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Kein Palast, ein einfaches Leben bloß: Seine Majestät Don Julio I. und Königin Angelica.

Anden

Der einzige König Südamerikas

Don Julio I. residiert mit Königin Angelica in einem bolivianischen Andendorf. Die Krone soll er von seinem Urgroßvater geerbt haben, einem Sklaven aus königlichem Hause.

Es ist trocken und oft kühl in La Paz, 3600 Meter über dem Meeresspiegel. Und vor allem eines: karg. Die Bergketten, die die bolivianische Stadt umringen, lassen kaum vermuten, dass gleich dahinter Dschungel wuchert. Los Yungas heißen die subtropischen Täler in den Anden. Und dort soll es ein afrikanisches Königreich geben. Samt König – der einzige in Lateinamerika notabene. Auf der offiziellen Internetseite des Königshauses erscheint er als „Seine Majestät Don Julio I.“, mit einer prächtigen goldenen Krone.

Es gibt keine direkte Busverbindung ins Dorf des Königs, nach Mururata. Man steigt ein paar Mal um, schlängelt sich über unasphaltierte Wege an Kokaplantagen vorbei. Wann Julio I. anzutreffen sei, erzählen die Leute, das sei ungewiss, hänge davon ab, ob er tagsüber auf seiner Plantage Kokablätter pflückt. Der König sei alt und mürrisch.

Als die Spanier Südamerika vor über 500 Jahren überrannten und seine Bewohner niederdrückten, entdeckten sie Gold und Silber. Erst schickten sie die indigene Bevölkerung in die Minen Boliviens, die an Hunger und Misshandlungen starben. Dann holten sie Arbeiter aus Afrika. Die Afrikaner hielten es in den Anden noch weniger aus. Mit der Zeit wurden sie in wärmere Regionen Boliviens verkauft – etwa in die Yungas. Um 1820 fuhren die letzten Schiffe mit afrikanischer Menschenware über den Atlantik. 1826 wurde die Sklaverei abgeschafft.

Ein Regent im Karohemd

Es wird dunkel. Das Eckhäuschen des Königs sieht man bereits beim Einbiegen in Mururata. Im oberen Raum lebt das Königspaar, im unteren führt seine Frau einen einfachen Laden. „Es gibt Leber und getrocknetes Lamafleisch“, steht draußen. Drinnen sitzt ein alter Mann in Karohemd und Baseballkappe an einem abgenutzten Holztisch.

„Guten Abend, sind Sie der König?“ Julio I. hebt müde den Kopf. Er nickt, brummelt ein „Buenas noches“. Hinter ihm sitzt seine Frau auf der untersten Stufe der Treppe. Sie kaut Kokablätter. Königin Angelica ist in einen kaskadenähnlichen Rock gekleidet wie ihn indigene Frauen tragen. Über all die Jahrhunderte haben sich die afrikanische und indigene Kultur vermischt.

Auf einem der letzten Sklavenschiffe soll Prinz Uchicho gewesen sein. Einer alten Geschichte nach wusste niemand, dass er aus königlichem Hause stammte. Eines Tages habe er in einem Fluss gebadet. Auf seinem entblößten Rücken waren tätowierte Symbole zu sehen, die nur ein Sohn aus afrikanischem Königshaus haben konnte. 1832 krönten ihn die anderen Sklaven zum Oberhaupt. 1992 bestieg sein Urenkel den Thron: Julio Pinedo – der heutige König.

Pinedo arbeitet, seit er denken kann, auf Plantagen, die unweit von Mururata liegen. Acht Stunden am Tag. Mit den Einnahmen der Ernte und des Ladens kann sich das Paar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist, ein sehr einfaches Leben leisten.

Die Afrobolivianer gehören zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Unter der Regierung von Präsident Evo Morales hat sich die Lage der rund 25.000 afrikanischstämmigen Bürger allerdings verbessert. Seit der neuen Verfassung 2009 gelten sie als eine der 36 anerkannten Nationen im „plurinationalen“ Staat. Seit 2010 sitzt mindestens ein Afro-Abgeordneter im Parlament.

Schon der Prinz war scheu

Die Leute in den Afro-Dörfern erzählen, dass der König schon als kleiner Junge scheu und introvertiert war. Obwohl sie auf ihn stolz sind, beklagen sie, dass er seine repräsentative Rolle als König nicht wahrnimmt, wie sie es sich wünschten.

„Hadern Sie mit Ihrem Schicksal, König zu sein?“ Der 76-Jährige tut es. Daran läst er keinen Zweifel. Zumal die zwei Welten – die des einfachen Campesinos und die des auf Händen getragenen Königs – auseinander klaffen. Seine Stellung ist symbolisch, hat ihm finanziell kein besseres Leben gebracht. Und politisch hat er keinen Einfluss.

„Meine Aufgabe ist es, die traditionelle Kultur der Afrobolivianer zu bewahren, sie den jüngeren Generationen weiterzuvermitteln“, umgeht er erst die Frage. Dann räumt er ein, dass ihm eigentlich die Zeit zum Königsein fehle. „So wie jetzt.“ Und lacht.  (Camilla Landbö, KNA)

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