1. Startseite
  2. Panorama

Tiktok-Star Emily Uribe: „Ich würde mich nicht mal ansatzweise als berühmt bezeichnen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Valerie Eiseler

Kommentare

Emily Uribe.
Emily Uribe. © MIKE COPPOLA/AFP

Auf der Videoplattform Tiktok hat Emily Uribe mehr als 930.000 Follower, doch angefangen hat alles „mit viel Wunschdenken und harter Arbeit“.

Frankfurt/Los Angeles – Emily Uribe tut auf Tiktok gerne mal so, als wäre sie ein Star – wer tut das nicht? Doch mit ihren Videos hat sich die 22-Jährige inzwischen ein Millionenpublikum erarbeitet. Ein (echtes) Interview über die Kunst des Promi-Seins, Authentizität und soziale Medien als Sprungbrett nach Hollywood

Für Menschen, die von Tiktok keine Ahnung haben: Wie würdest du deine Videos beschreiben?

Oh, selbst meine Freunde fragen mich noch, was ich da eigentlich mache. Ich denke, die beste Beschreibung – und die kommt nicht von mir, sondern vom „Backstage“-Magazin – ist Satire. Ich würde es eine satirische Version eines Promi-Interviews nennen.

Was war das erste Video dieser Art, das du gefilmt hast?

Das habe ich in zehn Minuten im Pausenraum auf der Arbeit gefilmt ( lacht ). Es war ein Video darüber, wie ich nach dem Dreh eines Films wieder mit den anderen Schauspielerinnen und Schauspielern zusammentreffe. Es war nur etwa 15 Sekunden lang, aber funktionierte erstaunlich gut. Also dachte ich mir, dass ich meinen Inhalt auch einfach umstellen könnte, auf etwas, das mir Spaß macht. Das habe ich gemacht und am gleichen Abend noch zwei weitere Videos hochgeladen.

Stars sind nie verbittert …
Stars sind nie verbittert … © Screenshots

Tiktok-Star Emily Uribe: Berühmt geworden mit Satire von Stars bei Interviews

... und inzwischen mehrere Millionen Klicks dafür bekommen. Die Menschen, die zuschauen, scheinen also sehr genau zu verstehen, was du machst. Manche glauben sogar, bestimmte Promis in deiner Version zu erkennen. Wer ist da deine Inspiration?

Oh, ich schaue mir viele an. Aber ich würde nicht sagen, dass ich spezielle Menschen imitiere. Ich nehme mir Szenen und Momente vor, die einfach sehr häufig passieren. Zum Beispiel Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson und Anne Hathaway wurden jahrelang immer wieder die gleichen Fragen zu Ernährung, Fitness und dem engen Superheldinnenkostüm gestellt. Das ist so unangenehm für die Schauspielerinnen, die darüber vielleicht gar nicht sprechen wollen. Auch Fragen auf dem roten Teppich, gerade zu Hinweisen zum Film, werden eigentlich immer gleich beantwortet. Das sind die Facetten, die ich in meinen Videos kopiere.

Die Interviews, die du nachspielst, sind häufig bekannt für Gimmicks. Fragen, nach denen auf Google gesucht wird (Wired Autocomplete) oder bei denen man immer schärfer schmeckende Chicken Wings essen muss (Hot Ones). Was magst du an diesen Formaten?

Die Fülle an Informationen, die man bekommt. Diese Art von Interviews sind sehr lang. Deine Lieblingspromis sitzen einfach eine halbe Stunde lang da und essen Chicken Wings. Aber selbst bei diesen Interviews verraten die Promis eigentlich nichts. Da kommt dann die Frage: „Was ist dein Lieblingsessen?“ Und sie antworten: „Ach, eigentlich mag ich alles.“ Ich denke, was Fans an diesen Formaten mögen, ist die Tatsache, dass sie einfach nur länger ihren Lieblingen zuhören können. Vor allem im Vergleich zu den sehr kurzen Fragen auf dem roten Teppich.

Talkshow-Klassiker.
Talkshow-Klassiker. © Screenshots

Emily Uribe auf Tiktok: Es wird immer etwas geben, „das wir über Stars nicht wissen“

In der Unterhaltungsbranche geht es sehr viel um Authentizität – gerade bei dieser Art des Interviews. Es soll sich so anfühlen, als würden sich Freunde zum Quatschen treffen. Trotzdem wiederholen sich die gleichen Momente immer und immer wieder. Kann es Authentizität in diesen Situationen überhaupt geben?

