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Links der Tiroler Tanne muss die Schutzhütte "Tiroler Hütte" gestanden haben, in der Hirt zunächst Unterschlupf fand.

August Hirt

Der einsame Tod des Nazi-Arztes

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Drei Buben finden 1945 im Schwarzwald die Leiche von August Hirt. Bis heute ist es ein Rätsel, was den Kriegsverbrecher in die abgelegene Region führte.

Juni 1945: Nach der Schule machen sie sich auf zur Waldlichtung – Rolf Kaltenbach und zwei weitere Hirtenjungen mitsamt der Kuhherde. Die Lichtung, auf der die Tiere weiden dürfen, liegt nicht weit entfernt von Schönenbach, ganz in der Nähe des von tiefen Wäldern umgebenen Schluchsees im südlichen Schwarzwald. Einer der Jungen passt auf die Kühe auf, Rolf Kaltenbach und der andere Junge laufen derweil zum benachbarten Berg Hohenstaufen. Dort befand sich während des Zweiten Weltkriegs eine Flakstellung der Wehrmacht. Nun, kurz nach dem Krieg, sind dort noch Patronen und Gewehre zu finden. Die Jungen spielen mit den Gewehren, später geben die beiden die Waffen beim Bürgermeister ab. Am späten Nachmittag schließlich machen sich die Jungs auf den Weg zurück zur Herde. Dann finden sie ihn. 

Erst trauen die Jungen aus Schönenbach an diesem 2. Juni 1945 ihren Augen nicht. Ein Mann liegt regungslos, angelehnt an einem Sühnekreuz, mitten im Wald. Dann aber: Kein Zweifel, er ist tot. Soweit sich Rolf Kaltenbach – die anderen Jungen von damals leben nicht mehr – heute erinnern kann, war der Tote nicht blutüberströmt und trug einen Mantel. Allerdings kann er heute nicht mehr sagen, ob sie den Toten im Dorf gemeldet haben. Sicher ist, dass die Kühe in den Stall mussten, um gemolken zu werden. Und danach? Wurde im Dorf über diesen Vorfall nie mehr geredet, sagt Kaltenbach. 

Die Ortspolizei stellt später die Personalien des Toten fest: Es handelt sich um den Arzt Erwin August Hirt. Wer hinter diesem Namen steckt, ist wohl bis heute vielen Menschen aus der Gegend um Schönenbach nicht bekannt: Der Name August Hirt steht für einen international gesuchten NS-Mediziner. Nur was verschlägt diese berüchtigte Person zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach Schönenbach und was hat er eigentlich verbrochen? Doch der Reihe nach.

Wer war August Hirt?

August Hirt wird als Sohn eines Schweizer Gipsermeisters und einer Deutschen 1898 in Mannheim geboren. Zum Militärdienst des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig. Im Krieg werden sein Ober- und Unterkiefer durchschossen. Davon ist Hirt zeitlebens gezeichnet und leidet unter Kau- und Artikulationsschwierigkeiten.

Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse kehrt er auf die Schulbank zurück und legt 1917 sein Abitur ab. Nach seinem Medizinstudium und einer anatomischen Tätigkeit in Heidelberg folgt er 1936 dem Ruf zum Professor und Direktor des Anatomischen Instituts in Greifswald, und zwei Jahre später wechselt er in gleicher Funktion an die Universität Frankfurt. Im April 1933 wird er Mitglied bei der SS. Von August 1939 bis April 1941 leistet er freiwillig Dienst als Oberarzt im Krieg gegen Frankreich. 

Nachdem Frankreich 1940 von den Deutschen besetzt wird, gelangt das Elsass und somit Straßburg unter deutsche Verwaltung. Professor Hirt wird im Sommer 1941 auf den Lehrstuhl für Anatomie der neu gegründeten Reichsuniversität Straßburg berufen. 

