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Terence Stamp   gehört neben Michael Caine und John Hurt zu den führenden englischen Schauspielern seiner Generation. Zuletzt war er  in  dem von Tom Cruise  produzierten Stauffenberg-Film "Operation Walküre"  zu sehen.
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Terence Stamp gehört neben Michael Caine und John Hurt zu den führenden englischen Schauspielern seiner Generation. Zuletzt war er in dem von Tom Cruise produzierten Stauffenberg-Film "Operation Walküre" zu sehen.

Schauspieler Terence Stamp im Interview

"Es war eine wilde Zeit"

Terence Stamp ist ein Exzentriker und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ein Gespräch über egomanische Regisseure wie George Lucas, Drogen-Partys mit Michael Caine und sündhaft teure Geishas.

Mr. Stamp, provokativ gesagt, ist trotz Ihrer spektakulären Karriere Ihr berühmtester Film der, in dem Sie gar nicht mitgewirkt haben.

Interessant, welchen meinen Sie?

Den Science-Fiction-Klassiker "Fahrenheit 451" von Truffaut. Stimmt es, dass Sie zuerst Oskar Werners Part des Bücher verbrennenden Feuerwehrmannes Montag spielen sollten?

Oh ja, das ist richtig. Zuerst sollte Oskar Werner den später von Cyril Cusack verkörperten Captain Beatty spielen und ich den Montag. Doch Truffaut und ich wurden uns nicht einig. Es scheiterte schließlich auch an meiner Gagenforderung.

Bedauern Sie das heute?

Nein, ich mochte "Fahrenheit 451" nicht besonders, aber ich liebe Oskar Werner! Truffaut arbeitete vorher mit ihm bei "Jules und Jim", und da ist Oskar fantastisch. Auch in "Das Narrenschiff". Er ist für mich der Montgomery Clift von Deutschland, Pardon Österreich. Am Ende der Dreharbeiten hat auch er sich mit Truffaut überworfen - aus künstlerischen Gründen. Oskar waren die Szenen mit der Bücherverbrennung zu geschmäcklerisch inszeniert. Und damit hatte er Recht.

Bei Ihrem jüngsten Kinofilm, dem Stauffenberg-Drama "Operation Walküre", verhält es sich umgekehrt: Ihre Rolle des Generals Ludwig Beck, einer der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, sollte zuerst mit Armin Mueller-Stahl besetzt werden.

Das kann schon sein. Ich nehme stark an, dass zunächst ein anderer Darsteller vorgesehen war, weil mir der Part erst zehn Tage vor Drehbeginn offeriert wurde. Vielleicht war vorher jemand rausgeschmissen worden. Ob das Mueller-Stahl war, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

Das Leben Becks endete besonders dramatisch. Er wollte sich selbst erschießen, was ihm aber in zwei Versuchen nicht gelang. Schwer verletzt, wie er war, wurde er dann von einem jungen Soldaten erschossen. Diese Szene ist so aber nicht in Bryan Singers Film zu sehen. Hier stirbt Beck an der ersten Kugel, die er sich selbst in den Kopf schießt.

Wir drehten dies so wie von Ihnen beschrieben, aber wie Sie wissen, haben Regisseure immer den besten Geschmack, so auch Bryan Singer. Ich dachte, ich hätte es sehr gut gemacht. Ich hatte zwei Selbstmordszenen, er machte eine daraus.

Passierte so etwas häufiger in Ihrer Laufbahn?

Zum Glück nicht.

Wie reagieren Sie darauf, wenn Szenen, die im Drehbuch stehen, plötzlich dem Schnitt zum Opfer fallen?

Ich bin wirklich im höchsten Maße angepisst - das können Sie ruhig so schreiben -, wenn solche Takes nicht genommen werden. Das zeigt doch, dass der Regisseur und ich nicht auf der gleichen Wellenlänge funken. Sehen Sie, als Filmschauspieler versuche ich, mich mit hoher Emotionalität für solch besondere Szenen zu motivieren. Als Singer das herausschnitt, war es für mich also kein lustiges Gefühl.

