+
Polizisten durchsuchen die Wohnung des mutmaßlichen Täters.

Dessau

Eltern des Tatverdächtigen nach Provokation suspendiert

  • schließen

Nach dem Mord an einer chinesischer Studentin in Dessau eröffnen die Eltern des Tatverdächtigen, beide bei der Polizei, eine Kneipe - ausgerechnet am Tag des Gedenkens.

Holger Stahlknecht hat am Montag die Reißleine gezogen. Sachsen-Anhalts Innenminister untersagte dem Leiter des Dessauer Polizeireviers die weitere Ausführung seiner Dienstgeschäfte. Jörg S. werde „dem moralischen Anspruch und der Vorbildfunktion als Führungskraft in der Polizei nicht gerecht“, sagte Christdemokrat Stahlknecht.

Der Mann und seine Frau Ramona S., die ebenfalls als Polizistin in dem Revier arbeitet, hatten am Freitag ein Gartenlokal wiedereröffnet und gefeiert – als Nebenerwerb und just einen Tag, nachdem in der Stadt eine Trauerfeier für die ermordete chinesische Studentin Yangjie Li stattgefunden hatte. Als dringend tatverdächtig gilt kein Geringerer als der 20-jährige Stiefsohn des Polizeichefs. Er soll die Chinesin getötet haben, unterstützt von seiner Partnerin. Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Sachsen-Anhalt, Uwe Petermann, kritisiert die Abberufung nicht. Die Feier sei „nicht tolerierbar“, findet er.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ausländer oder andere vermeintlich Randständige in Dessau und Umgebung ums Leben kommen. Es sind auch nicht die ersten Ungereimtheiten. Razak Minhel hat deshalb „ein bisschen Angst“. „Es gibt Unsicherheit bei den Migranten“, sagt der Leiter der Multikulturellen Zentrums in der 80 000-Einwohner-Stadt, gepaart mit „Misstrauen gegenüber der Staatsanwaltschaft und der Polizei“. Er selbst fühle sich „nicht wohl“.

Am 11. Mai war Yangjie Li in Dessau joggen gegangen – und nicht zurückgekehrt. Ihre Leiche wurde zwei Tage später im Stadtzentrum gefunden – schwer missbraucht. Am 23. Mai nahm die Polizei zwei Tatverdächtige fest, ein junges Paar, das in direkter Nachbarschaft zum Fundort wohnte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gemeinschaftlichen Mord vor.

Wie sich herausstellte, handelt es sich um den Sohn von Jörg und Ramona S. Gegen ihn wurde in der Vergangenheit wegen verschiedener Delikte ermittelt; die Rede ist von 40 Strafverfahren wegen Brandstiftung, Beleidigung, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Die aktuelle Tat soll sexuelle Gründe haben. Am Körper von Yangjie Li wurden DNA-Spuren des Verdächtigen gefunden.

Ermittlungen verzögert

Mittlerweile untersucht die Staatsanwaltschaft Magdeburg, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Mutter und Stiefvater des Verdächtigen in die Mordermittlungen eingriffen hätten. Beide gaben zu, beim Umzug des 20-Jährigen und seiner Freundin aus der Wohnung, in der sich das Verbrechen abgespielt haben soll, geholfen zu haben – bestreiten jedoch, sie hätten Beweismittel beiseitegeschafft. Ramona S. räumte gegenüber dieser Zeitung überdies ein: „Ich habe bei Befragungen von Zeugen geholfen.“ Auch in vorangegangenen Fällen, als ihrem Sohn Brandstiftungen zugeordnet werden sollten, habe sie sich „zur Wehr gesetzt“.

Gleichwohl und trotz der Tatsache, dass der Stiefvater des Verdächtigen Leiter des Polizeireviers war, sah die Staatsanwaltschaft Dessau zunächst nicht den geringsten Verdacht, dass Ermittlungen behindert worden sein könnten. Erst mit Verzögerung wurden die Ermittlungen von der Polizei in Halle übernommen. Jörg S. sitzt zudem als Fraktionsgeschäftsführer für die CDU im Dessauer Stadtrat und soll das Mandat nun ruhen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion