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Ein Leben für die Politik: Willy Brandt am 13. August 1986 vor der Berliner Mauer anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerbaus.

Willy Brandt

Ein einsamer Mann, am Ende seiner Kraft

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Melancholiker, Einzelgänger, Sozialdemokrat: Willy Brandt hat im Nachkriegsdeutschland eine nahezu beispiellose politische Karriere gemacht. Ein Porträt zu seinem 25. Todestag am 8. Oktober.

Unser historisches Gedächtnis wird nicht zuletzt durch die Bilder gespeist, die uns unauslöschlich von Menschen und Taten erzählt haben. Willy Brandt im März 1970 beim Treffen mit DDR-Ministerpräsident Stoph am Fenster eines Erfurter Hotels: umtost von begeisterten und höchst politischen „Willy, Willy“-Rufen der seit Stunden auf den westdeutschen Gast wartenden DDR-Bürger, blickt er tief bewegt und mit beschwichtigender Armbewegung auf die Menge vor dem Hotel. „Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?“, schreibt er zwanzig Jahre später in seinen „Erinnerungen“.

Oder der Sozialdemokrat Brandt, den die Hitler-Diktatur in das skandinavische Exil getrieben hatte, am 7. Dezember 1970 mit starrem Gesicht und feuchten Augen kniend vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943. „Das war nicht geplant“, wird er erklären. „Aber am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Oder die Momentaufnahme des vordergründig wegen der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume zurückgetretenen Kanzlers vor der SPD-Fraktion am 7. Mai 1974: ein von Resignation gezeichneter Mann, der am Ende seiner Kraft ist. „In Wahrheit“, sagt er viel später im Fernsehen, „war ich kaputt, aus Gründen, die gar nichts mit dem Vorfall zu tun hatten.“ Krank, von Depressionen geplagt, von tiefer Müdigkeit heimgesucht und von den Parteifreunden verlassen und verraten zeigt sich der nach August Bebel bedeutendste deutsche Sozialdemokrat in einem selbst als Lebenstiefpunkt empfundenen Augenblick.

Aber als Willy Brandt am 8. Oktober vor 25 Jahren im Alter von 79 Jahren im rheinischen Unkel starb, verbeugte sich die Welt vor ihm. Eine nahezu beispiellose politische Karriere ist zu Ende gegangen. Sie hat den 1913 als uneheliches Kind im Lübeck geborenen Arbeitersohn bis ins Bundeskanzleramt der Bonner Republik geführt. Gefördert vom SPD-Reichstagsabgeordneten und Chefredakteur des „Lübecker Volksboten“, Julius Leber, wird er engagiertes Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“, tritt in die SPD ein und wechselt bald zur sich von der SPD abspaltenden radikalen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Nach dem Reichstagsbrand flieht der 19-Jährige über die Ostsee nach Dänemark, lebt bis zur deutschen Besatzung 1940 in Norwegen (dessen Staatsbürgerschaft er erhält) und dann in Schweden. Längst ist aus Herbert Ernst Karl Frahm der Hitler-Gegner, Journalist und aktive Sozialist Willy Brandt geworden.

Er reist ins Nazi-Berlin, um im Auftrag der SAP-Auslandsleitung eine Untergrundgruppe zu organisieren. Er besucht mehrfach Kongresse in Paris, geht als Berichterstatter ins Bürgerkriegs-Spanien, setzt sich für die Volksfront und die Nobelpreisverleihung an den in einem deutschen KZ leidenden Carl von Ossietzky ein.

1946 kommt Willy Brandt als norwegischer Berichterstatter über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess in das zerstörte Deutschland zurück. 1947 wird er Presseattaché in der norwegischen Militärmission in Berlin. 1948 erhält er die ihm von den Nationalsozialisten aberkannte deutsche Staatsbürgerschaft zurück und mit dem Wiedereintritt in die SPD beginnt sein langsamer, von vielen Niederlagen begleiteter, letztlich aber steiler Aufstieg in der deutschen Politik: Berliner und Bundestagsabgeordneter, 1957 Regierender Bürgermeister von Berlin, 1964 Bundesvorsitzender der SPD, 1966, nach zwei schweren Niederlagen als Kanzlerkandidat, Außenminister in der von Kurt Georg Kiesinger (CDU) geführten Großen Koalition, 1969 Bundeskanzler.

