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Umweltfreundliche Alternative oder unkalkulierbares Sicherheitsrisiko? Noch ist man sich in Deutschland uneins.

Roller

Volle Fahrt voraus

Der Bundesrat soll den Weg freimachen für elektrisch angetriebene Tretroller, City-Roller oder E-Scooter – aber welchen Weg eigentlich? 

Geführt wurde die Debatte nur von Experten, dabei betrifft sie fast jeden: Sollen die neuen Elektro-Tretroller, die in Paris oder Barcelona längst zum Straßenbild gehören, in Deutschland auf Gehwegen, Radwegen oder auf der Straße fahren dürfen? In dieser Frage haben Verkehrspolitiker, Stadtplaner und Wirtschaftsvertreter in den vergangenen Wochen hart miteinander gerungen. Heute wird der Bundesrat eine Entscheidung fällen – und damit den Weg für die neueste Fahrzeugklasse in Deutschland freimachen.

Es zeichnet sich ab, dass die Länderkammer die sogenannten „Elektrokleinstfahrzeuge“ grundsätzlich zulassen wird, allerdings anders als von Bundesverkehrsminister Andras Scheuer zunächst geplant. Der CSU-Politiker wollte zwei Klassen für E-Roller einführen und zwischen Geräten mit maximal zwölf und mit maximal 20 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit unterscheiden. Roller mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Stundkilometern sollten verpflichtend auf Gehwegen und Bürgersteigen fahren, die anderen auf Radwegen.

Dagegen hatten mehrere Länder und Vertreter von Fußgängern opponiert. Die deutsche Versicherungswirtschaft hatte vor Unfallgefahren vor allem für ältere Personen gewarnt. Angesichts des breiten Widerstandes musste Scheuer also von den Plänen abrücken. Die Lösung, der der Bundesrat nun voraussichtlich zustimmen wird, ist einfacher. Alle Roller sollen zu einer einzelnen Klasse zusammengefasst werden und grundsätzlich nicht auf Gehwegen fahren dürfen. Die Fahrbahn aber ist für Roller ebenfalls tabu. Ihre Verkehrsfläche soll der Radweg sein. Nur wo es keinen Radweg gibt, sollen E-Rollerfahrer auf die Straße dürfen.

Eine Ausnahme allerdings gibt es, und die wurde bislang nur wenig beachtet: Scheuers Verordnungsentwurf sieht eine Öffnungsklausel für Kommunen vor. Wenn eine Stadt oder Gemeinde ihre Fußgängerzone trotz des bundesweiten Verbotes für E-Scooter öffnen möchte, soll die zuständige Straßenverkehrsbehörde das im Zuge eine Ausnahmeregelung beschließen dürfen.

Für diesen Fall haben Scheuers Beamte sogar ein eigenes Verkehrszeichen entworfen. Es kommt grafisch durchaus eigenwillig daher und zeigt einen stilisierten Tretroller, aus dem Kabel und Stecker herausragen sowie das Wörtchen „frei“. Das Schild kann als Zusatzzeichen an bestehende Verkehrschilder montiert werden, etwa am Eingang einer Fußgängerzone.

Auf Druck der Länder wird der deutsche Schilderwald noch um ein zweites Zeichen erweitert, das allerdings optisch weniger interessant ist. Es zeigt lediglich den Schriftzug „Keine Elektrokleinstfahrzeuge“ und soll den Straßenverkehrsbehörden die Möglichkeit verschaffen, E-Roller auf bestimmten Radwegen oder in Fahrradstraßen ausdrücklich zu verbieten.

