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Das berühmte Hollywood-Schild: Wie keine andere Stadt steht L.A. für das Filmbusiness.

Los Angeles

Eine Stadt wie im Film

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Eine Reise nach Los Angeles und Long Beach ist wie ein Trip zu einem gigantischen Drehort. Ein Besuch in zwei Städten, die längst selbst zu Schauspielerinnen geworden sind.

Schon wieder ein Toter. Blutüberströmt liegt der attraktive Reitlehrer auf dem Deck einer Privatyacht. Die Sonne brennt, alles ist in gelbes Licht getaucht. Ein großer, blasser Mann mit orangefarbenen Haaren nähert sich der Leiche, zieht die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und sagt: „Sieht so aus, als hätten wir hier zu tun.“

Der Mann mit den orangenen Haaren ist David Caruso alias Horatio Caine aus der weltbekannten Krimiserie „CSI: Miami“. Nur, dass er gerade nicht in Miami ist. Sondern in Long Beach, einer Stadt mit knapp einer halben Millionen Einwohner, wenige Kilometer östlich von Los Angeles, an der Westküste der USA. Also sehr weit weg vom echten Miami.

Tote auf Yachten sind in Long Beach genauso normal wie explodierende Tanklastzüge, Autoverfolgungsjagden oder Menschen, die von Hochhäusern springen. Die Stadt mit dem malerischen Hafen ist so etwas wie eine riesige Filmkulisse. Beinahe an jeder Straßenecke, in zahlreichen Bars, in einer riesigen Kuppel und auf dem dort verankerten Hotelschiff Queen Mary werden unzählige Szenen für die großen Hollywood-Blockbuster und TV-Serien gedreht.

Für die Produktionsteams ist Long Beach geradezu ideal. Es liegt nur wenige Kilometer von Los Angeles entfernt, wo die großen Filmstudios und Schauspieler zu Hause sind und Drehgenehmigungen sind dort vergleichsweise günstig. So ist Long Beach selbst zu einer Art Hollywood-Schauspielerin geworden. Mal tut sie so, als sei sie Miami oder L.A., am nächsten Tag mimt sie New York oder Shanghai. Keinem fällt’s auf.

Schon Pamela Anderson turnte regelmäßig für Baywatch im roten Badeanzug über den Ocean Boulevard, Robert DeNiro und Al Pacino drehten für Heat im St. Mary Medical Center in der Innenstadt und Keanu Reeves bretterte in Speed über den Shoreline Drive. Kein Action-Fan, der nicht die Szene aus Terminator II kennt, in der ein Tanklastzug quer über die Straße in eine Metall-Fabrik rutscht. Am Ende gibt es eine gigantische Explosion – sie wurde auf dem Los Angeles-Long Beach Terminal Island Freeway gedreht. Manchmal wird sogar so viel zeitgleich inszeniert, dass es schon mal eng wird in Long Beach. Auf der Queensway Bridge kamen sich einmal der Iron Man und extraterrestrische Roboter in den Weg. So geschehen 2007 als Robert Downey Jr. im Superheldenkostüm Shia LaBeouf und Megan Fox in Transformers bei der Arbeit störte. Explosionen, Autoverfolgungsjagden, Schießereien inklusive – alles Alltag im sonst im Vergleich zu L.A. eher beschaulichen Long Beach. Unter der riesigen Kuppel des Queen Mary Dome, einem Kongresscenter direkt am Hafen, steuerte Johnny Depp seine Black Pearl für die Fluch der Karibik-Reihe. In der Nähe wurde auch für Titanic und Pearl Harbour gedreht. Über die Hafenpromenade schlenderte gar einst Charlie Chaplin für seinen Film Modern Times. Jerry Maguire, American Pie, Alien – alle in Long Beach gefilmt.

