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Das Wasser stand knietief in der Maschine, aber Sullenberger ging erst von Bord, als alle Menschen den Airbus verlassen hatten.

Chesley Sullenberger

Einer für alle

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Mit der spektakulären Notlandung auf dem Hudson River rettete Chesley Sullenberger vor zehn Jahren mehr als 150 Menschen das Leben. Heute nutzt der "Held vom Hudson" seine ungebrochene Beliebtheit, um den Verfall der politischen Kultur anzuprangern.

Der Rummel um seine Person hatte Chesley Sullenberger nie so richtig behagt. Einmal beschrieb der „Held vom Hudson River“ den Medien-Tsunami, der vor zehn Jahren über ihn hereingebrochen war, als noch traumatischer als jene sensationelle Notlandung, die er am 15. Januar 2009 in New York mit einem Airbus 320 hingelegt hatte. Wer ihn persönlich erlebt hat, merkt sofort: Der stoische Retter von 155 Menschen ist keiner, der das Rampenlicht liebt.

Doch im vergangenen Herbst suchte er von sich aus die Öffentlichkeit. Er sehe es als seine Pflicht an, seine Stimme zu erheben, schrieb er in einem viel beachteten Aufsatz in der „Washington Post“. In der derzeitigen Lage des Landes müsse er seine Beliebtheit einsetzen, um seine tiefsten Überzeugungen zu verteidigen. Kurz vor der Zwischenwahl in den USA konnte es sich der Nationalheld „Sully“, der inzwischen seinen Ruhestand in Kalifornien verbringt, einfach nicht verkneifen, seiner Sorge um die Nation Ausdruck zu verleihen. Ohne Namen zu nennen beklagte er den Verfall der politischen Kultur und die Korruptheit der Führung in Washington. „Die Leute in Machtpositionen handeln heute gegen die Interessen der USA, unserer Verbündeten und der Demokratie – und sie gefährden die Bewohnbarkeit unseres Planeten. Dies ist nicht das Amerika, das ich kenne und liebe.“

Sullenbergers Wort hat Gewicht

„Sullys“ Wort hatte Gewicht. Und das nicht nur, weil er von allen Amerikanern verehrt wird – ganz gleich ob Demokraten, Republikaner, Grüne oder Linke. Seine Kritik an den Mächtigen in Washington – vom Präsidenten bis hin zu den Kongressabgeordneten, die sich vor ihm wegducken – wiegt umso schwerer, weil Sully sich als durch und durch konservativ bezeichnet. Nichts an dem heldenhaften Piloten des US-Airways-Flugs 1549 ist auch nur im Ansatz links oder progressiv.

Chesley Sullenberger wuchs als Sohn eines Zahnarztes auf dem Land in Texas auf, sein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg gedient. Als eine seiner schönsten Kindheitserinnerungen bezeichnet Sully, wie er seinem Vater dabei geholfen hatte, das Familienheim in der 10.000-Seelen-Gemeinde Denison zu bauen. Und auch die Familienausflüge nach Dallas, wo es nach dem Kinobesuch in einem mexikanischen Restaurant Tacos gab. Sein Vater, so schreibt  Sullenberger in seiner Autobiografie, habe ihm beigebracht, dass die Familie über allem stehe. Und dass Disziplin und Anstand einen hohen Wert haben.

So war es kein Wunder, dass Chesley Sullenberger nach seiner College-Ausbildung zum Militär ging. Ausgerechnet im Jahr 1969, als viele seiner Kommilitonen auf die Straße gingen, um gegen den US-amerikanischen Einsatz in Vietnam zu protestieren, meldete Sullenberger sich freiwillig zur Luftwaffe. Natürlich wollte Sullenberger, der schon mit 16 in Propellermaschinen über Texas seine Runden gedreht hatte, vor allem fliegen. Doch er war auch „voll darauf vorbereitet, mein Leben für das Vaterland“ zu riskieren.

Dazu kam es nie, denn Sully wurde wegen seines außergewöhnlichen Fliegertalents schon bald als Ausbilder eingesetzt. Doch die Frage, wie er sich wohl in der Schlacht geschlagen hätte, beschäftigte ihn lange. Und es sollte 40 Jahre dauern, bis für Chesley Sullenberger der Tag gekommen war, an dem er sich zu bewähren hatte. 

