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„Ich trage meinen Teil dazu bei, dass dieses Land eine gute Regierung hat.“

Bundes-Finanzminister

Der eiserne Wolfgang Schäuble

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    Daniela Vates
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Wolfgang Schäuble steht wegen seiner eisernen Haltung im Fall Griechenland in der Kritik. Doch der Bundesfinanzminister gibt sich wie immer: unerschrocken.

So sieht er aus, der harsche Teutone, sagt die SPD. So sieht er aus, der Kürzungs-Taliban, sagt die Linkspartei. So sieht einer aus, der Europa schadet, sagen die Grünen. So sieht einer aus, der einen Staatsstreich plant, ist im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter zu lesen. In Griechenland haben sie seinen Kopf auf Plakaten schon lange mit Vampirzähnen oder Hitlerbärtchen ausgestattet. Er sei das Gesicht des herzlosen, herrischen und hässlichen Deutschen, hat Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer gesagt.

Diese Bilder von Wolfgang Schäuble, sie stehen für Macht, Rücksichtslosigkeit und Kompromisslosigkeit. Yanis Varoufakis, der griechische Finanzminister, der manchen ein wenig zu lässig erschien angesichts der Probleme seines Landes, ist zurückgetreten. Und nun gibt es also einen neuen Mann, der Europa spaltet: den deutschen Finanzminister.

Schäuble hat viel auszuhalten in diesen Tagen. Doch es scheint ihm gar nicht so viel auszumachen. Als er am Dienstag zuletzt in Brüssel mit Journalisten sprach, machte er einen vergnügten, fast zufriedenen Eindruck. Er sah vor den Dauersitzungen auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise am vergangenen Wochenende erschöpfter aus als hinterher. Als wirkten solche Zeiten größter Anspannung und Zuspitzung wie ein Lebenselixier auf ihn. Er mag körperlich angegriffen sein. Mental ist Schäuble sehr stark.

Er hat zum Schluss der Verhandlungen mit Griechenland einen Euro-Ausstieg auf Zeit ins Gespräch gebracht. Es kann ihm egal sein, dass die Linkspartei das kritisiert, das ist die Opposition. Er wird sich daran gewöhnt haben, dass er in Griechenland nicht wohlgelitten ist. Dass aber Kanzlerin Angela Merkel in solch einer Kernfrage eine andere Meinung hat und sie auch durchsetzt, dass die SPD, immerhin der Koalitionspartner, ihm das Vertrauen entzieht und dass auch mehrere europäische Regierungschefs auf Distanz zu ihm gegangen sind, das ist eine neue Qualität.

Aber Wolfgang Schäuble lächelt. Er sitzt vor einer blauen Stellwand in Brüssel, er hat nach den Griechenland-Gesprächen noch ein bisschen weiterverhandelt mit seinen Ministerkollegen aus der EU, es gibt ja auch noch andere Themen. Vier Tage am Stück war er in Brüssel, das ist selten. Die Leute haben sich über ihn aufgeregt? Schulterzucken. Wolfgang Schäuble lässt wissen, er habe mit dem Grexit nun mal recht – nur außerhalb des Euro ließen sich Griechenlands Schulden reduzieren. Wie er dächten so manche in der Regierung. Er sagt es fast im Plauderton, mit seinem weichen badischen Akzent. Der Euro-Ausstieg Griechenlands ist ja noch nicht vom Tisch. Auch andere haben das Szenario angedeutet. Aber wenn es von Schäuble kommt, wirkt es bedrohlicher. Er lächelt jetzt allerdings auch nicht mehr. Sein ehemaliger Gegenspieler Varoufakis ist davon überzeugt, dass Schäuble Griechenland aus dem Euro drängen will, um die Währungsgemeinschaft dann neu und straffer politisch zu organisieren.

„Es ist klar, wer die Frau Bundeskanzlerin ist.“

Schäuble ist jetzt 72 Jahre alt, ein kleiner Mann im Rollstuhl. Buhmann und mächtig zugleich. Die harschen Töne verdecken fast die anderen, die es auch noch gibt, die Stimmen, die Schäuble loben. Für Merkel ist er gleichzeitig Puffer und Mehrheitsbeschaffer. In Deutschland, das muss man eben auch sagen, hat er deutliche Zustimmung für seine Europa-Linie. In der Unions-Bundestagsfraktion gilt er als derjenige, der die überzeugen kann, die weiteren Griechenland-Hilfen skeptisch gegenüberstehen. „Die, die kein Vertrauen mehr zu Merkel haben, haben es noch zu Schäuble“, sagt einer diese Skeptiker. Er ist der seltene Fall eines Politikers, der sich nicht anbiedert und doch zu den beliebtesten im Lande zählt.