Versuche am Menschen

Neben seiner Arbeit an der Reichsuniversität Straßburg forscht Hirt nebenberuflich für die SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“. So will er beispielsweise, unterstützt durch Tierexperimente, ein Gegenmittel gegen das seit dem Ersten Weltkrieg gefürchtete chemische Kampfmittel Senfgas finden. Der Kampfstoff wirkt verzögert über Haut und Atemwege und führt zu Verbrennungen und Verätzungen bis zum qualvollen Tod.

Im Dezember 1941 stellt ein persönlicher Referent des SS-Reichsführers Heinrich Himmler in Aussicht, dass man Hirt nicht mehr nur mit Ratten experimentieren lassen müsse, sondern ihm „(…) die Möglichkeit geben möge, mit Gefangenen und mit Berufsverbrechern, die sowieso nicht mehr in Freiheit kommen, und mit den für eine Hinrichtung vorgesehenen Personen Versuche jeder Art anzustellen, die seine Forschung fördern könnten“. Dieses „Menschenmaterial“ wird schnell gefunden - im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, etwa 60 Kilometer südwestlich von Straßburg. 

Dort werden die Tätigkeiten Hirts vom Reichsführer der SS in jeglicher Form unterstützt, indem „(…) die notwendigen Apparate, Geräte, Hilfsmittel und Mitarbeiter bereitzustellen beziehungsweise zu beschaffen“ seien. Wissend über diesen mächtigen Rückhalt und gut ausgerüstet, beginnt Hirt außerdem eine Schädelsammlung von ermordeten jüdischen politischen Kommissaren der sowjetischen Armee mitzuplanen. Dies soll ein Prestigeobjekt für die anatomische Sammlung seines Instituts werden.

Die Eliteuniversität, auch „NS-Kampfuniversität Straßburg“ genannt, gilt nun als eine Art Frontstätte der Wissenschaft. Adolf Hitler hat sie als Herzensprojekt auserkoren. Die Fakultäten werden mit angesehenen Köpfen des Deutschen Reichs besetzt. Hirt arbeitet fortan für die Unterabteilung „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ der SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Ahnenerbe“. Vermutliches Ziel der Forschung ist unter anderem der anatomische Nachweis, welcher die Juden als eine angeblich eigenständige Rasse charakterisieren soll. Doch der Plan der erwähnten Schädelsammlung erweist sich als nicht durchführbar. 

Nicht minder makaber ist das neue Projekt, eine jüdische Skelettsammlung, an welchem der Professor ab Sommer 1942 beteiligt ist. Im Juni 1943 reisen zwei Anthropologen und ein Präparator nach Auschwitz mit dem Auftrag, jüdische KZ-Häftlinge zu selektieren und anthropologisch zu vermessen. Laut einem der Hauptorganisatoren des Holocausts, Adolf Eichmann, befindet sich dort gerade „besonders geeignetes Material“. 

Von Auschwitz werden die Gefangenen in das elsässische KZ Natzweiler-Struthof deportiert, um sie dort in der eigens für Giftgasexperimente umgebauten Gaskammer unter einem üblichen falschen Vorwand, in diesem Falle zur Desinfektion, zu töten. Die Zahl der dort mit Gas ermordeten Juden beläuft sich auf 86. Die Leichen werden umgehend in den Keller des Anatomischen Instituts in Straßburg gefahren. Dort werden die Körper in mit Alkohollösung gefüllten Bottichen konserviert und bleiben mehrere Monate unbearbeitet liegen, da die Entfleischungsmaschine kriegsbedingt nicht rechtzeitig geliefert werden kann. 

Im Herbst 1944 wird Straßburg von den vorrückenden alliierten Soldaten befreit. Hirts Ehefrau und Sohn kommen bei einem amerikanischen Bombenangriff in Straßburg-Neudorf ums Leben. Schleunigst wird in der Reichsuniversität begonnen, jegliche Spuren des unfassbaren Verbrechens zu beseitigen. So gibt der zum SS-Sturmbannführer beförderte Hirt den Auftrag, die Leichen im Keller unkenntlich zu machen und teilweise wegzuschaffen und im Krematorium zu verbrennen.