Sie haben mit zahlreichen berühmten Regisseuren gearbeitet. Mit wem funkten Sie immer auf einer Wellenlänge?

Wenn ich mit Fellini, Wyler oder Soderbergh arbeitete, war diese Wellenlänge sofort da. Vor allem bei Soderberghs "The Limey", in dem meine Szenen von der Kamera wie in einer einzigen riesigen Einstellung eingefangen wurden. Grundsätzlich ist die Kamera mein Mädchen. Und bei Soderbergh hatte ich mein Mädchen und den Regisseur - und dann kommt schauspielerisch alles aus mir heraus. Das war das Ultimative für mich!

Bryan Singer ist ein Regisseur der jüngeren Generation ?Mit diesen jüngeren Regisseuren wie Singer verhält es sich so: Die sitzen mehr am Video-Monitor als vor der Kamera. Ich vermute, dass die deswegen die Szenen nicht wirklich mitbekommen, geschweige denn erfühlen - so wie das Regisseure von früher getan haben. Leute wie Wyler oder Fellini arbeiteten noch direkt unter der Kamera.

Sind Sie ein Schauspieler, der sich nur schwer unterordnen kann?

Nein, ich sage nur meine Meinung. Die Sache ist die: Die besten Regisseure und auch die besten Schauspieler ordnen ihr Ego dem Film unter. Schauen Sie, Fellini schrie in der Edgar-Allan-Poe-Adaption "Toby Dammit" einen Kollegen, dem eine Szene nicht gelungen war, an: "Judas! Judas!" Fellini dachte nicht, dass er Jesus sei. Er dachte: Der Film ist Jesus! So denke ich auch. In "Operation Walküre" drehte ich nur einige Takes, die sehr speziell sind, und davon wurden nur die wenigsten benutzt...

Welche Ihrer Szenen haben noch in "Operation Walküre" gefehlt?

Ich hatte einen wunderbaren Take, in dem ich nach dem gescheiterten Putsch die uns festsetzenden strammen Nazis nach einer Pistole frage. Ich hatte die Zeile: "Ich möchte sie aus persönlichen Gründen." In einem zweiten Take spielte ich dies etwas ironisch, nicht mit einem breiten Lächeln, sondern mit nur angedeutetem Humor. Singer nahm den Take nicht - aus rein persönlichen Gründen. Das meine ich mit Ego.

Das Publikum kann einen Film nicht nach den herausgeschnittenen Szenen beurteilen, weil es sie nun mal nicht kennt. Beeinflussen diese Szenen denn Ihr Urteil?

Die Wahrheit, bezogen auf "Operation Walküre", ist: Singer machte trotzdem einen guten Film. Und ein guter Film schmeichelt meinem Ego.

In Deutschland werden Stauffenberg und seine Weggefährten als Helden verehrt. War Ihnen das beim Drehen bewusst?

Oh ja. Es war uns ja gerade auch wichtig, jüngeren Generationen deutlich zu machen, dass nicht alle Deutschen Hitler zustimmten. In Großbritannien ist das Hitler-Attentat zwar bekannt, doch im Laufe der Zeit verlor man das Interesse daran. Als ich das Skript las, war es ein triftiger Anlass, mich mit dieser Thematik wieder auseinanderzusetzen. Dieses Klischee, dass alle Deutschen Nazis gewesen seien, sollte auch in England endlich der Vergangenheit angehören.

Manche deutschen Kritiker monierten schon allein, dass ausgerechnet Tom Cruise Stauffenberg spielte. Haben Sie dazu auch eine Meinung?