Vermutlich wird der Bundesrat auch das vom Verkehrsminister vorgesehene Mindestalter für das Fahren eines Elektrorollers nach oben setzen. Scheuers Entwurf sah ein Mindestalter von zwölf Jahren für Roller bis zwölf Stundenkilometer und von 14 Jahren bis 20 Stundenkilometer vor. Der Innenausschuss und die Ausschüsse für Arbeit, Integration und Sozialpolitik sowie für Frauen und Senioren der Länderkammer wollen das Mindestalter für die Nutzung sämtlicher E-Scooter auf 15 Jahre hochsetzen. Auch das wegen Sicherheitsbedenken. (Andreas Niesmann)

Paris: Rollende Einzelkämpfer im dichten Verkehr

Anarchische Zustände auf den Straßen von Paris sind nichts Neues: Radfahrer missachten regelmäßig Ampeln, Fußgänger tun das sowieso. Und seit Sommer 2018 nimmt an diesem „Straßenkrieg“ in der französischen Hauptstadt noch eine neue Kategorie argloser Einzelkämpfer teil: die Nutzer von elektrisch angetriebenen Rollern.

Diese sind ja ohnehin weltweit auf dem Vormarsch, doch glaubt man Jocelyn Loumeto von der französischen Berufsvereinigung für Mikromobilität FP2M, dann haben sie sich nirgendwo so rasant ausgebreitet wie in Paris, seit das erste Unternehmen im vergangenen Sommer begann, die neuen E-Scooter aufzustellen. „Ganz allgemein ist Frankreich der größte Markt für Mikromobilität“, sagt er. Die Stadt an der Seine, eine der dichtesten Metropolen Europas, sei für die Anbieter besonders interessant.

Darüber hinaus unterstützt das Rathaus alternative Fortbewegungsmittel zum Auto auf vielen Wegen, etwa durch die Sperrung der Seine-Ufer für den Autoverkehr. Inzwischen gibt es zehn konkurrierende Anbieter für Mietroller in Paris.

Anarchie kennt man auf den Straßen von Paris ja ohnehin.

Das Ausleihen kostet bei den meisten dieser Anbieter einen Euro, jede folgende Minute dann 15 Cent. Darüber hinaus wurden in ganz Frankreich im vergangenen Jahr exakt 232 749 E-Roller für den Eigenbedarf gekauft – ein Plus von satten 129 Prozent gegenüber 2017. Allerdings sind auch die Unfälle mit Rollern deutlich angestiegen.

Bis September will Transport ministerin Élisabeth Borne daher die Nutzung von Elektrorollern gesetzlich einschränken. Wer dann verbotenerweise auf Gehwegen unterwegs ist, soll 135 Euro berappen, beim Überschreiten der Geschwindigkeitsbegrenzung von 25 Stundenkilometern werden dem Gesetzentwurf zufolge sogar bis zu 1500 Euro fällig werden. Alle Fahrgeräte brauchen außerdem funktionierende Bremsen, einen akustischen Alarm sowie Vorder- und Rücklicht. (Birgit Holzer)

Madrid: Beliebte Plagegeister auf zwei Rädern

So plötzlich, wie sie auftauchten, waren sie wieder verschwunden. Einen Sommer lang waren die Patinetes, wie die kleinen Elektroroller in Spanien genannt werden, der große Hit in der Hauptstadt Madrid. Aber eben auch ein großer Aufreger, weswegen die Stadtverwaltung sie Anfang Dezember vergangenen Jahres alle wieder einsammeln ließ. Jetzt kehren zurück, wenn auch nur langsam. In der Zwischenzeit musste erst mal Ordnung geschaffen werden.

Die drei Unternehmen, die im vergangenen Sommer ihre Mietroller über die spanische Hauptstadt verteilten, hatten keine Regeln oder Vorschriften abgewartet. Vor allem junge Leute waren begeistert und kurvten mit den Dingern herum, wo es ihnen passte. Die Folge: Patinetes überall, auf kleinen Straßen und großen, auf Bürgersteigen und Radwegen. Das zweite Ärgernis war das wilde Parken, man hatte das Gefühl, an jeder Ecke über einen dieser Roller zu stolpern.