Ich denke, die Leute sind zumindest teilweise sie selbst. Und wir wissen inzwischen, dass es immer etwas geben wird, das wir über Stars nicht wissen. In diesen Formaten zeigen sie sich in einer sehr einfachen, unglamourösen Version. Und ich denke, die Authentizität kommt daher, dass wir wissen, dass sie dort vor der Kamera sitzen müssen. Da gibt es nichts zu verstecken, das ist nun mal ihr Job. Tatsächlich ist es dann ja oft einschüchternd, persönliche Fragen beantworten zu müssen, da man vielleicht oft keine Antwort darauf hat und trotzdem spontan antworten muss.

Also mögen wir als Publikum es, wenn die Promis eingeschüchtert werden?

( Lacht ) Ja. Es ist schon seltsam. Ich kann zum Beispiel keine Interviews von Prominenten schauen, die ich bewundere. Florence Pugh ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, aber ich fühle mich sehr unwohl dabei, ihre Interviews zu schauen.

Warum? Gerade Fans schauen doch häufig alle Interviews ihrer Idole?

Als ich noch jünger war, habe ich das gemacht. Ich war ein großer Fan der Band One Direction und habe alles verfolgt, was sie gemacht haben. Aber irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich dachte: Das fühlt sich falsch an. Das ist mir unangenehm. Denn diese Interviews sind zwar öffentlich, aber nicht mehr tröstlich.

US-Studentin Emily Uribe ist Tiktok-Star: „Ich bekomme sehr interessante Kommentare“

Weil es sich falsch anfühlt, so viel über eine fremde Person zu wissen?

Ja. Es greift irgendwie in die Privatsphäre ein. Und witzigerweise mache ich diese Art von Videos ja auch, und manche Leute kommentieren dann, wie unangenehm oder peinlich das ist. Und ich frage mich, ob sie sich vielleicht auch bei echten Promi-Interviews so fühlen.

In deinen Kommentaren schreiben aber auch viele Leute, dass sie genau das Gleiche selbst auch tun: sich Interviews einbilden, mit sich selbst sprechen ...

Ich bekomme sehr interessante Kommentare. Irgendjemand schreibt immer: „Oh mein Gott, ich habe gerade genau das Gleiche gemacht!“ Ich denke, es ist eine sehr verbreitete Sache; viele Menschen sprechen mit sich selbst. Ich mache das beim Geschirrspülen. Wenn ich zur Arbeit fahre, tue ich so, als würde ich einen Podcast aufnehmen. Und die Person im Auto nebenan denkt wahrscheinlich einfach, dass ich telefoniere. Es ist cool zu sehen, dass andere das auch tun, auch wenn es sich manchmal etwas zweideutig anfühlt.

Inwiefern?

Wenn jemand kommentiert „Danke, jetzt fühle ich mich nicht mehr so, als wäre ich verrückt“, ist das ja schon ein sehr zweifelhaftes Kompliment.

Wie kommst du generell mit deinen Kommentaren klar? Hast du auch negative Erfahrungen gemacht?

Ich mag meine Kommentare. Die meisten sind supernett, und die Community ist sehr cool. Aber ich bin auch eine sehr konfrontative Person. Wenn ich einen negativen Kommentar sehe, frage ich die Person, warum sie das geschrieben hat. Und wenn Leute mich herablassend fragen, warum ich diese Videos mache, antworte ich: „Weil es Spaß macht!“ Tatsächlich belohnt der Algorithmus ja jeden Kommentar mit mehr Leuten, die meine Videos schauen, also helfen sie mir damit eigentlich nur.

Blick in die Tasche à la „Instyle“.
Blick in die Tasche à la „Instyle“. © Screenshots

Tiktok-Influencerin Emily Uribe: „Gerade ist es nur ein witziges Hobby“

Viele in deinen Kommentaren bezeichnen dich schon als „berühmt“.