Drehen wir mal den Spieß um: Wenn Bruce Willis Churchill spielen würde, wäre auch im angelsächsischen Raum das Entsetzen groß. Mit dem US-Amerikaner Orson Welles als Churchill wäre man hingegen glücklich gewesen. Das ist der Unterschied. Alec Guinness hat Hitler mal sehr eindringlich verkörpert. Die Vorwürfe, die Tom Cruise in der Rolle des Stauffenberg betreffen, finde ich sehr ungerecht. Er ist nicht der junge Laurence Olivier, nicht der junge Marlon Brando, sondern der unglaublich kommerzielle "Mission Impossible"-Star. Doch er ist trotzdem auch ein wunderbarer Schauspieler. Niemand nahm die Sache ernster als er. Die enormen Probleme, die er mit der Produktion hatte, ließ er am Set außen vor. Er war der Anführer unserer verschworenen Schauspieler-Truppe. Manchmal kam es mir so vor, als wären wir Popstars wie die Beatles, die jetzt solch einen Film auf seriöse Art drehen würden. Zehn Jahre wurde an dem Projekt gearbeitet. Ich verstehe hier einen Großteil der deutschen Medien nicht. Es ist doch ein Kompliment, dass diese Geschichte außerhalb von Deutschland filmisch erzählt wird. Ich weiß, dass es sehr gute deutsche und österreichische Filme zu dieser Thematik gibt: "Der 20. Juli" oder "Der letzte Akt" beispielsweise. Doch in Korea wollen die Leute eben lieber Tom Cruise sehen. Warum nicht auch als Stauffenberg?

Kommen wir noch mal zu Ihrer Karriere zurück. Sie spielten 1999 auch bei "Star Wars" mit. Warum steht auf Ihrer Webseite ausdrücklich: "Keine Star-Wars-Autogramm-Anfragen bitte!"?

Ich hatte für den Film nur zwei Drehtage und bekam dennoch kurze Zeit später Hunderte von Autogramm-Anfragen! Ich konnte sie aber nicht beantworten.

Weil es Sie genervt hat?

Nein, das hat einen geschäftlichen Hintergrund: Bei George Lucas verhält es sich in finanziellen Dingen wie bei Dagobert Duck. Es ist nicht mal erlaubt, ein Foto während der Dreharbeiten zu schießen, weil er alles kontrollieren will, weil alles von ihm verkauft wird: Ob es nun die kleinen Spielzeugfiguren sind oder eben Fotografien.

Sie sind kein Fan von Lucas.

George Lucas ist wie ein Kind. Filmsets sind sein Spielzeug. "Star Wars" ist erfolgreich und sein Ausdruck vom Filmemachen, aber es ist eben nicht meine Art von Kino. Man agierte ja in "Star Wars: Episode 1 - Die dunkle Bedrohung" kaum mit Menschen. Alles wurde am Computer nachbearbeitet - schrecklich!

Warum haben Sie mitgespielt?

Ich tat es nur wegen meiner leeren Geldbörse. Ansonsten kümmert mich das "Star Wars"-Universum herzlich wenig. Mich interessiert der wirkliche Kosmos.

Mr. Stamp, Sie wurden bald nach Beginn Ihrer Karriere in den 60er Jahren zu einem "der" Filmgesichter der Swinging Sixties. In den Jahrzehnten danach haben Sie sich immer wieder für geraume Zeit aus dem Geschäft zurückgezogen, einmal zum Beispiel für längere Zeit nach Indien, einmal nach Japan. Warum?

Fernöstliche Kultur hat mich schon immer fasziniert. Und dann war da noch was anderes: Ich lebte damals in Japan als junger Mann mit einer Geisha zusammen. Sie war wunderschön, doch es war ein kostspieliges Vergnügen. Ende jeden Monats kam in japanischer Kalligrafie eine Rechnung mit einer Endsumme in Dollar, die höher war, als Sie sich vorstellen können. Doch sie war jeden Cent wert und bereitete mir den Himmel auf Erden! Als mir das Geld ausgegangen war, war sie leider nicht mehr länger interessiert an mir.

Es stimmt also, dass Sie ein recht ausschweifendes Leben geführt haben. War Ihr berühmter Kollege Michael Caine, mit dem Sie in den Swinging Sixties auch eine Zeitlang zusammen gewohnt haben, auch so ein Draufgänger?