Eine der berühmtesten Bars der Stadt ist das Joe Jost’s im Stadtteil Anaheim. Dunkles Holz, bierbäuchige Männer auf Barhockern, die sich an riesigen Bierpokalen festhalten. Auf einem der Fernseher hinter der Bar läuft Baseball, auf einem andern Football. Wer dort einen Eistee bestellt, wird ziemlich schief angesehen. Nur ein kleines vergilbtes Foto zwischen vielen, über einer der Sitzecken geklebt, verrät, was an dieser typisch amerikanischen Kneipe besonders ist: Es zeigt Kevin Costner und Whitney Houston, wie sie sich in eben dieser Sitzecke gegenübersitzen und tief in die Augen sehen. Hier wurden die Ausgehszenen für den 90er Jahre Blockbuster Bodyguard gedreht. Im Raum nebenan, an dessen abgewetzten grünen Wänden heute Kalenderseiten mit nackten Frauen hängen, tanzten einst die Superstars eng umschlungen zwischen maroden Billardtischen. Die alte Musicbox im Film spielte „I Will Always Love You“ gesungen von John Doe. Die Musicbox, die heute im Joe Jost’s steht, ist eine kreischend moderne mit digitaler Anzeige. Natürlich spielt auch sie den Megahit, in der Version von Whitney Houston. Der Barkeeper kann da nur lächeln. „Jeder drückt hier auf dieses Lied.“

Wo Farrah Fawcetts blonde Mähne im Wind weht, ist der Rest von Charlie’s Angels nicht weit. Zumindest war das in den 70ern so als viele Szenen für die TV-Serie auf der Queen Mary gedreht wurden. Das riesige Kreuzfahrtschiff, das zum ersten Mal 1936 in See stach, liegt seit 1967 am Hafen von Long Beach vor Anker. Damals kaufte die Stadt den Ozeanriesen und machte ein Hotel daraus. Seitdem kann man in den Zimmern und Suiten schlafen oder sich bei Gruselführungen durch die schmalen Gänge – die gefühlt in jedem Steven King-Film zu sehen waren – geleiten lassen.

Stolz öffnet Commodore Everette Hoard die Tür zur ehemaligen Kapitänskabine. „Das ist der Ort, an dem die prominentesten Gäste unterhalten wurden“, sagt der große Mann, schwarzer Admiralsanzug, goldene Knöpfe, Lackschuhe. „Winston Churchill, Liz Taylor, Grace Kelly, Cary Grant, Margaret Thatcher, Johnny Depp, Mariah Carey, Forest Whitaker – um nur einige zu nennen.“ Staubig und etwas beklemmend ist der kleine, niedrige Raum mit dem schmalen Schreibtisch und den graubraunen Stoffsesseln, auf denen schon Präsidenten und Prinzessinnen über den Seegang plauderten. Das Logbuch des Kapitäns ist stummer Zeuge. Sie alle haben sich dort verewigt.

Eine Etage tiefer, im prächtigen Tanzsaal mit der hölzernen Verkleidung und dem mächtigen Wandgemälde, auf dem sich Pelikane putzen und Pfauen streiten, tanzten schon Greta Garbo, Clark Gable und John F. Kennedy. Walt Disney war 1951 an Board als er zur Premiere von Alice im Wunderland nach Southhampton wollte.

Ein Ort, ein Koloss wie eine gigantische Konservendose voller staubiger Erinnerungen an eine glamourösere Zeit. Als Filmkulisse unverzichtbar. Neben Titanic und Pearl Harbor wurden dort auch Szenen für Aviator und Der Pate II gedreht. Danny DeVito nutzt das Schiff immer wieder für seine Serie It’s Always Sunny in Philadelphia.

Die Heimatstadt von Regisseur Steven Spielberg, Schauspieler John Wayne und Rapper Snoop Dog vergibt rund 500 Drehgenehmigungen pro Jahr. „Long Beach war Hollywood schon lange bevor es Hollywood gab“, sagt Bob vom Tourismusbüro. Vor mehr als 100 Jahren war das Balboa Filmstudio in Long Beach eines der größten der Welt. Rund 300 Stummfilme wurden seinerzeit dort produziert. Aber erst in den 80ern entwickelte sich Long Beach endgültig zu einem der Hauptdrehorte. Dazu beigetragen hat sicher die Eröffnungsszene von Lethal Weapon mit Mel Gibson und Danny Glover: Eine junge Frau im Negligé springt vom Balkon des International Tower in Downtown Long Beach. Das Besondere: Sie landet auf einer Straße in L.A. – alles Show im Showgeschäft.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch im echten Hollywood, in Los Angeles vieles nur Fake ist. Es ist der Ort, der wie kein anderer für die Filmbranche und den ganz großen Glamour steht – in direkter Nachbarschaft zu Beverly Hills, wo die prächtigen Anwesen der Stars stehen, die auf dem legendären Rodeo Drive shoppen wie einst Julia Roberts in Pretty Woman.

Die Stadt fühlt sich an, wie ein einziges Filmset. Breite Straßen, oberirdische Telefonleitungen, große Autos, schöne Menschen. Kommt dann noch die typisch amerikanische Polizeisirene dazu ist die Illusion perfekt.

