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By her side: Philip ist seit 1947 ihr Mann.

Queen Elizabeth II. in Frankfurt

Elizabeth, der royale Soap-Star

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Käme Bundespräsident Gauck in das Vereinigte Königreich, würde das kaum jemanden jucken. Kommt die Queen nach Deutschland, drehen alle durch. Angesichts der Woge der Begeisterung sollte man ernsthaft über die Wiedereinführung der Monarchie nachdenken.

Nehmen wir mal an, Bundespräsident Joachim Gauck besuchte das Vereinigte Königreich. Können Sie sich vorstellen, dass die Briten sich die Füße plattstehen in der vagen Hoffnung, einen Blick auf das deutsche Staatsoberhaupt zu erhaschen? Dass sie solarbetriebene Gauck-Püppchen in den Händen halten, die „Freiheit!“ sagen und Bundesverdienstkreuze verleihen können? Dass Sie aus Leibeskräften „Joachim!“ brüllen? Dass die englischen Medien im Vorfeld tagelang darüber informieren, dass man den Bundespräsidenten im Ernstfall mit „mein Herr“ und nicht mit „alter Simpel“ anredet? Nein? Eben!

Andersrum wird dann aber doch ein Schuh draus. Warum bloß?

Das mag ja durchaus daran liegen, dass es sich bei Elizabeth Alexandra Mary aus dem Hause Windsor um eine patente alte Dame handelt, die mittlerweile länger regiert hat als Adenauer, Kohl und Merkel zusammen. Und an die wir uns gewöhnt haben, weil sie mit uns alt geworden ist. Sie war bei uns, wenn wir als Kinder das leicht sauertöpfisch wirkende Konterfei einer damals noch recht jungen Lady in unsere Briefmarkenalben ablegten. Wir waren erregt, als sie nach dem Tod von Lady Di das ostentative Trauern verweigerte und die englische Monarchie kurzzeitig am Rande der Abschaffung zitterte. Wir waren gerührt, als die Queen sich schließlich von Volkes Stimme aus dem Knusperhäuschen der Hartherzigkeit locken ließ – und das Volk ihr vergab. Und spätestens, als sie sich anlässlich der Eröffnung der Olympischen Spiele zumindest im Film von James Bond höchstpersönlich mit Fallschirm über dem Stadion abwerfen ließ, da war’s um uns geschehen. „Mensch, die Lisbeth, eine von uns“, sagten viele und stellten die Queen in den Schrein ihrer persönlichen Hausgötter, oft neben Homer Simpson, Darth Vader und Ozzy Osbourne. Keine schlechte Gesellschaft.

Dennoch: Nichts davon erklärt auch nur halbwegs den Buhei, der um den gegenwärtigen Staatsgast Nummer eins gemacht wird. Das muss, das kann nur der royale Zauber sein, der der Queen innewohnt. Und der vielleicht am besten vom Schauspieler Richard Harris auf den Punkt gebracht worden ist. Der spielt in dem Clint-Eastwood-Western „Erbarmungslos“ einen Revolverhelden mit England-Fimmel namens English Bob. In einer Szene kondoliert English Bob einem Mitreisenden zum Tode dessen Präsidenten Abraham Lincoln. Allerdings, meint English Bob, dürften sich die Amis nicht wundern. Der Glanz einer Krone blende Attentäter, die natürliche Autorität eines Monarchen mache die Hand des Schützen zittern und schwitzen, und die Kugel verfehle zwangsläufig ihr gebenedeites Ziel. „Andererseits, ein Präsident, nun ja, ich meine, was spricht dagegen, einen Präsidenten zu erschießen?“, fragt sich English Bob.

Wo die Sehnsucht nach Autorität und die Sehnsucht nach guter Unterhaltung gleichzeitig gestillt wird, da entsteht schnell Sympathie. Die Windsors sind so etwas wie die erste Doku-Soap der Welt. Eine ständig von den Medien begleitete Familie, die aber im Gegensatz zu ihren zahlreichen Nachfolgern bis in die Nebenrollen brillant besetzt ist. Da gibt es den ewigen Prinzen Charles, geschlagen mit Segelohren, einer tragischen Liebes- und Familiengeschichte und einer gewissen Tolpatschigkeit. Ein Mensch, der wie der bitterböse Großwesir Isnogud niemals Kalif anstelle des Kalifen sein wird, und der genau deshalb unsere Sympathien hat.

Es gibt den kauzigen Philip, der mit seinem losen Mundwerk die Rolle ausfüllt, die Waldorf und Statler in der Muppets Show hatten. Es gibt einen langweiligen Prinzen (William) und einen lustigen (Harry) und als Neuzugang ein zuckersüßes Windsorbaby (Grumpy George). Und es gibt als Identifikationsfigur ein 1-a-Aschenputtel: Kate Middleton, die Tochter eines Flugbegleiters und einer Flugbegleiterin, die durch den Vertrieb von Party-Nippes steinreich geworden sind und per Heirat jetzt ebenfalls im Royalistenstadl mitmischen dürfen – eine Gnade, die einstweilen der ebenfalls steinreichen Familie Al-Fayed noch verwehrt worden war, vermutlich aus guten Gründen.

Und mittendrin die Queen, die gute Seele, die die ganze Rasselbande zusammenhält, die Miss Ellie des Buckingham Palace. Die seit 1953 ihre nicht bloß repräsentativen Pflichten mit der Beharrlichkeit und Erfahrung eines altgedienten Poliers sowie einer zurückhaltenden Noblesse erledigt, wie man sich den Hochadel wünscht. Und bei der es völlig klar ist, dass sie erst dann das Zepter aus der Hand legen wird, wenn einer sie zuerst anspricht, dem das laut Protokoll nicht verboten werden kann – was hoffentlich noch viele Jahre dauern wird.

Die Queen dankt nicht ab. Sie läuft und läuft und läuft. Und irgendwie nimmt man ihr dabei tatsächlich ab, dass sie das Motto unseres Alten Fritz’, der sich als erster Diener seines Staates betrachtete, tatsächlich verinnerlicht hat. Vielleicht ist es auch das, was neben Gewohnheit, königlichem Glanz und Familienklatsch so sehr an dieser Frau fasziniert. Dass sie bis zum bitteren Ende durchhält, komme da, was wolle. In einer Zeit, in der das ansonsten nicht einmal spanische Könige oder gar Päpste tun.

Angesichts der Woge der Begeisterung, die dieses Land überschwemmt, sollte man in Deutschland vielleicht ernsthaft über die Wiedereinführung der Monarchie nachdenken. Mit Ernst August von Hannover stünde momentan ein ebenso veritabler wie unterhaltsamer wie beschäftigungsloser Vertreter des deutschen Premium-Adels (Welfe!) zur Verfügung, der nebenbei sogar weitläufig mit der Queen verwandt ist. Winzige charakterliche Mängel dürfte die Queen, die es gewohnt ist, Mores zu lehren, binnen kürzester Zeit begradigt haben. Und wir hätten endlich mal jemand, an den wir uns wieder gewöhnen und den wir lieben lernen könnten. Und für den im Ausland auch mal Fähnchen geschwenkt werden.

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