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Einig in der Wut auf die Polizei

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Von: Axel Veiel

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Tanzen sollen sie, die Roma, farbenfroh Folklore darstellen – und ansonsten den Mund halten.
Tanzen sollen sie, die Roma, farbenfroh Folklore darstellen – und ansonsten den Mund halten. © rtr

Vor zwei Monaten wird in Paris ein 17-jähriger Roma gelyncht, der schwerverletzt überlebt. Doch die Zeugen und das Opfer bleiben stumm. Nicht nur die Polizei stößt auf eine Mauer des Schweigens.

Die Männer von der Stadtreinigung haben ganze Arbeit geleistet. Eine Plastikschaufel, ein Rollkofferrad, Stofffetzen und Teppichreste, mehr ist vom Roma-Lager am Rand der Pariser Vorstadt Pierrefitte-sur-Seine nicht geblieben. Die Bewohner scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben. Es heißt, sie hätten nach dem Verbrechen die Flucht ergriffen. Ein Verbrechen?

Am 13. Juni war der Roma Gheorghe Franzu, den alle nur Darius nannten, hier von zwölf Jugendlichen aus der benachbarten Mietskasernensiedlung „Stadt der Dichter“ gelyncht worden. Passanten fanden den 17-Jährigen gegen 23 Uhr bewusstlos in einem Einkaufswagen am Rand der Nationalstraße eins, die Roma-Camp und Vorstadtsiedlung trennt. Die Ärzte diagnostizierten einen mehrfachen Schädelbruch. Angeblich soll Darius in der „Stadt der Dichter“ ein paar Stunden zuvor bei einem Einbruch ertappt worden sein. Der Räuber, der im Erdgeschoss des ersten Wohnblocks der Allee Boris Vian erwischt worden war, trug jedenfalls ein rotes T-Shirt. Darius hatte an jenem Tag auch eines getragen. Und er ist vorbestraft, wegen Diebstahls.

So steht es zumindest in den Akten der Staatsanwaltschaft, die wegen gemeinschaftlich begangenen Mordversuchs und Entführung ermittelt. Das „Hochkomitee für die Unterbringung gesellschaftlich benachteiligter Personen“ hat ergänzend angemerkt, der Vorfall illustriere „wachsende Vorbehalte gegenüber den Roma“. Doch in der „Stadt der Dichter“ will davon niemand etwas wissen. Das Lager, die Roma, der Rachefeldzug? Aus den Augen, aus dem Sinn.

Eine Frau, die vor der Tür eines Wohnblocks Einkaufstüten abstellt, wendet sich wortlos ab. „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“, fragt eine das Haus verlassende Mitbewohnerin. Ein Jugendlicher sagt dann doch etwas. Den Kopf kahl bis auf einen die Schädelmitte markierenden krausen Streifen, die Arme muskelbepackt, die Beine in einer mindestens zwei Nummern zu großen Sporthose, steht er breitbeinig vor dem Eingang des am 13. Juni von einem Einbrecher heimgesuchten Plattenbaus. „Einen Rachefeldzug gegen Roma gab es nicht, gibt es nicht, und du verschwindest jetzt besser“, sagt er. Die letzten Worte gehen unter im Lärm eines über Pierrefitte hinwegdonnernden Düsenjets. Der Pariser Flughafen Charles de Gaulle ist nicht weit.

Der Polizei ergeht es kaum besser. Auch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. Um sie zu brechen, hat die Staatsanwaltschaft Zeugen Anonymität zugesichert. Geholfen hat es nichts. Die Ermittlungen gegen rund ein Dutzend Verdächtige im Alter von 16 bis 17 Jahren kommen kaum voran.

Die Ärmsten der Armen

Die Ärmsten der Armen sind in Pierrefitte gestrandet, Nachfahren schwarzafrikanischer Einwanderer schlagen sich hier durch. An einer Straßenecke bieten sie Jacken und T-Shirts aus Kunstfaserstoffen an, die billigsten zu zwei, die teuersten zu fünf Euro. Daneben stapeln sich Plastikreisetaschen – für Menschen, die sich oft als unerwünscht erleben, besonders wichtige Utensilien. Der Drogenhandel floriert. Von Polizei und Justiz fühlen sich die Bewohner weniger beschützt als bedroht.

