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Teile der neuen Brückenkonstruktion im Hafen von Genua. 

Genua

Ein Jahr nach dem Einsturz der Morandi-Brücke: Genua erinnert an die Opfer und blickt nach vorne

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Vor einem Jahr ist die Morandi-Brücke in Genua eingestürzt. 43 Menschen sind gestorben, viele haben ihr Zuhause verloren. Die Anwohner trauern und wagen den Blick nach vorn.

Anna Rita Certo ging wie jeden Morgen zur Arbeit und ahnte nicht, dass sie nie wieder nach Hause kommen würde. Jedenfalls nicht in das Zuhause in der Via Porro, direkt unter der Morandi-Brücke, wo sie aufgewachsen ist und mehr als sechs Jahrzehnte gewohnt hat. Am 14. August 2018, kurz vor Mittag, stürzte das Autobahn-Viadukt urplötzlich ein. Ein 200 Meter langes Teilstück der vierspurigen Fahrbahn gab nach und riss Autos und Lkw 45 Meter in die Tiefe. 43 Menschen starben.

Die Häuserblocks unter dem einsturzgefährdeten Brückenstumpf blieben wie durch ein Wunder unversehrt, waren aber nicht mehr bewohnbar. Fast 600 Menschen verloren ihr Zuhause, darunter die Verwaltungsangestellte Anna Rita Certo.

Genua erinnert an die Opfer des Einsturzes der Morandi-Brücke

Ein Jahr nach der Tragödie wird in Genua an die Opfer erinnert. Für etwa 450 Angehörige ist eine Gedenkstunde geplant, zu der Premier Giuseppe Conte und andere Spitzenpolitiker aus Rom anreisen wollen – trotz Regierungskrise. Ort des Gedenkens ist der erste Pfeiler der neuen Brücke, deren Bau Ende Juni nach einem Entwurf von Stararchitekt Renzo Piano begonnen hat.

Anna Rita Certo wird sich zur gleichen Zeit mit ehemaligen Nachbarn am Rand ihres immer noch abgesperrten früheren Wohnviertels treffen. Sie werden sich an den Händen halten, Anna Ritas Schwester wird 43 Gongschläge auf einer tibetischen Glocke anstimmen und alle legen dann eine Schweigeminute für die Toten ein.

Reste der Morandi-Brücke und Wohnblocks wurden abgerissen

Die Wohnblocks sind verschwunden, sie wurden in den vergangenen Monaten ebenso abgerissen wie die Brückenreste, die lange wie Mahnmale über der Stadt aufragten. Das allerletzte noch stehende Element der Schrägseilbrücke, auf der anderen Seite des Polcevera-Tals, wird derzeit in kleine Stücke zerlegt. Die Abrissarbeiten sollen in wenigen Tagen abgeschlossen sein, wie die Firma Ati Demolitori mitteilte. Nur hohe Schuttberge in der Sperrzone zeugen noch von dem, was einst dort stand, erzählt Anna Rita Certo am Telefon. Die Trümmer durften bisher nicht abtransportiert werden, weil sie Asbest enthalten.

Giusy Moretti (l.) und Anna Rita Certo.

„Dass Brücke und Häuser jetzt weg sind, schafft endgültig Abstand“, sagt Anna Rita. Es habe ihr geholfen, emotionale Distanz zu finden. Ihre Freundin und frühere Nachbarin Giusy Moretti dagegen hat die jähe Veränderung immer noch nicht verarbeitet, wie sie sagt. „Auch wenn man froh sein kann, mit dem Leben davongekommen zu sein – man trauert um ein verlorenes Zuhause.“ Die Mittsechzigerin vermisst den Zusammenhalt im Eisenbahner- und Arbeiterviertel unter der Brücke. Zwar hat sie eine neue Wohnung in der Nähe gefunden. Aber die meisten ihrer alten Nachbarn sind weit weg gezogen. Anna Rita etwa lebt jetzt in der Altstadt.

Genua: Obdachlos gewordene Familien werden versorgt

Als Koordinatorin des Anwohner-Komitees hat Giusy Moretti ein Jahr lang darum gekämpft, dass die 250 obdachlos gewordenen Familien angemessen versorgt werden. Mit Erfolg: Neben einer Entschädigung von im Schnitt 300 000 Euro für das verlorene Eigentum bekamen sie entweder miet- und nebenkostenfrei städtische Unterkünfte gestellt oder 700 Euro monatlich, wenn sie sich selbst eine Bleibe suchten. „Wir sind nicht vergessen worden, wie die vielen Erdbebenopfer in Italien“, sagt Giusy. „Die Leute konnten neu anfangen.“ Nun, nach einem Jahr, enden Mietfreiheit und finanzielle Hilfen allerdings.

Lesen Sie auch: Ein Symbol für die Stadt und ihren Schmerz

Die Autobahnbrücke war nicht nur die Hauptverbindung zwischen Mittelitalien und der französischen Cote d’Azur. Sie verband über das Polcevera-Tal auch den Westen und Osten von Genua. Die ligurische Hafenstadt ist seit einem Jahr zweigeteilt und staugeplagt. Bürgermeister Marco Bucci drückt aufs Tempo, damit der 200 Millionen Euro teure Brücken-Neubau bis Weihnachten fertig und ab April 2020 befahrbar sein wird.

Privater Autobahnbetreiber muss für neue Brücke in Genua bezahlen

Für alles bezahlen muss der private Autobahnbetreiber Autostrade per l’Italia, der zum Konzern der Familie Benetton gehört. Ihm hatte die Populisten-Regierung in Rom gleich nach dem Unglück die Schuld gegeben. Zwar deutet alles darauf hin, dass die in Beton eingegossenen Stahlseile wegen mangelnder Wartung gerissen sind und so das Unglück auslösten. Die Ermittlungen der Justiz gegen 21 Verdächtige sind aber noch nicht abgeschlossen.

Renzo Pianos neue Brücke wird eine nüchterne, hell gestrichene Stahlkonstruktion sein. Häuser stehen keine mehr darunter, ein Park und Sportstätten sind geplant. „Ich wünsche mir, dass etwas Schönes entsteht“, sagt Anna Rita Certo. Viel wichtiger sei aber, dass die Sicherheit der Brücke künftig ständig überwacht werde.

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