15. Januar 2009 - Notlandung auf dem Hudson River

Der 15. Januar 2009 begann für Sullenberger wie ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Kurz nach 13 Uhr meldete er sich am Flughafen „La Guardia“ im New Yorker Stadtteil Queens zum Dienst, um einen Airbus zu übernehmen, den er über Charlotte in North Carolina nach Seattle bringen sollte. Nach 30 Dienstjahren und knapp 20.000 Flugstunden eine reine Routineangelegenheit.

Sully holte sich am Kiosk im Terminal 2 noch ein Sandwich – sein tägliches Ritual, nachdem die Fluggesellschaft die Mahlzeiten für das Flugpersonal gestrichen hatte. Dann ging er an Bord, begrüßte seinen Co-Piloten Jeff Skiles, den er erst zu Beginn der viertägigen Tour jener Woche kennengelernt hatte und machte die Maschine startklar. Um 15.24 Uhr bekam er aus dem Tower die Meldung: „Ready for Takeoff“.

Zwei Minuten später schwebte der Airbus an einem glasklaren Wintertag über Manhattan. „Was für ein Ausblick“, raunte Sullenberger seinem Co-Piloten zu. Auch nach beinahe 50 Jahren in der Luft erfülte   Sully die Faszination des Fliegens immer noch mit Staunen.

Keine 30 Sekunden später sind auf der Tonaufzeichnung aus dem Cockpit jene dumpfen Einschläge zu hören, die dem Flug UA 1549 beinahe zum Verhängnis geworden wären. Sieben Sekunden lang hört man, wie die Körper eines Schwarms kanadischer Gänse gegen das Cockpit prallen. Dann hört man Sullenberger lakonisch das Wort „Birds“ ins Bordmikrofon sprechen. Skiles antwortet nicht minder lässig mit „Wow“.

Die Aufzeichnung der folgenden drei Minuten sind das Protokoll einer fast schon unheimlich anmutenden Kaltschnäuzigkeit und Professionalität. Mit Klarheit und Gelassenheit traf Sullenberger Entscheidungen von potenziell katastrophalen Ausmaßen und tat, was getan werden musste, um die Maschine, ihre Insassen und die Bevölkerung der am dichtesten besiedelsten Region der USA zu schützen. 

Um 15.27 Uhr und 21 Sekunden sagt Sully seinem Co-Piloten nüchtern: „My airplane“. Skiles bestätigt: „Your airplane“. Und überlässt Sully das Ruder. Der wiederum versucht sogleich, die beiden ausgefallenen Motoren zu starten. 

Um 15.27 Uhr und 46 Sekunden dann die Meldung an seinen Co-Piloten: „Two two zero“ und der Notruf an den Tower: „Beide Motoren ausgefallen, müssen zurück nach La Guardia.“

Doch keine 20 Sekunden später hat Sullenberger die Lage überdacht, Flug- und Sinkgeschwindigkeit kalkuliert und gibt dem Tower durch: „Sieht so aus, als würden wir im Hudson landen.“ Auf das Angebot des Fluglotsen in La Guardia, auf den Flughafen von Teterboro auf der anderen Seite des Hudson in New Jersey auszuweichen, erwidert Sully nur knapp: „Schaffen wir nicht.“

Dann wird es gespenstisch ruhig im Cockpit, die Luft scheint vor Anspannung zu knistern. Sully fragt Skiles nur kurz, ob er noch irgendeine gute Idee hat. Skiles muss verneinen. 

Während der Kapitän die Vorbereitungen trifft, um den Flieger, der pro Minute 300 Meter an Höhe verliert, auf das Eiswasser des Hudson segeln zu lassen, hört man nur noch technische Anweisungen: 

15.29 Uhr und 55 Sekunden: „Hochziehen, hochziehen, hochziehen.“ 
15.30 Uhr und 1 Sekunde: „Klappen ausgefahren.“ 
15.30 Uhr und 3 Sekunden: „250 Fuß Höhe.“ 
15.30 Uhr und 6 Sekunden: „Zu niedrig, 170 Knoten.“ 
15.30 Uhr und 23 Sekunden: „Achtung Boden.“ 
15.30 Uhr und 38 Sekunden: „Wir schlagen auf.“ 
15.30 Uhr und 41 Sekunden: „30 Fuß.“

Dann: Stille.

Spaziergänger am Manhattaner Westufer filmen derweil per Handy, wie der Flieger um 15.31 Uhr beinahe sanft auf dem Rumpf über die eisige Wasseroberfläche gleitet. In der Passagierkabine bricht ein Freudengeheul aus, 155 Menschen feiern ihr Überleben. Doch Sully ist noch lange nicht fertig.