Aber auch die Roma schweigen. Die Polizei, das sind für sie Räumkommandos, die sie im Morgengrauen mit einem „allez, vite“, „auf geht’s, schnell“ aus dem Schlaf reißen und aus ihren Camps vertreiben. Das sind Uniformierte, die sie in Paris gezielt aus dem Strom der Passanten herausgreifen und kontrollieren. Im Fall Darius würden die Roma auch schweigen, weil sie Angst vor weiteren Racheakten hätten, vermutet die Polizei. Nach den Sommerferien will sie früheren Campbewohnern Verdächtige präsentieren. „Ich glaube allerdings kaum, dass das etwas bringt“, sagt ein Ermittler. Beide Seiten hätten keinerlei Interesse, dass die Dinge ans Licht kämen.

Darius hat ausgesagt. Mitte Juli ist er aus dem Koma erwacht. Am 18. August hat er das im 10. Pariser Arrondissement gelegene Lariboisière-Krankenhaus verlassen. Die Behandlung wegen Kalkablagerungen in den Knien, Nervenleiden und Bewusstseinstrübungen werde nun ambulant fortgesetzt, dreimal die Woche, erzählt Julie Launois-Flacelière, die Anwältin des Jungen.

Viel zu berichten hatte Darius nicht. Nach Auskunft der Ärzte hat er schon nach den ersten Schlägen das Bewusstsein verloren. Erinnern konnte er sich offenbar an das, was am Nachmittag geschah. Er habe nichts gestohlen, hat er beteuert. Und dann ist da noch die Kindergärtnerin Houria, die sich zu Wort gemeldet hat. Sie beklagt „eine dreckige Geschichte, eine abscheuliche Abrechnung unter Armen“. Houria zeigt aber auch Verständnis für die Täter. Wer jahrelang sparen müsse, um sich ein Haushaltsgerät kaufen zu können, habe für Diebe wenig Verständnis, sagt sie.

20 000 Roma im Land

Nach der Entlassung aus der Klinik ist Darius nun kein Sonderfall mehr. Er zählt zu den 20 000 im Lande lebenden Roma, die Frankreichs Regierung integrieren will. Als er noch Innenminister war, hatte Manuel Valls im vergangenen Herbst versichert, die Lebensformen der Roma und die der Franzosen seien nicht in Einklang zu bringen. Die Fremden täten gut daran, nach Rumänien oder Bulgarien zurückzukehren. Als Premier zeigt der Sozialist sich nun willens, diejenigen zu integrieren, die er gern losgeworden wäre.

Die Regierung hat Eingliederungspläne verabschiedet, Pilotprojekte gestartet. Wohnraum, Ausbildung und Arbeit für Roma soll es geben. Die bisherige EU-Justizkommissarin Viviane Reding, die Paris hierzu in wenig diplomatischen Worten aufgefordert hatte, zeigt sich zufrieden.

Mit gutem Willen ist es allerdings nicht getan. Wohnraum und Arbeit braucht es auch. Und sie sind knapp. Die Arbeitslosigkeit, die Staatschef François Hollande bis Ende vergangenen Jahres in den Griff bekommen wollte, steigt kontinuierlich. Bei elf Prozent liegt sie. Die Wohnungsnot verschärft sich ebenfalls. Wenn sich dann doch ein Quartier für Roma findet, erweist es sich oft als ungenügend. Darius sollte eine Notunterkunft in einem Hotel bekommen. Doch er will mit seiner Familie zusammenleben, nach dem, was ihm widerfahren ist, erst recht. Und die Familie ist groß, umfasst rund 25 Mitglieder. Gut möglich, dass er und seine Verwandten bald ein neues Lager errichten – auf irgendeiner Brache, die ihnen Niemandsland scheint, von der sie zumindest hoffen, dass niemand sie beanspruchen wird.

Die Justiz würde Darius dann womöglich aus den Augen verlieren. Aber vielleicht kommt es auf seine Aussage auch nicht mehr an. Vielleicht werden seine Peiniger ja gar nicht zur Rechenschaft gezogen.

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