Willy Brandt blieb eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Nachkriegspolitik. Ein melancholischer Macher, ein Einzelgänger, dem es nie gelang, wirkliche Bindungen einzugehen. Keiner hat je behauptet, er sei mit ihm befreundet gewesen. Dreimal war er verheiratet, die außerehelichen Affären mit Frauen – die seine innerparteilichen und seine politischen Gegner in der Union zu infamen Kampagnen nutzten – weisen ebenfalls auf die Bindungsunfähigkeit dieses im Grunde sehr einsamen und empfindlichen Mannes hin. Wer sich erinnert, was es in der Welt unserer Großeltern hieß, als uneheliches Kind aufzuwachsen, ahnt, welche Traumata aus seiner Kinder- und Jugendzeit sein Leben begleiteten.

Politisch folgenreicher sollten seine in den späteren Jahren auftretenden Depressionen sein. Vor allem in seinen Kanzlerjahren suchten sie den überarbeiteten, von den innerparteilichen Kämpfen häufig zermürbten Mann immer wieder heim. Er konnte dann tagelang sein Haus nicht verlassen, wollte niemand sprechen und schien sich völlig von der Welt entfernt zu haben. Zum Shakespeare-Drama sollte sich diese depressive Neigung in den Wochen nach Brandts triumphalen Wahlsieg vom 19. November 1972 entwickeln (die SPD wird erstmals seit 1949 stärker als CDU/CSU). Der Kanzler leidet im Wahlkampf unter starken Stimmbandproblemen. Die Ärzte verbieten dem Kettenraucher die Zigaretten. Brandt ist ohnehin erschöpft und ausgebrannt. Die jahrelangen Kämpfe, die seinen Aufstieg begleiteten, sind nicht spurlos an dem jetzt 50-Jährigen vorübergegangen.

In den Tagen, in denen die personellen Entscheidungen für das neue Kabinett gefällt werden, liegt er krank an Leib und Seele im Bett. Herbert Wehner und Helmut Schmidt nutzen die Schwäche des großen Wahlsiegers und übergehen seine Personalvorschläge. Sie verhindern, dass der energische und von Brandt geschätzte Kanzleramtsleiter Horst Ehmke seinen Posten behält. Schmidt holt für sich die Verantwortung für Haushalt und Finanzen, Konjunktur und Währung. Der intelligente, aber ehrgeizige, eitle und überaus machtbewusste Hamburger wird zum starken Mann im Kabinett. Herbert Wehner, ein Menschenspieler und von der eigenen Vergangenheit im Moskauer Exil seelisch verstörter Mann, denkt schon jetzt an einen Sturz des Parteifreundes, dessen innerparteilicher Ziehvater er lange gewesen ist.

Wenig Wochen später wird er in Moskau über Brandt mit öffentlichen Bemerkungen herfallen, die kurzfristig das Ende von dessen Kanzlerschaft und langfristig den Machtverlust der SPD einläuten. „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau; so in einem Schaumbad“, verkündet der Strippenzieher und starke Mann in der SPD einer staunenden Welt. Die Medien überschlagen sich vor Begeisterung, welch Story ihnen Wehner da freiwillig und kalt bedacht geboten hat. Der ohnehin schwer angeschlagene Brandt schweigt. Kurz nach seinem Rücktritt notiert er: „Mein Fehler war, dass ich Wehners unflätige Moskauer Ausfälle durchgehen ließ.“ Aber er wird die Demütigungen seiner beiden egomanischen „Parteifreunde“ nie vergessen. Zwischen Wehner und ihm herrscht künftig ein eisiges Schweigen, zumal dieser beim Rücktritt im Mai 1974 erneut eine heuchlerische Rolle einnimmt. Als sein Nachfolger im Kanzleramt, Helmut Schmidt, Anfang der 80er Jahr im Zuge der Raketendebatte innerhalb der SPD immer stärker in die Isolierung gerät, verweigert ihm der Parteivorsitzende Willy Brandt jede Hilfe.

