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Rettungskräfte evakuieren eine Person, die bei dem Einsturz einer Rolltreppe an der U-Bahnstation Repubblica verletzt wurde.

Rom

Eine Rolltreppe wird zum Politikum

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Der verheerende Unfall mit 24 Verletzten in einer U-Bahnstation Roms löst eine Debatte aus.

Die vollbesetzte Rolltreppe wird immer schneller, rast dann ungebremst abwärts, als hätte jemand einen Hebel umgelegt. Unten werden Dutzende Menschen wie Puppen übereinander geschleudert, regelrecht gestapelt. Panikschreie gellen durch die U-Bahnstation. Die Menschen weiter oben versuchen sich verzweifelt am Handlauf festzuklammern, wegzuspringen.

Handyvideos im Internet zeigen die Sekunden des Unglücks, das sich am Dienstag gegen 19 Uhr in der Station Repubblica ereignete, mitten im Feierabendverkehr. Zu dem Zeitpunkt drängelten sich hunderte russischer Fußballfans auf der Rolltreppe. Sie wollten zu einem Champions-League-Vorrundenspiel. Die Station unter der Piazza della Repubblica liegt im touristischen Zentrum Roms, nicht weit vom Hauptbahnhof.

Wie die Feuerwehr später erklärte, schoben sich die Metallelemente der Rolltreppe am unteren Ende ineinander und verbogen sich. 24 Menschen wurden verletzt, 19 mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Die meisten von ihnen waren eingeklemmt worden und hatten Verletzungen an den Beinen. Einem Mann wurde ein Teil des Fußes amputiert.

Die große Frage ist nun, wieso die Rolltreppe plötzlich abwärts sauste. Manche Augenzeugen berichteten, die Fußballfans seien betrunken gewesen, seien auf und ab gesprungen. Anhänger des Moskauer Fußballklubs bestreiten das. Auch in den Videos sieht man keine springenden Menschen. Helfer erzählten, sie hätten am unteren Ende der Treppe Bierflaschen und Scherben gefunden. Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini gab denn auch ohne Umschweife den russischen Fans die Schuld, sprach von „betrunkenen Pseudo-Fußballfans“. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Anti-Establishment-Bewegung Fünf Sterne kam noch am Abend in die abgesperrte Station. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft müssten Klarheit bringen, sagte sie – nicht ohne zu betonen, dass die Russen ja offenbar gehüpft seien.

Maroder öffentlicher Nahverkehr

Nicht wenige Römer misstrauen dieser Version. Der marode öffentliche Nahverkehr und die verschuldete städtische Verkehrsgesellschaft Atac geben ihnen täglich Anlass für Wut und Frustration. Dass Rolltreppen in den Stationen nicht funktionieren, gehört zum Alltag. U-Bahnen fallen wegen Defekten ständig aus, Busse bleiben wegen mangelnder Wartung liegen – oder fangen während der Fahrt Feuer. Überhaupt hat das Unglück die Polemik über die zunehmende Verwahrlosung der Ewigen Stadt angeheizt. Erst vergangenes Wochenende standen nach einem Unwetter ganze Stadtviertel unter Wasser, Autos wurden weggeschwemmt, weil Gullys und Abflüsse chronisch verstopft sind. Seit Monaten stapeln sich die Müllberge, Roms Straßen und Bürgersteige sind mit Schlaglöchern übersät. Für Samstag haben aufgebrachte Römer eine Großdemonstration gegen Raggis Stadtverwaltung angekündigt.

Was das Unglück in der Station betrifft, so wies die Verkehrsgesellschaft Atac alle Verantwortung von sich. Sämtliche Rolltreppen würden jeden Monat kontrolliert. Die Unglückstreppe sei erst zehn Jahre alt und damit noch recht neu. Pendler berichteten Lokalmedien dagegen, die Treppe habe schon seit Tagen merkwürdig gewackelt. Die Staatsanwaltschaft prüft nun vor allem die Filme der Metro-Videoüberwachung und die Handyaufnahmen der Augenzeugen. Geklärt werden muss auch, wieso hunderte russischer Fußballfans ohne Polizeigeleit in Roms Innenstadt unterwegs waren, obwohl wegen des Spiels die Sicherheitsvorkehrungen erhöht waren. Vor drei Jahren erst hatten Horden betrunkener holländischer Hooligans direkt vor der Spanischen Treppe einen Barockbrunnen zerstört.

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