In Esplugues de Llobregat, einer Vorstadt von Barcelona, wurde eine 92-Jährige in der Fußgängerzone von einem der Patinete angefahren und starb an den Folgen des Sturzes. Eine Behinderteninitiative organisierte eine Demonstration in Madrid unter dem Protestmotto: „Sie werfen uns aus dem öffentlichen Raum!“

Die Rathäuser übernahmen die Regulierung. In Madrid dürfen die Roller jetzt nur noch auf Radwegen oder in Einbahnstraßen unterwegs sein; Mindestalter für die Miete ist 16. Helm ist nicht Pflicht, wird aber empfohlen, und die Anbieter müssen eine Haftpflichtversicherung für ihre Kunden abschließen.

Im Februar vergab die Stadt dann Lizenzen für 10 000 Patinetes an 18 Firmen. Zwölf von denen sind jetzt auch wirklich aktiv und haben die Stadt wieder mit Rollern überzogen. Wer einen in der Nähe sucht, sollte die Apps aller zwölf Anbieter heruntergeladen haben. Das ist so leicht wie Rollerfahren. (Martin Dahms)

San Francisco: Kleine Gefährte für große Investoren

Amerikanische Städte sind allem Augenschein nach noch immer vor allem Autostädte. Der tägliche Verkehrszusammenbruch auf den Freeways der Mega-Stadt Los Angeles, die 12-spurigen Trassen, die mitten durch Houston gehauen wurden, der Stillstand auf dem Times Square in New York – all das spricht eine allzu deutliche Sprache.

Doch selbst in der vielleicht automobilfreundlichsten Nation der Welt regt sich langsam ein Umdenken. Großstädte wie New York, Seattle und San Francisco haben in den vergangenen zehn Jahren massiv in Fahrradinfrastruktur investiert. Bikeshare-Programme wie Citibike in New York waren ein durchschlagender Erfolg – rund 70 000 Menschen benutzen pro Tag das System.

Zum Missmut der tapferen Fahrradpendler ist jedoch eine Mikro-Fortbewegungsart dabei, dem klassischen Zweirad die Schau zu stehlen.

Eigentlich sind die USA ja vor allem als autoaffine Staaten bekannt.

Beinahe das komplette Wachstum an nichtautomobilem Nahverkehr im Jahr 2018 ging auf das Konto von E-Scootern. Rund 85 000 dieser Gefährte sind nun in 100 US-Städten von Dallas bis Los Angeles zu mieten. Die Car-Sharing-Riesen Lyft und Uber legten sich Scooter-Sharing-Ableger zu. Der Boom wird zum einen auf den Appetit von Investoren auf neue Transportunternehmen erklärt. Aber die Roller befriedigen auch einen Bedarf. Für Strecken zwischen zwei und drei Kilometern Länge, so Städteplaner Brian Taylor von der University of California, sind die E-Scooter unübertroffen.

Im größten und begehrtesten Markt der USA, im New Yorker Stadtteil Manhattan, bleiben sie jedoch illegal. Die Straßen, so das Argument, seien ohnehin schon überlastet. In San Francisco sind sie gar nach einem chaotischen Start temporär wieder verschwunden. Da die Mietscooter nicht angedockt waren, wurden die wild abgestellten Roller letztenendes zum Ärgernis. Nun unternimmt man einen zweiten Versuch eines geordneteren Start. (Sebastian Moll)

Tel Aviv: Stille Alternativen zum Verkehrschaos

Entlang des berühmten Rothschild-Boulevards schieben sich die Autos nur langsam voreinander her. Hupen, Abgase, derbe fluchende Taxifahrer. Auf dem Grünstreifen, der zwischen den beiden Fahrstreifen liegt hingegen fließt der Verkehr. Lautlos gleiten Menschen in Anzügen auf ihren Elektrorollern und Eltern auf E-Bikes mit Nachwuchs im Kindersitz durch die Stadt am Mittelmeer.

Kaum irgendwo kann man die Gegensätze von „alter“ und „neuer“ Mobilität besser begreifen als in der israelischen Metropole Tel Aviv. Unter allen OECD-Staaten ist Israel mit Abstand das Land mit der höchsten Autodichte – und den schlimmsten Staus. Anders als in anderen Großstädten hört man hier denn auch kaum ein kritisches Wort über die neuen schlanken Elektroroller. Aber der dichte Verkehr sei lange nicht der einzige Grund für den E-Scooter-Hype in Israel, sagt Yaniv Rivlin.

