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Eis begehrt

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Von: Martin Dahms

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Hochsaison: Von Mai bis August werden zwei Drittel der Eiswürfelproduktion verbraucht. imago images
Hochsaison: Von Mai bis August werden zwei Drittel der Eiswürfelproduktion verbraucht. imago images © imago images

Es ist heiß und viele Leute feiern Partys – da steigt der Bedarf an Eiswürfeln.In Spanien gibt es angeblich bald keine mehr

Der Fernsehsender Antena 3 besucht am Montagmorgen einen Fischhändler. Die Fische liegen auf gehobeltem Eis aus. Die Reporterin fragt: „Habt ihr Knappheit oder steigende Preise bemerkt?“ – „Nein, nichts dergleichen. Da wir nicht mit Eiswürfeln arbeiten…“ – „Fürchtet ihr, dass euer Eis knapp werden könnte?“ – „Nein. Im Moment nicht. Ich glaube nicht.“ Am unteren Bildschirmrand blendet der Sender ein: „Es fehlt Eis!“ Mit Ausrufezeichen.

In der Wunderwelt des Kapitalismus fehlt nie was, und wenn doch mal was fehlt, ist die Aufregung groß. In Spanien werden die Eiswürfel knapp. Das ist wahr. Und noch gibt es keine Entwarnung. „Bis Mitte August wird sich die Lage ein wenig verschlechtern“, sagt Miguel Ángel Vázquez, den Antena 3 den „spanischen Würfelkönig“ nennt, weil er die größte Eiswürfelfirma Spaniens betreibt, Procubitos. Die hat Schwierigkeiten, mit der Eiswürfelnachfrage Schritt zu halten. So wie die anderen Eiswürfelhersteller auch. Wen die spanischen Medien auch befragen, die Antwort ist immer die gleiche: Ja, dieses Jahr ist es schwierig.

Die Ursache der Knappheit lässt sich so erklären: Eiswürfelhersteller stellen ihre Eiswürfel nicht auf Zuruf her, sondern auf Vorrat. Knapp zwei Drittel des Konsums fallen auf ein Drittel des Jahres, die Monate Mai, Juni, Juli und August. Der kluge Eiswürfelhersteller gefriert im Winter und im Frühling für den Sommer vor. Er hat aber keine Glaskugel, die ihm sagt, wie sich die Verkäufe entwickeln werden. In den vergangenen beiden Jahren war das Geschäft wegen der Coronakrise mau, und im Winter war noch nicht absehbar, wie es diesen Sommer aussehen würde. Außerdem zogen die Energiepreise an. Da waren die Eiswürfelhersteller lieber vorsichtig: Sie wollten auf keinen Eisvorräten sitzen bleiben.

Dann kam der Sommer und mit ihm die Touristen. Und die Nachcoronafeierlaune. Und eine nicht enden wollende Hitzewelle, in der das Thermometer nicht vor Mitternacht unter 30 Grad fällt. Wer feiert, braucht Eis, und wer Urlaub macht, auch, zumal bei diesen Temperaturen. So wurden die Eiswürfel knapp. Jedenfalls in den Fabriken.

Die Menschen in Spanien bekommen davon kaum etwas mit. Nun gut: Hin und wieder liegen in den Supermarktregalen keine Beutel mit Eiswürfeln mehr, was lästig sein kann, vor allem für jene, die Cafés betreiben und sich dort mit Eiswürfeln eindecken. Die professionelleren Betriebe haben Eismaschinen oder langfristige Verträge mit ihren Lieferanten.

Der Netzzeitung eldiario.es erzählte vergangene Woche eine Madrider Restaurantbetreiberin, dass ein 2-Kilo-Beutel Eiswürfel im Supermarkt immer 75 Cent gekostet habe, „und nun kostet er in manchen Läden zwei Euro“. Das mag stimmen. In den allermeisten Supermärkten werden die Beutel nach wie vor für 75 Cent angeboten. Nur bei Corte Inglés, dem Warenhaus, sind sie teurer. Aber da ist immer alles teurer.

Statt Knappheit herrscht zurzeit also vor allem die Furcht vor der Knappheit. Weil wir in der Wunderwelt des Kapitalismus leben, strengen sich die Fabrikanten an, wie sie nur können. „Wir machen nicht mal zum Schlafen Pause“, sagt Alba Aparicio, die Sprecherin der Eiswürfelfirma Hielos Estrella, zur Nachrichtenagentur Efe. Das Eis kommt also. Und wenn es doch mal knapp wird, helfen sich die Lokale gegenseitig aus, schreibt die Lokalzeitung Diario de Mallorca.

Am 15. August ist Mariä Himmelfahrt, da ist ganz Spanien ein einziges riesengroßes Fest. Möglich, dass dann hier und dort ein Eiswürfel fehlt. Danach dürften Angebot und Nachfrage wieder ganz gut zusammenpassen.

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