Es gehört zur historischen und zur aktuellen Wahrheit, dass sich die deutsche Sozialdemokratie in der Regel durch ihre selbstzerfleischenden innerparteilichen Kämpfe selbst um Macht und Ansehen gebracht hat. Wehner und Schmidt behaupteten so wie später Schröder und Lafontaine, es ginge ihnen nur um das Wohl von Vaterland und Partei. Die Wirklichkeit sah anders aus: Persönliches Machtstreben, Eitelkeit, ein menschlich häufig sehr schäbiges Verhalten und nicht die vielbeschworene Solidarität waren die Triebfedern ihres Handelns. Brandt war kein Intrigant, aber er wusste etwa in der Zeit seines Berliner Aufstiegs sehr wohl die Ellbogen zu benutzen. Dass er Helmut Schmidt am Ende von dessen Kanzlerschaft im Stich ließ, ist angesichts der eigenen Erfahrung mit dem kühlen Hamburger Genossen zwar nicht unverständlich, gehört aber sicher nicht zu den Glanzleistungen Willy Brandts. Den Parteivorsitz wird er nach 23 Jahren wegen einer kleinkarierten innerparteilichen Empörung über eine Personalentscheidung des „Chefs“ niederlegen. Seitdem wechselten die SPD-Vorsitzenden so rasch wie die Kleidermoden.

In Berlin erlebt Brandt Zustimmung und Volksliebe

Seine wohl glücklichste politische Zeit erlebte Brandt in Berlin. Hier erfüllte sich seine Sehnsucht, geliebt und anerkannt zu werden. Als Regierender Bürgermeister erreichte er hohe Beliebtheitswerte und führte seine Partei zu glanzvollen Wahlergebnissen. In Berlin war er, was er so gerne sein wollte: ein Volkstribun, dessen Auftreten und dessen Reden die Menschen in der geteilten Stadt (aber damals noch nicht die Westbürger im Bonner Staat) begeisterten. Er sah gut aus, konnte überaus charmant sein und lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Rut noch in weitgehend harmonischer Partnerschaft. Die besondere Situation Berlins ließ ihn zu einem international beachteten Politiker werden. Wie immer in seinem Leben reiste er viel, warb für seine von den Ost-West-Krisen heimgesuchte Stadt. Später wird er noch einmal bei den grandiosen „Willy-Wahlen“ vom November 1972 für einen kurzen Moment dieses berauschende Gefühl der Zustimmung und Volksliebe erleben.

In Bonn fühlte Brandt sich eigentlich nie wohl. Er kam von außen, stand den provinziellen Machtkämpfen und Intrigen der alten, schon lange am Rhein wirkenden Polithasen distanziert gegenüber. Schon vor den schweren letzten Monaten seiner Kanzlerschaft veränderte sich sein Lebensgefühl. Auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn, mitten im lauten Trubel hektischer Betriebsamkeit vereinsamte er noch mehr als in den früheren Jahren. Häufig ließ er es an Entschlusskraft fehlen, wandte sich enttäuscht und entnervt vom Bonner Alltag ab.

Auf seine Weise war Brandt immer auch Journalist. Wohl kein anderer Politiker hat so viele Artikel und Bücher veröffentlicht wie er. Immer wieder beschreibt er die politischen Lebensabschnitte, die hinter ihm liegen, gibt sich und seinen Lesern Rechenschaft über sein Handeln. Im Kreise von Intellektuellen und Künstlern fühlte er sich wohl.

Seine politischen Leistungen sind historisch geworden: „Mehr Demokratie wagen“, die schwierige und von der Union in Bonn hart bekämpfte Ost- und Entspannungspolitik, die entscheidende Fundamente dafür setzte, dass „zusammenwächst, was zusammengehört“, zahlreiche innenpolitische Reformprojekte – vom neuen Betriebsverfassungsgesetz bis zur Reform des Sexualstrafrechts – und nicht zuletzt der Blick auf das dramatische und gefährliche Nord-Süd-Gefälle, das er im Alter und als später Weltpolitiker zu seinem vielbeachteten Thema machte. Brandt symbolisierte immer das andere Deutschland, das humane, demokratische und aufgeklärte Land der Lessings und Bebels. Nicht ohne Pathos wird er nach seiner Wahl zum Bundeskanzler sagen: „Jetzt erst hat Hitler den Krieg endgültig verloren.“

Am Ende, es ist der 3. Oktober 1990, steht ein deutscher, ein wenig konservativ gewordener Patriot vor dem Brandenburger Tor und im Licht des grandiosen Feuerwerkes, das anlässlich der Wiedervereinigung den Himmel über Berlin erleuchtet, fließen Tränen über das faltige Gesicht des alten Mannes. Er weiß angesichts dessen, was da geschieht, dass alle Mühe und Last nicht umsonst gewesen sind und wo sein Platz in den Geschichtsbüchern der Deutschen sein wird.

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