Der 37-Jährige ist Chefmanager des E-Scooter-Verleihdienstes Bird, der seit August 2018 in Tel Aviv tätig ist. Jeder dritte Stadtbewohner habe schon einen der Roller von Bird geliehen, sagt Rivlin. „Hier ist fast immer gutes Wetter, die Leute wollen draußen sein. Es ist eine ,Millenial City‘: 60 Prozent der Stadtbewohner sind unter 40 Jahren und hungrig nach neuen Gadgets.“

Dementsprechend hat das Land Israel seine Verkehrsgesetze bereits im Jahr 2016 für die neue Mikromobilität geöffnet. Seitdem sind E-Scooter auf den Straßen erlaubt und dürfen von allen über 16-Jährigen gefahren werden. Talia Kelmann zum Beispiel benutzt ihren eigenen Roller jeden Tag, um zu Kunden zu kommen – oder einfach nur vom Süden der Stadt in den Norden zu fahren. „Es ist eine große Freiheit, es passt einfach zu Tel Aviv“, sagt die Industriedesignerin. Ab und zu greift auch sie zum Leihroller, fährt damit zum Supermarkt oder zu einer Vorführung im Theater. Ein echter Ersatz für ihren Kleinwagen sei der E-Scooter aber trotzdem nicht, sagt Talia Kelmann. „Mit einem Roller komme ich nicht lebend über die Autobahn.“ (Ann-Katrhin Seidel)

Stockholm: Kleine Maschinen mit Verfallsdatum

Seit September 2018 rollen die E-Roller durch Schwedens Hauptstadt. Rund 2000 sollen es derzeit sein. Mit steigenden Temperaturen soll sich ihre Anzahl zum Sommer verdoppeln. In der Presse ist gar die Rede von einem „Krieg um die Straßen von Stockholm“. Dort sind neben zahlreichen E-Tretroller-Anbietern auch E-Mopeds und Mietfahrraddienste verwickelt. Zehn Anbieter wetteifern, darunter vier E-Rolleranbieter. Drei bis vier weitere E-Roller-Firmen stehen in den Startlöchern.

Dies, obwohl die Wirtschafts- zeitung „Dagens Industri“ kürzlich enthüllte, dass die vermeintlich umweltfreundlichen E-Scooter nicht so lange halten, wie erwartet. Schon nach wenigen Wochen gehen sie demnach kaputt, damit sei nicht einmal der Kaufpreis wieder hineinzubekommen. Unklar ist, wie die kaputten Roller entsorgt werden. „Die Firmen machen mit jedem einzelnen Roller ein Verlustgeschäft“, schreibt die Zeitung unter Berufung auf brancheninterne Quellen. Aber das ist vielleicht nur eine Kinderkrankheit bei der Produktion. Auch immer mehr Stockholmer mit privaten E-Rollern sieht man auf den Stockholmer Straßen. Weil auch die Fahrradfahrer Bürgersteige und Fußgängerzonen ohne viel Gemeckere befahren, sieht man manchmal auch E-Scooter bedenklich schnell zwischen Fußgängern mit bis zu 20 Stundenkilometern vorbeiflitzen. Sie fahren da oft viel schneller als die Fahrradfahrer, völlig ohne Anstrengung.

Im Gegensatz zu den meisten Stockholmer Fahrradfahrern nutzen E-Rollerfahrer keine Helme, auch wenn sie gern mal mitten auf breiten hochfrequentierten Autostraßen fahren und dort auch noch links abbiegen, weil das schneller geht als auf den seitlichen Fahrradwegen.

Der Umgang mit den E-Rollern ist so ungeregelt, weil sie Fahrrädern gleichgestellt sind. Kritik gibt es eigentlich nur am Parken. Wer einen E-Scooter nutzt kann ihn überall abstellen. Es gibt zudem keine Regeln, die Minderjährigen die Nutzung verbieten. Helmpflicht besteht nur für unter 15-jährige. (André Anwar)

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