Das Zahngold lässt sich Hirt aushändigen. Im Glauben, dass sein Vertuschungsauftrag erfolgreich ausgeführt wurde, macht er sich mit seiner Tochter auf den Weg in die unzerstörte Universitätsstadt Tübingen, um sich dort in der Anatomieabteilung einzurichten. Seine Arbeitsmittel wurden ihm bereits vorausgeschickt. Es dauert bis zum 19. April 1945 bis die Franzosen auch in Tübingen einmarschieren. 

Flucht in den Schwarzwald

Hirt lässt seine Tochter Renate in Tübingen zurück und flüchtet in letzter Sekunde in den Südschwarzwald. Was ihn bewegt, seine Route über Schluchsee-Schönenbach zu wählen, ist rätselhaft. Will er schlussendlich zum Herkunftsort seines Vaters nach Schöfflisdorf bei Zürich in die Schweiz? Er besitzt sowohl die schweizerische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Oder will er sogar nach Genf, um sich dort einer neutralen Untersuchungskommission zu stellen?

Bestätigt ist, dass er mit drei weiteren hohen SS-Offizieren zunächst Unterschlupf in der „Tiroler Hütte“ nahe der „Tiroler Tanne“ in dem Waldstück zwischen Schluchsee-Seebrugg und Schönenbach findet. In der Schutzhütte sind die Flüchtenden ausgestattet mit Zivilkleidung sowie Lebensmitteln für eine längere Zeit. Denkbar ist auch, dass Hirt in der Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes ausharren will, bis der Krieg vorbei ist. 

Um sich über die politische „Großwetterlage“ zu informieren, gehen die vier morgens in den naheliegenden Waldbauernhof Karlishof, um Radionachrichten zu hören. Die elfjährige Tochter der dort lebenden Familie leidet unter einer lebensbedrohlichen Diphterie, die zu massiver Einengung der Atemwege führt. Laut einer Zeitzeugin stand kein Arzt für die Behandlung zur Verfügung. Nun schlägt die Stunde des Mediziners Hirt. Er operiert das Mädchen erfolgreich und verweist die Eltern darauf, dass ihre Tochter ohne sein Zutun in zwei Stunden hätte tot sein können. Durch diese Notoperation entsteht eine schicksalhafte Verbundenheit des Vaters und wohl auch einiger Schönenbacher zu dem „Arzt von auswärts“. 

Daraufhin verlagert Hirt sein Nachtlager mit einem Koffer als Gepäck nach Schönenbach, wo er bei der Familie des Bürgermeisters übernachtet. Tagsüber verbringt er die Zeit mit Hausarbeit und Kinderhüten oder treibt sich im Wald umher. Ab dem 25. April 1945 nehmen die Franzosen das nördlich von Schönenbach gelegene Neustadt im Schwarzwald sowie das südlich an der Rheinschiene liegende Waldshut ein. Die Schlinge zieht sich für den Kriegsverbrecher langsam zu. 

Nun werden die Quellenberichte widersprüchlich. Ein Zeitzeugenbericht aus Schönenbach besagt, dass es der NS-Arzt beim Heranrücken der Franzosen mit der Angst zu tun bekommt und so etwas wie einen Nervenzusammenbruch erleidet. Eine Mitbewohnerin Hirts hört jedoch, dass er sich sogar mit den Franzosen in ihrer Landessprache unterhält. Gegenüber den Karlishof-Bewohnern äußert er seine größte Angst in der Rückkehr der Juden, über die der SS-Mediziner angeblich ein Buch geschrieben habe. 

Auch nach Kriegsende am 8. Mai 1945 besucht Hirt den Karlishof, um Radio zu hören. Als die bestialischen Vorkommnisse der Konzentrationslager öffentlich werden, behauptet Hirt gegenüber dem Sohn des Karlishof-Bauern: „Das stimmt alles nicht.“ Sie hätten einmal in einem KZ Kaninchen geholt. Es habe dort wunderbare Duschräume gegeben. Wieso er die Flucht in die naheliegende Schweiz nicht wagt, ist ungeklärt. Hat er eine günstige Gelegenheit verpasst? Oder will er sich dem Vorwurf der „Schande des Absetzens“ gar nicht aussetzen und führt etwas völlig anderes im Schilde? 