Es gibt kein High Five und keinen Jubel im Cockpit, der Job des Captains ist erst vorbei, wenn alle gerettet sind. Sullenberger kommandiert das Personal, die Menschen geordnet von Bord zu geleiten. Als das frostige Wasser schon hüfttief im Flugzeug steht watet er noch zwei Mal durch die Maschine, um sicher zu gehen, dass niemand mehr da ist. Erst dann springt auch er auf eine der Rutschen, an denen bereits Flussfähren angelegt haben, gesteuert von tatkräftigen Schiffskapitänen, die ihr Personal anweisen, die Menschen in Sicherheit zu bringen.

Sullenberger wird binnen Minuten berühmt 

Im gut vernetzten Manhattan dauert es nur Minuten, bis Sully berühmt ist. Schon als das erste Rettungsschiff anlegt, sind Kamerateams vor Ort, der Bürgermeister und der Gouverneur wollen ihn sprechen. Am Abend kennt das ganze Land den Namen Chesley Sullenberger. In den nächsten Wochen wird er von jedem umgarnt, zieht von Talkshow zu Talkshow. Der noch amtierende Präsident Bush ruft ihn an, der frisch gewählte neue Präsident Obama lädt ihn samt seiner Crew zur Amtseinführung in Washington ein.

Sully ist der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt für Amerika. Mehr als einmal hört man damals, das „Wunder vom Hudson“ sei die erste gute Nachricht seit Langem. Das Land steckt noch immer tief in einer Wirtschaftskrise und hat einen langen erbitterten Wahlkampf hinter sich, der die Nation zerrissen hat. Sully hat das alles für einen kurzen Augenblick vergessen lassen und das Land vereint.

Seitdem steht Chesley Sullenberger für alles, was man in Amerika zunehmend vermisst: Pflichtgefühl, Integrität, Selbstlosigkeit. Und die Art und Weise, wie er seinen Ruhm einsetzt, zementiert diesen Stellenwert.

Immer wieder versucht er, bei allen Ehrungen von sich selbst abzulenken und betont, die Rettung auf dem Hudson sei Teamarbeit gewesen. Und wenn er an die Öffentlichkeit geht, dann tut er das, um sich für Dinge stark zu machen, an die er glaubt.

So tritt Sullenberger nur Monate nach seiner Heldentat vor dem Kongress auf, um sich gegen die schlechte Bezahlung des Fluglinien-Personals auszusprechen. Die Krise der Branche nach dem 11. September 2001, die Dumpingpreis-Politik und kühl kalkulierte Fusionen haben dazu geführt, dass selbst Piloten kaum mehr von ihrem Einkommen leben können. Sully selbst hat bei einer Fluglinien-Pleite zwei Drittel seiner Pension verloren und musste noch vor dem Wunder auf dem Hudson nebenbei eine Beratungsfirma für Flugsicherheit betreiben. Sein Co-Kapitän Jeff Skiles betrieb nebenbei eine Baufirma.

Sullenberger ist selbst für Trump unantastbar

Für das mutige Eintreten wird Sully vom linken Filmemacher Michael Moore mit einem Auftritt in dessen Film „Capitalism – A Love Story“ gewürdigt. Aber auch der erzkonservative Filmemacher und Trump-Anhänger Clint Eastwood macht sich an Sully ran. In Eastwoods Epos „Sully“ von 2016 verkörpert der Held vom Hudson den hemdsärmeligen, uramerikanischen Mann der Tat, der sich gegen engstirnige Bürokraten durchsetzen muss. Im Zentrum des Films steht die Nachuntersuchung der Wasserlandung, in deren Verlauf die Flugsicherheitsbehörde versuchen will, Sullenberger nachzuweisen, dass er bei der Wasserlandung Notprotokolle verletzt hat. Die Maschine, so die Unterstellung, hätte gerettet werden können.

So ist Sully seit zehn Jahren ein Held für alle, gleich welcher Gesinnung. Sullenberger verkörpert für ganz Amerika eine Sehnsucht nach einer Zeit und einem Ethos, das zunehmend verloren geht – eine Zeit, in der gemeinsame Werte und Anstand zählten und wichtiger waren als Ideologie und Selbstsucht. 

Ganz unberührt von dieser Sehnsucht scheint nicht einmal Donald Trump zu sein. Entgegen seiner Gewohnheit, Kritiker lärmend in den Boden zu stampfen, ist er angesichts von Sullys Editorial stumm geblieben. Der Held vom Hudson scheint unantastbar. Selbst für einen wie Trump. 

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