Ich habe meine Memoiren in drei Teilen veröffentlicht, und im zweiten Teil beschreibe ich, wie sich die Wege von Michael und mir kreuzten. Der dritte Teil ist eine Chronik der 60er Jahre und unseres gemeinsamen Abenteuers. Der gute Michael ist nicht erfreut, dass er so oft in den Büchern auftaucht. Er wollte nicht, dass die Leute lesen, was wir alles angestellt haben. In seiner Autobiografie hat er mich zur Strafe nur kurz erwähnt.

Was haben Sie denn angestellt?

Ach, es war eine wilde Zeit im Swinging London: wüste Partys mit Mädchen und so. Alles war im Aufbruch und sehr frei. Die Hüllen fielen schnell, man experimentierte mit Drogen - und wir kamen uns auch noch kreativ dabei vor. Mit dabei war Julie Christie, mit der ich zwar nicht "Fahrenheit 451", aber "Die Herrin von Thornhill" drehte. Sie war noch sexy, als sie uns Jungs unter den Tisch trank. Eine Zeitlang war sie "Die Herrin von Stamp". Allerdings kam in dieser Zeit künstlerisch auch einiges Hervorragendes zustande: jede Woche ein neues Meisterwerk, ob es von den Beatles, John Schlesinger oder Stanley Kubrick kam.

War Caine in dieser Zeit Ihr bester Freund?

Er war einer meiner besten Freunde; der beste war der künstlerisch sehr versierte James Woolf. Ich arbeitete leider nur einmal mit ihm zusammen. Zu Anfang meiner Karriere produzierte er 1962 Peter Glennvilles "Spiel mit dem Schicksal". Hier durfte ich mit Größen wie Laurence Olivier und Simone Signoret agieren. Der passionierte Bridge-Spieler Jimmy Woolf war für uns eine Art Guru, ein trauriges Genie, dessen Produktionen immer hohes Niveau hatten. Er starb 1966 - viel zu früh.

Vier Jahre zuvor waren Sie erstmals auf der Leinwand zu sehen gewesen - in Peter Ustinovs Verfilmung der Herman-Melville-Novelle "Billy Budd": Welchen Stellenwert hat "Die Verdammten der Meere" heute am Tag vor Ihrem 70. Geburtstag für Sie?

Ich bin jetzt 50 Jahre beim Film, also erlaube ich mir, aus jedem Jahrzehnt einen für mich besonderen Film heraus zu picken. "Die Verdammten der Meere" ist ein solcher Film. Ich kann ihn der jungen Generation nur ans Herz legen.

Was bedeutet Ihnen der Film persönlich?

Ich spielte als völlig Unbekannter die Hauptrolle, einen herzensguten und an Gerechtigkeit glaubenden Jungmatrosen, der, wenn er aufgeregt ist, stottert und im Affekt seinen ihn quälenden Vorgesetzten tötet. Meine Haare wurden blond gefärbt, weil ich wie ein Friedensengel aussehen sollte. Ein Friedensengel, der zum Galgen geführt wird. Was soll ich sagen? Durch diesen Film wandelte ich mich vom Lausebengel zu einem hart arbeitenden und für den Oscar nominierten Filmschauspieler. Der Film trug mich auf die goldene Straße des Kinos.

Wo Sie vorhin schon unverblümt von Ihren Beziehungen zu großen Regisseuren erzählt haben: Welche Rolle nimmt Peter Ustinov in Ihrer Bilanz ein?

Ustinov war nicht nur in der Rolle des freundlichen, aber pflichtversessenen Kapitäns, der Billy Budds Todesurteil mitzuverantworten hat, genial, sondern auch als umsichtiger Regisseur. Ich kann nur in den höchsten Tönen von ihm sprechen. Ihm habe ich fast alles zu verdanken.Interview: Marc Hairapetian

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