Etliche Unternehmen bieten Touren zu den Häusern der Stars oder ehemaligen Drehorten. Das älteste der Stadt ist Starline Tours. Filmfreaks erkennen sie aber auch ohne die Hilfe von Touristenführern. Wie das Hochhaus aus Independence Day, das samt freudiger Erdenbürger von den Aliens als erstes in die Luft gesprengt wird. Es befindet sich mitten in Downtown Los Angeles. Nicht weit entfernt stößt man auf den gläsernen Aufzug des Hochhauses, in den Arnold Schwarzenegger mit einem echten Pferd in True Lies geritten ist. Ein Muss für Film-Fans. Wem das prächtige Park Plaza Hotel bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich Ghostbusters gesehen. Dan Aykroyd und Bill Murray haben dort versucht ihre Alien-fangenden Strahlen nicht zu kreuzen als sie dabei waren, Glibber-Geist Slimer zu fangen.

Eine legendäre Szene – bis heute.

Besonders beliebt bei Filmemachern ist ein Tunnel in der Innenstadt, der von innen mit Tausenden kleinen, weißen Kacheln verkleidet ist. Die reflektieren sämtliches Licht und erzeugen im Film glitzernde Effekte. Zu sehen unter anderem in Transformers und Blade Runner.

Den besten Blick über die Stadt hat man wohl vom Griffith Observatory aus, einer Sternwarte im hügeligen Norden von Hollywood, ganz in der Nähe des berühmten Hollywood-Schildes. Eddie Murphy stand hier schon vor der Kamera genauso wie Steve Martin und Megan Fox. Eine Büste auf dem Parkplatz erinnert an den wohl bekanntesten Schauspielpartner des Observatoriums: James Dean. Er drehte dort vor über 60 Jahren Denn sie wissen nicht was sie tun.

In exponierter Lage oben auf einem Hügel in Beverly liegt das Greystone Mansion, ein prächtiges Anwesen im Tudorstil aus dem Jahr 1928. Serpentinen führen hinauf in den öffentlichen Park, den das passenderweise sehr graue Anwesen umgibt. Das ehemalige Zuhause von Ned Doheny, dem Erbe eines Finanzimperiums, der dort fünf Monate nachdem er mit seiner Familie eingezogen war, erschossen wurde, ist eine von Hollywoods meist genutzten Filmlocations. In den pompösen Sälen der Mansion wurden unter anderem Szenen für The Big Lebowski und Der Tod steht ihr gut gedreht, erklärt der Gärtner des Hauses. Für die brutalste Szene von There Will Be Blood quetschten sich eine Filmcrew in die kleine Bowlinganlage im Keller des Hauses. Kevin Costner hat sich in der Küche im Erdgeschoss mit einem anderen Bodyguard im gleichnamigen Film angelegt, auch Benedict Cumberbatch und die Muppets waren schon dort. Für den Film Richie Rich wurde extra ein schmiedeeisernes Tor mit den Initialen RR angefertigt. Es ist heute noch Teil des Anwesens.

Einige Blocks weiter den Hügel hinab schieben sich Touristen über den Hollywood Boulevard. Dort verwandelt sich jährlich zur Oscarverleihung das Dolby Theater zum Mittelpunkt der Glitzerwelt. Das Who ist Who der Promiwelt stolziert über den roten Teppich in den festlich geschmückten Saal, Fans und Reporter überschlagen sich vor Begeisterung. Ein riesiges Spektakel. An allen anderen Tagen im Jahr ist der berühmte Saal kaum zu erkennen. Er liegt versteckt in einem unscheinbaren Einkaufszentrum. Von Glamour im muffigen Entree mit dem biederen gelb, braunem Teppichmuster keine Spur. „Zur Verleihung hängen wir alles mit Stoffbahnen ab“, erklärt die Touristenführerin, die nicht nur Besucher durch die Räume leitet, sondern bei den Oscars auch die Stars scheuchen darf, wenn sie zu spät dran sind.

Ein paar Meter und einige Sterne auf dem Walk of Fame weiter, vor dem Chinese Theater, fotografiert ein gammeliger Spiderman einen verfilzten Chewbacca, der sich bei einem dicken Jungen eingehackt hat. Etwas später stehen Spidy und Chewy in einer Ecke und zählen gemeinsam Dollarscheine. Auch das ist Hollywood.

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