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Die Nummer für den Notfall: Ein Warnschild an der Hudson Bay.

Hudson Bay

Ein Eisbär pro Einwohner

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Ein kanadisches Örtchen an der Hudson Bay nennt sich "Eisbären-Hauptstadt der Welt". Im Herbst tummeln sich dort hunderte Eisbären, bis die Bucht in Zeiten des Klimawandels gefroren ist.

Es ist kurz nach 20 Uhr, die Straßen sind zugeschneit, hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Ansonsten ist in Churchill keine Menschenseele unterwegs. Den eingeschneiten Fußspuren nach zu urteilen muss es auch schon länger her sein, dass zuletzt jemand auf der Straße war. Dabei tummeln sich derzeit scharenweise Touristen in dem kanadischen 800-Seelen-Nest am Rande der Hudson Bay, herbeigechartert mit einem Zweistundenflug von Manitobas Hauptstadt Winnipeg in die nördlichste Gemeinde der kanadischen Provinz. Sie hüten sich aber, nach Anbruch der Dunkelheit einen Fuß vor die Tür zu setzen – aus Angst vor eben jenen Tieren, für die sie alle hierher gekommen sind: Eisbären.

Die kanadische Kleinstadt steht ganz im Zeichen der weißen Riesen. Schon am Flughafen Churchill, den es nicht nur der Touristen wegen, sondern auch für eine sichere Anbindung der Einheimischen an die südliche Zivilisation gibt, können sich Ankommende einen Eisbären in den Reisepass stempeln lassen. Ihn ziert der Schriftzug: „Polar Bear Capital of the World“ – Eisbären-Hauptstadt der Welt. „Wenn du es einen Gag nennen willst, nenn es einen Gag“, sagt der Mann, der außer seinem Stempel noch Souvenirs in der kleinen Flughafenhalle anbietet, hörbar pikiert. Er meint es ernst mit seinem Stempel – mag dieser auch wie ein Gag wirken.

Kein Gag, sondern Tatsache ist, dass sich im Oktober und November zahlreiche Eisbären vor Churchill versammeln, die auf ihrem Weg an die Hudson Bay mitunter durch die kanadische Kleinstadt ziehen. Darum vertrauen die Touristen auf die Empfehlungen, welche die lokale Sicherheitsbehörde alljährlich unters Volk mischt. Die Einheimischen können die Anweisungen, die ihr „Conservation Officer“ im Falle einer möglichen Begegnung mit dem größten Landraubtier der Erde gibt, längst genauso herunterbeten wie Jeff Chuchmuch selbst. Der Polizeibeamte rät: Zu später Stunde nicht mehr alleine das Haus verlassen, unbeleuchtete Ecken unbedingt meiden. 
Sollte trotz aller Vorsicht doch ein Eisbär um die Ecke kommen: keinesfalls wegrennen oder totstellen, sondern seinen Mann oder seine Frau stehen – und die Weichteile des Bären anvisieren. Wenn nicht gerade ein Auto in der Nähe parkt, das der Einheimische in Churchill üblicherweise unverschlossen abstellt, um einen potenziellen Zufluchtsort zu bieten.

Und wenn nicht genügend Zeit bleibt, um die Nummer ins Handy zu tippen, die Chuchmuchs sechsköpfiges Team vom „Polar Bear Alert Program“ anwählt. Dahinter steckt ein ausgetüfteltes Eisbären-Alarmprogramm, das die Stadt Anfang der 1980er Jahre etablierte. Davor wurden unerwünschte „Problembären“ – „problem bears“, wie die Kanadier tatsächlich sagen – kurzerhand erschossen. „Jetzt geht es darum, Menschen vor den Bären und Bären vor den Menschen zu schützen“, sagt Chuchmuch. Deshalb gibt es eine eigene Rufnummer, unter der sich jeder melden kann, sobald in Churchill der Bär los ist.

