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Stiller Protestmarsch 2017 in Johannesburg: Heute werden deutlich mehr Vergewaltigungen in Südafrika angezeigt.

Südafrika

Eine südafrikanische Heldin

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Ganz Südafrika blickt auf eine Frau: Vor laufenden Kameras berichtet Cheryl Zondi, wie sie missbraucht wurde. Damit bringt sie nicht nur ihren Vergewaltiger vor Gericht ? sondern macht vielen Opfern Mut.

Sein Name hat es nur noch schlimmer gemacht. Peter Daubermann heißt der Anwalt, der jetzt zu Südafrikas Buhmann wurde: Daubermann wie Dobermann – jene Rasse besonders hartnäckiger Hunde, denen man unter keinen Umständen in die Fänge geraten sollte. Südafrikas Star-Karikaturist Zapiro hat Peter Daubermann bereits als Hund gezeichnet: Lange Schnauze, scharfe Zähne, fieses Grinsen.

Eine lange Kette an Missbrauchsfällen

In seinem Visier: Eine 22-jährige Frau, die derzeit im Zeugenstand des Landesgerichts der Hafenstadt Port Elizabeth sitzt – die erste Frau am Kap der Guten Hoffnung, die vor laufenden Kameras über ihre Vergewaltigung aussagt. Genau genommen handelt es sich um keinen einzelnen Vorfall, sondern um eine lange Kette an Missbrauchsfällen: Über mehrere Jahre hinweg soll sich Timothy Omotoso über das zunächst 14-jährige Mädchen hergemacht haben. „Habe Erbarmen mit mir, mein Gott“, habe er nach vollbrachter Untat regelmäßig ausgerufen, so Cheryl Zondi.

Auch Omotoso sitzt im Saal des Landgerichts: Jeden Tag in immer ausgefallenerer Kleidung. Mal in weißem Hemd mit riesigem Rüschenkragen, mal in grün schillernder Uniformjacke mit goldenen Brokat-Details – wie ein Mitglied von Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band.
Timothy Omotoso ist aber kein Beatle, sondern Gründer einer südafrikanischen Kirche, der „Jesus Dominion International Church“. Die fast ausschließlich von Frauen frequentierte Glaubensgemeinschaft hat der 60-jährige Nigerianer nicht etwa gegründet, um seine Schäflein dem Allmächtigen, sondern sich selbst zuzuführen: Zuweilen scharte er in seinem Haus in Umhlanga bei Durban bis zu 50 Mädchen um sich.

Für den stetigen Nachschub an Novizinnen sorgten zwei Südafrikanerinnen, die jetzt neben Omotoso auf der Anklagebank sitzen: Das Trio muss sich für insgesamt 97 Anklagepunkte verantworten – neben Vergewaltigung auch für sexuelle Ausnutzung, für Menschenhandel, für organisiertes Verbrechen und Betrug.

Sie will ein Exempel statuieren

Als Omotosos Treiben langsam an die Öffentlichkeit kam, versuchte der Prediger im April des Vorjahres außer Landes zu fliehen, wurde aber in letzter Minute auf dem Flughafen von Port Elizabeth verhaftet. Seitdem baute die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen den Prediger auf – gestützt vor allem auf Aussagen von Cheryl Zondi. Sie ließ sich nicht davon abbringen, vor laufenden Kameras in den Zeugenstand zu treten: Sie wolle ein Exempel statuieren, sagt die Studentin.

Auftritt von Peter Daubermann, einem bislang unbekannten Strafverteidiger weißer Hautfarbe, den Omotoso mit seinem Fall beauftragt hatte. Man muss dem Anwalt wohl zugute halten, dass das südafrikanische Rechtswesen ein raues ist: Sowohl Anklage wie Verteidigung pflegen die gegnerischen Zeugen in gnadenlose Kreuzverhöre zu verwickeln. Dass Daubermann Cheryl Zondi als Lügnerin bezeichnete, weil sie – 14-jährig – den Tätlichkeiten Omotomos offensichtlich gar nicht abgeneigt gewesen sei, kann man womöglich noch der Berufspflicht des Verteidigers zuschreiben. „Warum haben Sie nicht geschrien oder es gleich ihrer Mutter erzählt?“, fragte Daubermann. Doch seine Frage, wie weit der Kirchengründer denn in sie eingedrungen sei, ging selbst dem Richter zu weit.

„Shitstorm“ in den sozialen Netzwerken 

Der südafrikanischen Öffentlichkeit allemal. Mit dem Daubermannschen Kreuzverhör brach ein „Shitstorm“ in den sozialen Netzwerken aus: „Der ist genau so ein Monster wie sein Mandant“, erregte sich „Malaka“ auf Twitter. Die „würdelose Erniedrigung“ eines Vergewaltigungsopfers, wie sie in Südafrika leider gang und gäbe sei, twitterte eine Journalistin. Vor dem Gerichtsgebäude bewarf eine aufgebrachte Menge Daubermann mit Wasserbomben.

Unterdessen wurde Cheryl Zondi, die auch die unverschämtesten Fragen Daubermanns ruhig und souverän zu beantworten wusste, über Nacht zu einer südafrikanischen Heldin. „Wir salutieren Cheryl“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. „Wir hoffen, dass sich nun auch andere Vergewaltigungsopfer trauen, auszusagen.“ Auf diese Weise hätte Daubermann den Südafrikanern doch noch einen Gefallen getan: Am Kap der Guten Hoffnung werden täglich rund 100 Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht, die Dunkelziffer ist noch wesentlich höher.

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