Bei der 70-Jahr-Feier der CDU konnte man das kürzlich erleben. Am Tag nach dem Griechenland-Referendum hatte die CDU ihre Leute in einer ehemaligen Industriehalle in Berlin versammelt. Schäuble war am Rand platziert, neben Merkel hatte Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel Platz genommen. Die Kanzlerin lobte ihren Minister für seine Verhandlungen über das Griechenland-Paket. Man konnte es als reines Lob verstehen oder als Vorsorge für ein Scheitern: Wenn es nicht klappen würde, der Oberverhandler Schäuble wäre schuld. Man konnte sogar unterstellen, Merkel nutze eine der letzten Gelegenheiten, um einem noch amtierenden Minister Dank zu spenden. Die CDU-Leute applaudierten, sie applaudierten lange, länger als später für Merkel. „Es hat ihr gezeigt, wie wichtig er für sie ist“, sagt ein Spitzenpolitiker der CDU.

Die beiden verbindet eine nun auch schon bald 25-jährige gemeinsame Geschichte – und ein ambivalentes Verhältnis. Als Merkel als Vize-Regierungssprecherin der DDR anfing nach dem Mauerfall, war Schäuble schon lange Politik-Profi. Er handelte den Einheitsvertrag mit aus. Die Politiknovizin aus dem Osten ließ er auflaufen, als sie Termine so organisierte, wie er sie nicht haben wollte. Das hat sie sich gut gemerkt. Zehn Jahre später löste Merkel Schäuble an der Parteispitze ab. Vom Schatten Helmut Kohls, in dem er jahrelang gearbeitet hatte, bewegte er sich also in einem neuen Schatten. Das spürte er vor allem, als sie 2004 seine Hoffnung zunichtemachte, Bundespräsident zu werden. Doch während das Verhältnis zu Kohl, der ihm die Chance, sein Nachfolger als Kanzler zu werden, verweigerte, wohl unwiederbringlich zerstört ist, blieben Merkel und Schäuble einander eng verbunden.

„Es knarzt immer wieder mal, aber am Ende ist Schäuble loyal“, heißt es in der CDU. „Es ist klar, wer die Frau Bundeskanzlerin ist.“ Erst am Donnerstag hat er das in einem Interview noch einmal erläutert. „Ich bin loyal“, sagte er im „Deutschlandfunk“. „Ich trage meinen Teil dazu bei, dass dieses Land eine gute Regierung hat.“

Und so wird er am heutigen Freitag im Bundestag sogar den Antrag stellen, die Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm mit Griechenland aufzunehmen – obwohl er doch vom Erfolg dieses Projekts alles andere als überzeugt ist. Das verbindet ihn auf eine ironische Weise mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.

Die Frau Bundeskanzlerin, so sagt das Schäuble tatsächlich manchmal. Respekt kann man darin erkennen oder auch beißende Ironie. Ironie und manchmal auch Zynismus ist eine Spezialität von Wolfgang Schäuble. Es kann amüsant sein, wie der Satz: „Ich tue die ganze Woche nur Gutes.“ Manchmal aber wird er auch erschreckend grob, auch boshaft. So wie in der vergangenen Woche, als er auf einer Pressekonferenz erzählte, er habe seinem US-Kollegen angeboten, das bankrotte Puerto Rico in die Eurozone aufzunehmen, wenn die USA dafür Griechenland den Dollar anböten. Wenn die Griechen nicht lieferten, „isch over“, hat er schon im Februar gesagt – einen der meistzitierten Sätze dieses Jahres. Es klang netter, als es gemeint war, als die badische Tonlage es klingen lässt. Vor einigen Jahren hat er vor laufenden Kameras seinen Pressesprecher abgekanzelt für einen vergleichsweise undramatischen Fehler. Er kann auch berechnend Grenzen überschreiten, um hinterher zu sagen, so sei das natürlich nicht gemeint gewesen.

Er weiß, wie man Botschaften setzt, er ist ein Meister der vielsagenden Andeutungen. Er sei „kein Sensibelchen“, erzählen Abgeordnete aus der Union. Wer nicht gut vorbereitet in ein Gespräch mit dem Minister gehe, habe einen sehr schweren Stand. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die sonst alles andere als konfliktscheu ist, vermeidet Konfrontationen mit Schäuble lieber. Dabei berichten Mitarbeiter, dass er einen betont diskursiven Arbeitsstil pflegt. „Er will Argumente hören, er lässt streiten und hört interessiert zu“, sagt einer, der eng mit ihm zusammengearbeitet hat. Entscheidend sei allerdings, dass man schlüssig argumentiere. „Blender durchschaut er schnell“, und die hätten es anschließend nicht mehr leicht mit ihm.