( Lacht ) Ich würde mich nicht mal ansatzweise als berühmt bezeichnen. Aber diese Kommentare sind schon seltsam. Ich selbst sehe mich nicht so. Vielleicht ist das Teil der Fantasie? Der eigenen Wunscherfüllung?

Schwingt das Pendel also schon um? Fühlst du dich in deiner Privatsphäre gestört?

Gute Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich in Los Angeles berühmte Menschen sehe, die ihre berühmten Leben leben, dann denke ich darüber nicht so viel nach. Das sind ja ganz normale Leute. Aber wenn andere das dann über mich sagen, ist es schon komisch. Es könnte auf jeden Fall umschwingen, aber derzeit ist es einfach nur ein witziges Hobby.

Man weiß aber nie, wie groß dieses Hobby einmal werden könnte ...

Das ist eine der Sachen, die mir schwerfallen zu begreifen. Ich möchte zum Beispiel auch schauspielern – außerhalb von Tiktok. Aber der Effekt dort ist schon so viel größer, als ich je für möglich gehalten hätte.

Ist die Schauspielerei dein langfristiges Ziel?

Eines meiner Ziele ist es, einen Job als Produktionsassistentin zu bekommen. Das ist gar nicht so einfach. Ich möchte definitiv in der Produktion arbeiten, hinter den Kulissen, im Schneideraum. Aber die Schauspielerei gehört für mich auch dazu. Ich bewundere Frauen wie Reese Witherspoon und Margot Robbie, die ihre eigenen Filme produzieren. Das würde ich eines Tages auch gerne tun. Ich wollte schon immer schauspielern, aber als Kind bestanden meine Eltern darauf, dass ich zur Schule gehe. In Migrantenfamilien wird Kunst oft nicht als wertvoller Beitrag gesehen. Meine Mutter will immer noch, dass ich Schönheitschirurgin werde. Und es ist definitiv eine Herausforderung, es ohne Ressourcen zu schaffen. Ich versuche, meine Plattform auf Tiktok zu nutzen, um Leute in der Branche kennenzulernen. Viele haben mir Tipps gegeben, wie ich an Jobs kommen könnte. Aber ja, mein Traum ist es, eines Tages auf der Leinwand etwas zu spielen, was nicht nur mir viel bedeutet, sondern auch anderen Menschen.

Die Tücken des Promi-Lebens.
Die Tücken des Promi-Lebens. © Screenshots

Emily Uribe zu ihrem Tiktok-Erfolg: „Hollywood respektiert Influencer:innen nicht“

Ist Tiktok ein gutes Sprungbrett für die Unterhaltungsbranche?

Es ist sehr schwierig. Hollywood respektiert Influencerinnen und Influencer nicht. Das merkt man zum Beispiel bei Addison Rae („She’s all that“, 87,5 Millionen Tiktok-Follower:innen, Anm. d. R.) oder den D’Amelio-Schwestern (gemeinsam knapp 196 Millionen Tiktok-Follower:innen, Anm. d. R.) . Jemand sagte mir mal, Tiktok ist toll, um eine Plattform aufzubauen, aber um außerhalb der App Erfolg zu haben, braucht man viel Glück. Denn die Branche nimmt einen schlichtweg nicht ernst.

Viele Menschen sind ja auch geradezu erbost darüber, dass Tiktoker in Filmen gecastet oder zu prestrigeträchtigen Events eingeladen werden.

Genau. Die meisten Leute nehmen Influencerinnen und Influencer nicht ernst. Dabei fallen ja nicht alle in die gleiche Kategorie. Mir ist es egal, ob Influencer irgendwo eingeladen werden, solange sie respektvoll sind. Ich denke, viele sind auch sauer, weil sie selbst gerne eingeladen werden würden.

Du hast inzwischen schon einige „echte“ Interviews gegeben ...

... das hier ist mein erstes seriöses Zeitungsinterview!

... aber wenn man dich wie in deinen Videos beispielsweise für deine erste Filmrolle interviewen würde, welche Frage würde da wohl zuerst kommen?

Ich denke, es wird immer mit Tiktok zusammenhängen. Das weiß ich einfach. Wahrscheinlich so etwas wie: „Wie hat alles angefangen?“ Und dann werde ich antworten: „Mit viel Wunschdenken und harter Arbeit.“ (Interview: Valerie Eiseler)

Auch interessant

Kommentare