„In Zone eins können wir in der Regel in zwei Minuten vor Ort sein“, sagt Chuchmuch. Zone eins ist der Ortskern, kaum mehr als ein Dutzend Querstraßen, zu Fuß in 20 Minuten abgelaufen, daneben gibt es zwei weitere Zonen um den Flughafen und die arktische Tundra in nächster Nähe. Bei Alarmstufe rot – ein Bär in Zone eins – rücken Chuchmuchs Leute sofort aus, bewaffnet mit Schreckschusspistolen, Betäubungspfeilen und Schrotflinten. In den Spitzenzeiten vor allem im Herbst ist es nicht ungewöhnlich, dass sechs oder sieben Bären in einer einzigen Nacht vertrieben werden müssen.

Sucht ein Bär wiederholt die Nähe des Menschen, weil er sich hier Fressen erhofft, kommt er in ein riesiges Gebäude in Flughafennähe, das sich weit über Churchill hinaus einen Namen als „Eisbären-Gefängnis“ gemacht hat. Seit dessen Errichtung 1981 wurden in den 28 Zellen der „Polar Bear Holding Facility“, so der offizielle Name, bis 2012 rund 1300 Bären einquartiert. Ein gefangener Bär kommt dort mindestens 30 Tage in Einzelhaft, ehe er wieder in die Tundra entlassen wird. Bis dahin muss er darben, bekommt höchstens eine Portion Eis. „Wenn wir ihn füttern, verbindet er den Menschen mit Fressen und kommt wieder. Genau das wollen wir aber vermeiden“, sagt Chuchmuch.

Fressen. Das ist es, was sich die Eisbären an der westlichen Hudson Bay seit rund vier Monaten sehnlichst ersehnen. So lange waren sie mit knurrenden Mägen auf das kanadische Festland verdammt, da die Meeresbucht nicht ganzjährig zugefroren ist und die Eisbären daher nicht ganzjährig auf dem Eis auf Robbenjagd gehen können.

Erst im Oktober und November beginnt die Bay allmählich wieder zuzufrieren – als erstes von Churchill aus, da hier der Churchill River in die Bucht fließt und sein Süßwasser schneller gefriert als das salzhaltige Meerwasser. Deshalb zieht es die Eisbären alljährlich im Herbst an den südlichen Zipfel der Hudson Bay, vor die Tore Churchills. Das Örtchen hat sich also nicht von ungefähr den Namen „Eisbärenhauptstadt der Welt“ gegeben. Glaubt man den Erzählungen, dann tummeln sich alljährlich im Herbst so viele Eisbären vor Churchill wie der 800-Seelen-Ort Einwohner hat.

Deshalb kommen im Oktober und November auch so viele Touristen hierher, um einmal einen Eisbären in freier Wildbahn zu sehen. Sie alle haben dafür tief in die Tasche gegriffen: Allein ein Tagestrip von Churchill zu den Bären und zurück kostet bei dem Anbieter Frontiersnorth umgerechnet gut 300 Euro, hinzu kommt die teure Anreise ins arktische Outback. Die meisten buchen gleich eine mehrtägige All-Inclusive-Tour ab Winnipeg, für die sie gut und gerne mal 4000 Euro investieren. „Zum Glück haben wir keine Kinder“, scherzt eine Teilnehmerin aus Neuseeland, die ihren Mann in diesem Jahr von einer Fünf-Tages-Tour bei Frontiersnorth überzeugt hat. Allein die Anreise nach Winnipeg hat das Ehepaar einen Tagesflug und mehr als 1000 Euro pro Kopf gekostet.

All das ist an diesem frühen Morgen Schnee von gestern: Die beiden stehen mit 21 anderen Touristen vor Frontiersnorth-Buggy 13, nach einem gemeinsamen 20-Minuten-Shuttle von Churchill in die arktische Tundra, wo der Anbieter seine Buggys parkt. Soweit das Auge reicht nur weiße Kältesteppe, in der ein eisigkalter Wind den Tundra-Tourern Tränen in die Augen treibt. Ob schon ein Bär in Sichtweite ist, gut getarnt in der weiß bedeckten Schneelandschaft? „Wir hoffen, die Strapazen zahlen sich aus“, sagt die Neuseeländerin und steigt in den beheizten Buggy auf vier fast zwei Meter hohen Reifen. Der gigantische Unterbau ist nicht nur nötig, um es über die unebene Kältesteppe hinweg zu schaffen, sondern auch, weil die Bären mitunter ganz nah an die weißen Gefährte herankommen, sich gar neugierig in Richtung der Kameras strecken, wenn die Touristen sie aus dem Fenster halten oder sich für das beste Foto über die Reling beugen, von der die freie Plattform am Heck des Buggys umgeben ist.