„Wenn man sein Vertrauen gewonnen hat, kann man sich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Wenn man sein Vertrauen nicht gewonnen hat, kann es ungemütlich werden“, erzählte Fraktionschef Volker Kauder einmal, und es scheint, als habe er den ungemütlichen Schäuble durchaus schon kennengelernt. Es sei manchmal nicht leicht mit ihm, hat auch Angela Merkel einmal eingeräumt, sie meinte es anerkennend. Schäuble erzählt, er habe ihr von Anfang an erklärt, sie werde zwar einen loyalen, aber keinen pflegeleichten Minister haben. Das hilft nun ihm und ihr. Wer etwas Widerspruchsgeist in sich spürt in der Union, kann sich an den Minister halten, der sich so sperrig gibt.

Ordentlichkeit und Anstand sind Maßeinheiten, die er gerne zitiert. Seine Mutter ist da sein Beispiel, die bei fehlendem Kleingeld nicht einfach schwarz parkte, sondern die Münzen am kommenden Tag bei der Parkuhr getreulich nachlieferte. Den Vorwurf, er habe selbst den Anstand fehlen lassen in der CDU-Spendenaffäre, in der ihm die Annahme von 100 000 Mark von einem Waffenlobbyisten vorgeworfen wurde, weist er zurück. Er sei da „Opfer einer Intrige mit kriminellen Elementen“ geworden. Es ist einer der Punkte, an denen er sich sehr echauffieren kann.

Kein Rückzug wegen Griechenland

Manchmal aber bekommt man tatsächlich einen anderen Eindruck von Wolfgang Schäuble. Vor zwei Jahren etwa, beim Festakt zu seinem 70. Geburtstag im Deutschen Theater in Berlin. Die CDU hatte geladen, der Schauspieler Ulrich Matthes deklamierte die „Bürgschaft“ von Schiller und sagte, es sei selbstverständlich, dass er so etwas für Schäuble tue. Das Kabinett und die Opposition saßen in den ersten Reihen, und die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds, die so elegante wie harte Christine Lagarde, begann ihre Rede mit den Worten: „Wolfgang, my friend.“ Es wurde eine Art Liebeserklärung. Schäuble, wurde eingehüllt in eine warme Wolke.

So war es auch bei dem Essen, das Bundespräsident Joachim Gauck zu seinem Geburtstag gab. „Wir denken an das Attentat“, sagte Gauck. „Dass Sie sich damals nicht bezwingen ließen, aus der Politik herausdrängen ließen und wie Sie seit zwei Jahrzehnten mit den Einschränkungen leben, bewundern wir; wir sind nicht nur voller Hochachtung, sondern voller Dankbarkeit für diese Leistung.“ Er lobte Schäubles Wirken für Deutschland und Europa und endete mit der Bitte: „Tun Sie es weiter!“

Er sitzt nun seit über 40 Jahren im Bundestag, eine halbe politische Ewigkeit. Er liebt die Politik, das ist es, was ihn immer wieder antreibt und keinen Ruhestand finden lässt. In der Union haben sie ihm irgendwann den Spitznamen „Meister Yoda“ verpasst, nach dem Hunderte Jahre alten Meisterzwerg mit den spitzen Ohren aus der Filmserie „Krieg der Sterne“. Sicher, er hat der Kanzlerin schon einmal seinen Rücktritt angeboten, als es ihm gesundheitlich sehr schlecht ging. Sie lehnte ab und gab ihm Zeit, sich zu erholen.

Vor vier Jahren hat Schäuble in einem Interview gesagt: „Ich bleibe Finanzminister, solange ich davon überzeugt bin, dass ich der Verantwortung für dieses Amt gerecht werde.“ Er wird auch jetzt nicht gehen. Ein Rückzug würde so aussehen, als sei er an Griechenland gescheitert. Er würde mit dem zurückgetretenen Yanis Varoufakis in eine Reihe gestellt werden, das wird er vermeiden wollen.

Die „Bild“-Zeitung hat ihn neulich gefragt, ob er an Rückzug denke. „Wegen Griechenland? Nein. Nicht ein einziges Mal“, hat er geantwortet.

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