Morgens am Karlishof

Fest steht, dass er am Morgen des 2. Juni 1945 den Karlishof-Bauern bittet, ihm eine Pistole zu leihen. Er geht bis zum nahgelegenen Sühnekreuz „S’steinerne Krizle“. Dort nimmt sich einer der kaltblütigsten Wissenschaftler der NS-Zeit mit einem glatten Schuss durchs Herz sein Leben. Da Hirt im Besitz der gleichen Giftampulle gewesen sein soll wie Himmler, hätte er sich eventuell auch damit das Leben nehmen können. 

Der Karlishof-Bauer findet ihn, wie abgemacht, etwa 30 Meter vom Kreuz entfernt bei einem Baum liegend, die Pistole neben sich. Bei der morgendlichen Verabschiedung hat Hirt ihn noch beauftragt, die Leiche im Wald zu verscharren, damit kein anderer sie finde und sein Tod geheim bleibe. Jedoch laufen kurz darauf die Hirtenjungen aus Schönenbach am „steinerne Krizle“ vorbei. Unter ihnen Rolf Kaltenbach, der Hirt an das Kreuz angelehnt findet. Hat ihn der Karlishof-Bauer dort zur späteren Abholung bereitgelegt? Der Bauer meldet nämlich entgegen Hirts letztem Wunsch den Tod pflichtbewusst bei der Gemeinde Schönenbach. Diese veranlasst ein Begräbnis bei der katholischen Kirche in Grafenhausen. 

Laut Zeitzeugenbericht wird der Leichnam aber zuerst außerhalb der Friedhofsmauern nichtkirchlich in Stille beerdigt, wie das für Selbstmörder zu jener Zeit üblich war. Über die möglichen Gründe für Hirts Selbsttötung berichtet seine Mitbewohnerin in Schönenbach, dass er einer Strafe wegen seiner mitgewirkten Versuche entgehen will. Gegenüber dem Waldbauern klagt der beispiellose Verbrecher nach dem Verlust von Frau und Sohn über die Sinnlosigkeit seines Lebens. Sein Vorgesetzter berichtet, dass Hirt sich sicher war, einen Zusammenbruch des Deutschen Reiches nicht überleben zu können.

Die Jahre danach

Wenige Jahre nach Kriegsende wird Hirts Tochter auf der Suche nach ihrem Vater in Schönenbach gesehen. Sie lässt Ende der 1950er Jahre einen Grabstein im Friedhof für ihren Vater aufstellen, genaugenommen auf der Parzelle 27. Vom grausamen Arzt befinden sich heute keine Spuren mehr in Grafenhausen. Zum einen ist sein Grab schon längst aufgegeben, zum anderen gibt es von dem nichtkatholischen Selbstmörder keinen Eintrag in den Kirchenbüchern. Wie so oft bei berühmt-berüchtigten Personen findet der Tote aber keine Ruhe. 

Sein Ableben im dünn besiedelten Südschwarzwald bleibt lange von einer großen Öffentlichkeit unentdeckt und befeuert somit die Vermutung, Hirt könnte irgendwo untergetaucht sein. So soll der Totgeglaubte noch Jahre später in der Schweiz gesehen worden sein. Demnach ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass sich die schweizerische Bundesanwaltschaft noch bis Ende der 1950er Jahre mit der Fahndung nach Hirt beschäftigt. Ein französisches Militärgericht verurteilt ihn erst 1953 in Abwesenheit zum Tode. Eine unbestätigte Behauptung besagt, dass sogar der israelische Geheimdienst Mossad in geheimer Mission das Grab von Hirt in den 1950er Jahren ausgehoben habe, um sich über dessen Tod zu vergewissern. 

Der Autor dieses Textes ist Geschichtslehrer und lebt in Berau im Südschwarzwald. Zur Entstehung dieses Textes hat Hans-Joachim Lang von der Universität Tübingen mit seinen Forschungen über Hirts Experimente wesentlich beigetragen. Ausführliche Informationen unter www.die-namen-der-nummern.de

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