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„Einfach nur Danke sagen“

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Von: Sebastian Borger

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Die Menschen in Großbritannien gedenken der Verstorbenen

Rory Burke aus Leeds nahm am Donnerstag gerade am Esstisch seiner südlich von London lebenden Eltern Platz, als die Todesnachricht eintraf. 16 Stunden später kann es der Personalberater noch immer nicht recht glauben: „Sie war doch immer schon da“, reflektiert der 51-Jährige. „Sie war die Person, die uns Halt gab. Anders als bei Politikern glaubte ich, was sie sagte.“

Wie erst Hunderte, später Zehntausende seiner Landsleute ist Burke an diesem Freitag zum Buckingham Palace gekommen. Er hat Blumen dabei, wie viele andere auch. Er werde ein paar Worte des Gebetes sagen, „für die Queen und für ihre Familie“.

Dass ein Mensch im 97. Jahr in seiner allerletzten Lebensphase steht, war natürlich allen klar. Wider alle Vernunft aber glaubten sie, ihre Queen würde „einfach immer weitermachen“ – so drückt es Charlotte Baker aus. Die 29-Jährige Londonerin ist mit ihrer fünf Monate alten Tochter Matilda zum Palast gekommen. Ihre Eltern leben in Wales, „sonst wären die auch schon da. Stattdessen sind wir beide jetzt die Repräsentantinnen der Familie.“

Gestreikt wird jetzt nicht

Baker war es wichtig zu kommen, so wie sie auch schon bei den Jubiläumsfeiern im Juni vor dem Palast stand. Mit Blick auf ihr Baby sagt sie: „Mir war wichtig, dass sie später sagen kann: ‚Ich war dabei.‘ Eine Queen wird es sehr lang nicht mehr geben.“ Tatsächlich stehen auf Platz eins und zwei der Thronfolge nun die Prinzen William, 40, und George, 9.

Die Postbediensteten haben ihren Warnstreik beendet, die Eisenbahn den ihren für kommende Woche abgesagt. Die BBC hat nicht nur ihr gesamtes Programm auf die Trauerfeierlichkeiten zugeschnitten; das klassische Musikfestival Proms mit der für Samstag geplanten Last Night of the Proms wurde komplett abgesagt. Das Cricket-Spiel England gegen Südafrika an diesem Wochenende fällt ebenso aus wie die Fußballspiele der Premier League.

Und die Menschen strömen weiter zu Tausenden zu den königlichen Palästen, vor allem natürlich Buckingham in London. Sie wollten „einfach nur Danke sagen“, wie Rory Burke glaubt, sie wollten Gemeinschaft erleben und Teil sein eines historischen Ereignisses. Bei den Windsors ist der zugige graue Kasten mit seinen 775 Räumen unbeliebt, seine auf zehn Jahre angelegte Renovierung wird mehrere Hundert Millionen Pfund verschlingen. Für die Bevölkerung bleibt der Palast aber ihr Treffpunkt für wichtige Ereignisse im Leben der Nation.

Also hat sich auch Erika Molnor aus dem Osten Londons aufgemacht, ehe nachmittags ihre Schicht als Kosmetikerin beginnt. Sie ist ganz in Schwarz, „und das wird für die Trauerzeit auch so bleiben“. Lange bevor Molnor vor acht Jahren aus Ungarn nach London kam, hatte sie die Queen schon liebgewonnen: „Sie war eine starke Frau.“ Irgendwie habe sie zur Familie gehört.

Und König Charles III.? Naja, sagt Molnor, „das muss sich erst setzen. Aber es ist die Tradition, und wir werden uns daran gewöhnen.“ Ähnlich nüchtern sehen es auch Cleo und Danny Mace. Das Londoner Paar hatte sich für diesen Freitag ohnehin freigenommen, weil sie endlich mal die im Sommer öffentlich zugänglichen Säle des Buckingham Palace besichtigen wollten. Stattdessen legen sie nun Blumen nieder für die Queen, die sie verehrten. Und mit dem neuen König würden sie schon auch irgendwie zurechtkommen, ist Danny überzeugt: „Der wird das Land so führen, wie wir es wollen.“

Noch will Großbritannien nicht recht in den Kopf, dass der am längsten amtierende Prinz in der englischen Königsgeschichte nun Monarch ist. Im Radio müht sich die Prominenz. „Seine Majestät“, das klinge komisch, sagt der anglikanische Erzbischof Justin Welby und lacht verlegen. Die 90-jährige Historikerin Antonia Fraser plaudert munter über den „Prinzen“, bis der BBC-Moderator sie dezent auf die neue Situation hinweist. „Ach ja, Entschuldigung, das muss ich mir merken.“

Applaus für Charles

Auf Londons Straßen geht es dem Volk nicht anders. „Also, ‚God save the King‘ zu sagen, das wird sicher komisch“, glaubt Rory Burke. Und bald ein neues Gesicht auf allen Banknoten, auf allen Münzen? Sich das vorzustellen, „das ist ein bisschen schwierig im Moment“. Immerhin fühlen alle schon mit Charles: „Für ihn ist das doch auch furchtbar schwer.“

Tatsächlich erhält er warmen Applaus, muss unzählige Hände schütteln, als er am Nachmittag beim Palast eintrifft. Da scheint es doch, dass die Zukunft der Monarchie auf längere Sicht gesichert ist, ganz wie es den Wünschen der Queen entsprach.

Freilich bleiben alle Überlegungen zu Charles an diesem Tag höchstens zweitrangig. Ganz im Mittelpunkt steht die Trauer um die Verstorbene, die Würdigung ihres langen Lebens, die Planung für die auf zehn Tage angelegten Trauerfeierlichkeiten, an deren Ende das erste Staatsbegräbnis seit Winston Churchills Tod 1965 stehen wird. Dann reist auch Rory Burke wieder nach London: „Die Jubiläumsfeiern habe ich mir im Fernsehen angeschaut. Aber diesmal will ich selbst dabei sein.“

Leitartikel Seite 13

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