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Schlüssel zum Glück: Ex-Fußballer Ailton.

Dschungelcamp

Eine Schulter zum Anlehnen

Spott, Getier und Langeweile: die ersten Tage von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ schwenken zwischen unterhaltsamen Momenten, Überraschungen und Langeweile.

Von Marcus Bäcker

Dirk Bach stand unter dem Himmel Australiens, hatte soeben die Zuschauer zur sechsten Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ begrüßt und erklärte nachdenklich: „So langsam beschleicht mich der Verdacht: Dieses Dschungel-Format könnte funktionieren.“

Übertrieben war das nicht. 6,88 Millionen Menschen schauten dabei zu, als am Freitagabend elf mehr oder weniger – in der Regel: weniger – bekannte Kandidaten für maximal zwei Wochen in den australischen Busch zogen, um dort eine Zweitkarriere als Dschungelkönig anzustreben.

Die Frage, wer um Gottes Willen Rocco Stark und Kim Debkowski sind, schien sogar interessanter zu sein als der Fortgang der konkurrierenden Casting-Show „The Voice of Germany“ bei Sat.1.

Am Urwald-TV kam an diesem Abend niemand vorbei. Der Marktanteil bei den aus nach wie vor ungeklärten Gründen umgarnten 14- bis 49-jährigen: 36,1 Prozent.

Zynisch oder tierverachtend?

Wie beliebt das Show-Format mittlerweile ist, hatte man schon vor der ersten Folge feststellen können: Wurde in den Medien früher noch besorgt darüber diskutiert, inwieweit die RTL-Show zynisch, menschen- oder gar kleintierverachtend sei, so dominierte diesmal die blanke Vorfreude.

Wer möchte noch bekritteln, was sich auch in sozial keineswegs randständigen Kreisen längst etabliert hat?

Und es stimmt ja auch: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ hat Witz, ist oft sehr unterhaltsam und bringt bestenfalls das Kunststück fertig, in den Grundzügen so erwartbar zu sein, dass sich treue Zuschauer heimisch fühlen, und doch dermaßen verblüffende Volten zu schlagen, dass die Angelegenheit spannend bleibt.

Langeweile in Folge 2

Ganz und gar erwartbar war beispielsweise, dass auch 2012 wieder überwiegend Kandidaten im Dschungel zugange sind, die den Begriff „Star“ rekordverdächtig dehnen. Selbstverständlich lassen es sich die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow erneut nicht nehmen, sich über die Motive der Camp-Bewohner – also über deren finanzielle Lage – hingebungsvoll lustig zu machen.

Klar ist Dr. Bob wieder dabei. Und dass in der ersten Prüfung Würmer über Körper krabbelten, Kakerlaken über Gesichter; dass Heuschrecken zwischen Lippen zuckten und Käfer in Kandidatenmägen verschwanden – normal. Doch zeigte sich schon da, dass mit Überraschungen zu rechnen ist. Erotik-Model Micaela Schäfer ekelte sich zwar nach Kräften, hielt aber entgegen aller Prognosen tapfer durch.

Der Schweizer Magier Vincent Raven wiederum bestand darauf, mittels Magie „schwarze Hexen“ aus dem Camp zu vertreiben. Der Mann ist offiziell Sieger der ProSieben-Show „The Next Uri Geller“. Bei Bach und Zietlow ist er schlichtweg „der Gewinner vom Bibi-Blocksberg-Casting“.

Dass das Erwartbare an der Show aber auch leicht zur Langeweile führen kann, zeigte sich bereits in Folge 2. Bei der Dschungel-Prüfung kam wieder allerlei Getier zum Einsatz. Die beiden im realen Leben relativ revierlosen Omega-Männchen Rocco Stark und Daniel Lopes steckten schnaubend ihr Revier ab. Und die zeigefreudige Micaela suchte sich auf der Suche nach einer starken Schulter einen der wenigen Kandidaten in der Geschichte der Sendung aus, die tatsächlich schon Spektakuläres geleistet haben: den Ex-Fußballer Ailton.

Toll. Na und?

Auch den Bach-Zietlow-Autoren fiel zum recht trüben Geschehen nicht wirklich vor Esprit Funkelndes ein. Die eine Stunde am Samstag zog sich schon quälender dahin als die noch fast drei Stunden beim Start der Staffel.

Was Schwung bringen könnte?

Intrigen natürlich. Hoffnungslose, wenn auch nur gespielte Affären. Menschen, die sich als Fleisch gewordene Nervensägen entpuppen und dadurch abgestraft werden, dass die Zuschauer sie in hoffentlich dann auch richtig demütigende Prüfungen schicken.

Abstrafen per Telefon

Wer das nun zynisch findet, hat Recht. Und genau deshalb darf man „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ bei allem Witz und allem Erfolg auch nach wie vor kritisch sehen. Dass die „Prominenten“ wissen, worauf sie sich einlassen, dass viele Konflikte nur inszeniert sein mögen, der Dschungel kein richtiger Dschungel ist und es Schlimmeres auf der Welt gibt als Maden, Würmer und Kakerlaken – geschenkt.

Bedenklich ist, was in den Köpfen vieler Zuschauer vorgeht. Dass sie unterhalten werden wollen auf Teufel komm raus. Dass sie sich ihre Opfer aussuchen und per Telefon alles abstrafen können, was ihr angeblich gesunder Menschenverstand als „nicht normal“ empfinden mag. Da offenbart sich dann doch ein sehr unschönes Weltbild. Und das schon in der sechsten Staffel.

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