„Essen und Trinken nur im Buggy“, sagt Frontiersnorth-Guide Alex Mowat, der mit den Touristen in die Tundra fährt. Er erklärt, dass die Eisbären die Buggys sonst mit Fressen in Verbindung bringen könnten – dank ihres hochsensiblen Geruchssinns, mit dem sie einen toten Wal sogar aus 30 Kilometern Entfernung wittern können. Wie sehr muss es sie in ihrer schwarzen Schnauze jucken, wenn ganz in der Nähe ein Sandwich verspeist wird? 

Es sei sogar schon vorgekommen, erzählt Mowat auf der holprigen Fahrt entlang der Hudson-Bay-Küste, ein Auge immer in die Tundra gerichtet, dass der ein oder andere Tourist die Eisbären vom Buggy aus gefüttert hat. „Das ist absolut verboten“, kommentiert der Guide in strengem Tonfall. Wer es doch tut, für den ist die Tundra-Tour sofort vorbei: Er wird nach nur einem Anruf sofort per Helikopter von Jeff Chuchmuchs Team aus der Tundra geholt und muss für den Einsatz eine saftige Strafe zahlen. Erst in der Woche vor unserem Ausflug musste jemand wegen verbotenen Fütterns aus der Tundra ausgeflogen werden. Das passiere aber zum Glück nur sehr selten, sagt Mowat.

Die Touristen an Bord von Buggy 13 beißen lieber noch einmal auf der Pirsch nach den heiß ersehnten Bären in ihr Sandwich, schauen angespannt aus dem Fenster, immer auf Habacht, die Kamera in den Händen. Eigentlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Bär in Sichtweite ist. Die Bay ist nämlich noch nicht zugefroren. Das ist eine gute Nachricht für die Touristen, eine schlechte aber für die Bären: Sie müssen weiter hungrig an Land verharren, denn: Ohne Eis keine Robben. Mit jedem Tag, den sie nicht fressen, verlieren sie ein Kilogramm Körpergewicht. Und die Situation der Eisbären an der Hudson Bay spitzt sich seit Jahren zu, erklärt Guide Alex Mowat: „Durch den Klimawandel hat sich der Zeitpunkt, bis die Bay gefroren ist, immer weiter nach hinten verschoben.“ Also müssen die Eisbären an der Hudson Bay immer längere Hungerperioden an Land überbrücken. Mowat reicht ein Handout herum, auf dem fünf Skizzen von Eisbären zu sehen sind – von „mager“ bis „fettleibig“ –, und deutet auf den ersten, dessen Knochen an Bauch und Schultern deutlich hervorstechen. „Solche mageren Bären sehen wir in den letzten Jahren immer häufiger“, so der Guide. Und nicht nur das: „Bärinnen haben weniger Junge, der Bestand insgesamt ist rückläufig.“

Deshalb stehen die Eisbären an der Hudson Bay nicht nur im Kamerafokus von Touristen, sondern auch im Fokus von Wissenschaftlern und Tierschützern. An vorderster Front kämpft Polar Bears International (PBI) für den Erhalt von Eis und Eisbär. Im Herbst fährt ein Team der Tierschützer ebenso in einem Buggy durch die Tundra, zum Zwecke ihrer Anliegen von Frontiersnorth zur Verfügung gestellt. Er trägt die Nummer 1 und ist mit einem Sendemast auf dem Fahrzeugdach ausgestattet, um im arktischen Outback Empfang zu haben. Denn die Tierschützer übertragen Live-Bilder aus der Tundra ins Netz. „Wir wollen eine möglichst breite Öffentlichkeit herstellen und auch Leute erreichen, die es sich nicht leisten können, eine Tundra-Tour zu den Bären zu machen“, sagt PBI-Biologin Alysa McCall. 

