeiter der Dombauhütte des Petersdoms die schweren Marmorplatten entfernten, sprachen alle Beteiligten erst einmal ein Gebet. Nur ein Forensiker-Team, Vertreter der vatikanischen Justiz und Gendarmerie sowie der Bruder der vor 36 Jahren spurlos verschwundenen Emanuela Orlandi durften dabei sein, als am Donnerstagmorgen auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof im Vatikan, zwei Gräber geöffnet wurden. Es war ein mit Spannung erwarteter Moment.

Denn nicht nur die Familie von Emanuela Orlandi hoffte, dass hinter den Vatikan-Mauern einer der mysteriösesten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte endlich aufgeklärt werden würde. Die damals 15 Jahre alte Emanuela Orlandi, Tochter eines Hofdieners von Papst Johannes Paul II. und Bürgerin des Kirchenstaates, war im Juni 1983 mitten in Rom verschwunden. Seitdem blühen zahlreiche Gerüchte, Spekulationen und Verschwörungstheorien, die sich um Geheimdienste, Logen, Mafia, die Vatikan-Bank-Skandale und den türkischen Papst-Attentäter Ali Agca drehen. Eine Leiche wurde nie gefunden.

Im vergangenen Sommer bekam die Anwältin der Familie Orlandi anonym das Foto eines Grabes auf dem deutschen Friedhof zugeschickt. „Sucht dort, wo der Engel hinzeigt“, stand dazu geschrieben. Es war das Grab der 1836 in Rom verstorbenen Prinzessin Sophie von Hohenlohe, mit einem Engel, dessen Finger auf die Marmorplatte zu deuten scheint. Der Vatikan stimmte einer Öffnung schließlich zu, um nach Überresten von Emanuela zu suchen. Und um ganz sicher zu gehen, wurde am Donnerstag auch die benachbarte letzte Ruhestätte der 1840 verstorbenen Herzogin Charlotte Friederike zu Mecklenburg geöffnet.

Der Vatikan prüft nun Dokumente über Baumaßnahmen im Friedhofsbereich

Doch als die Marmorplatten weg waren, wartete eine Überraschung auf die Forensiker unter Leitung des römischen Rechtsmediziners Giovanni Arcudi: Beide Gräber waren leer. Unter dem Hohenlohe-Grab stießen sie auf einen vier mal 3,70 Meter großen Hohlraum, wie Vatikan-Sprecher Alessandro Gisotti mitteilte. Keinerlei Knochen fanden sich darin – weder von Emanuela Orlandi noch von der Prinzessin. Auch im Grab der Herzogin zu Mecklenburg waren weder menschliche Überreste noch eine Urne. Beide Adelsfamilien seien informiert worden, so Gisotti. Der Vatikan prüfe nun Dokumente über Baumaßnahmen im Friedhofsbereich. Zuerst war dort Ende des 19. Jahrhunderts und dann in den 60er und 70er Jahren gearbeitet worden. Vermutlich glaubt man, die Knochen könnten dabei entfernt worden sein.

Pietro Orlandi, der 60 Jahre alte Bruder der Verschwundenen reagierte verblüfft: „Alles hatte ich erwartet, aber keine leeren Gräber.“ Im Vorfeld hatte er gesagt, selbst wenn die Untersuchung ergebnislos bleibe, sei sie ein Erfolg. Denn mit der Zustimmung dazu habe der Vatikan erstmals eingeräumt, dass es eine interne Verantwortung oder Mitwisser im Kirchenstaat gebe oder gab.

Orlandi wirft der Kirche seit langem Vertuschung vor und glaubt, Papst Johannes Paul II. sei eingeweiht gewesen. Er habe damals der Familie gegenüber von einem Fall des internationalen Terrorismus gesprochen. Und auch Franziskus wisse etwas, was verheimlicht wird, glaubt Orlandi. Er habe den argentinischen Papst kurz nach Amtsantritt auf seine Schwester angesprochen und gesagt, er hoffe, Emanuela sei noch am Leben. Franziskus habe geantwortet: Sie ist im Himmel.

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