So kann nun jeder, der sich für die Eisbären an der Hudson Bay interessiert, die weißen Riesen von zu Hause aus beobachten, wie sie auf das Zufrieren der Bucht warten. Wer damit Vorlieb nimmt statt eine abenteuerliche, aber teure Tundra-Tour zu machen, braucht auch kein schlechtes Gewissen zu haben, die Eisbären in ihrem Lebensraum zu stören. Auch muss er sich nicht schuldig fühlen, mit mächtig CO2-Ausstoß nach Churchill gereist zu sein und so dem Lebensraum der Bären einen Bärendienst erwiesen zu haben.

Alysa McCall findet es trotz allem gut, dass die Touristen kommen, denn jeder Besuch wirke nach: „Wer einmal Eisbären in der Wildnis sieht, geht nicht nur mit Bildern von ihnen auf der Kamera zurück. Er trägt sie auch im Herzen und will, dass es ihnen in Zukunft möglichst gut geht.“ Dafür müsse er in erster Linie dazu beitragen, dass die Temperaturen nicht weiter steigen und die Eiszeiten an der Hudson Bay immer kürzer werden: „Der Klimawandel ist die größte Gefahr für das arktische Eis und damit für die Eisbären.“ Denn anders als vom Eis aus können sie keine Robben fangen. Auf dem Eis brauchen die Bären nur darauf zu warten, bis die Robben auftauchen, um Luft zu holen – und greifen zu. Im Wasser dagegen können Eisbären kaum mit den Meeressäugern mithalten, erklärt Alysa McCall: „Es ist so, als würden wir Menschen versuchen, mit der bloßen Hand einen Fisch zu fangen. Robben sind einfach die besseren Schwimmer.“ Deshalb ist das Eis so wichtig und der Klimawandel so gefährlich für den Eisbären.

Gemessen daran sei das Vorrücken der mit den Tundra-Touristen besetzten Buggys in das vorübergehende Quartier der Bären quasi harmlos. McCall zeigt auf einer Karte ein Gebiet am Rande der Hudson Bay. Nur dort haben die Behörden Tourismus gestattet. Und nur für diesen Landstrich hat die Regierung aktuell zwei Anbietern – Forntiersnorth und Great White Bear Tours – Lizenzen für insgesamt 18 Buggys erteilt. „Für die Bären wäre es ein Leichtes, das Gebiet zu meiden, wenn sie sich an den Buggys wirklich stören würden. Solange sich die Leute an die Regeln halten, ist alles gut.“

In Buggy 13 gab es noch keine Regelverstöße. Woher auch, bislang hat noch keiner einen Eisbären gesichtet. Manch einer hat sein Sandwich auch schon aufgegessen. Bei dem monotonen Motordröhnen des Buggys und der scheinbar immer gleichen, vorbeiziehenden Landschaft fällt es dem einen oder anderen mittlerweile schwer, die Augen aufzuhalten. Wie lange geht die Fahrt denn inzwischen schon? 

„Twelve o’ clock!“, schreit plötzlich einer, der nicht müde geworden ist, durch sein Fernglas zu starren. Zwölf Uhr – gemäß dem anfangs vereinbarten Code meint das die Fahrtrichtung. Dort ist mit bloßem Auge gerade so ein weißer Fleck zu sehen. Ein Bär? Oder doch nur wieder ein eingeschneiter Busch? „Es bewegt sich“, sagt Mowat nach einem fachmännischen Blick durch sein Fernglas. Die müde Meute springt plötzlich wie elektrisiert von den Sitzen, alle packen sich in ihre inzwischen ausgezogenen Jacken, um für das perfekte Foto raus auf die freie Plattform zu gehen, sobald das Gefährt vor dem gesichteten Eisbären Halt gemacht hat.

Da steht er nun, keine drei Meter weg vom Buggy, in majestätischer Erhabenheit über Schnee und Eiseskälte, gibt keinen Laut von sich, schenkt den dutzenden Fotoapparaten einen unberührten Blick, die schwarze Schnauze einen kurzen Atmer lang in Richtung Gefährt gestreckt, als habe er die Hoffnung, hier gäbe es für ihn etwas zu holen. Mehr als das Geklicke der Kameras und die stillen Begeisterungsbekundungen hat Mensch ihm aber nicht zu bieten. Später vielleicht schon, nach seiner Reise in die Arktis. Wenn er sich an diesen erhebenden Anblick erinnert. Und sich vornimmt, sein Bestes zu tun, um die Lebenswelt des Eisbären zu erhalten. 

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