+
Ein „Meer von grauen Anzügen“ – so umschrieb die ehemalige Justizministerin Katarina Barley im November 2018 den hohen Männeranteil in vielen Parteien.

Emanzipation in Deutschland

Gleichberechtigung: Eine Kanzlerin macht noch keinen Sommer

  • schließen

Was die Gleichberechtigung betrifft, steht Deutschland gar nicht so schlecht da? Von wegen.

Stefanie Lohaus sagt es ohne Zögern: „Entschuldigung, ich bin spät dran, die Kinder sind krank, ich habe mich noch kümmern müssen.“ Dieser Satz fällt in Deutschland täglich tausendfach – in Stefanie Lohaus’ Fall könnte er aber auch von ihrem Lebensgefährten kommen. Sie ist Pressesprecherin der Europäischen Akademie für Frauen in Wirtschaft und Politik, kurz EAF, und hat mit ihrem Partner Tobias Scholz ein Buch über gerechte Aufgabenverteilung geschrieben. Es heißt: „Papa kann auch stillen“. Aber: Das Paar ist eine große Ausnahme. In den meisten Fällen sind es die Frauen, die sich im Job abmelden, wenn die Kinder krank sind, nämlich etwa dreieinhalbmal so oft wie Männer, wie die letzte Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse zeigt.

Gleichberechtigung: „Die Demokratie und ihre Spielregeln wurden unter Ausschluss der Frauen gemacht“

„Die Strukturen sind noch immer patriarchisch“, sagt Stefanie Lohaus.

Symptomatisch zeigen diese Zahlen, woran die Gleichberechtigung in Deutschland krankt. Stefanie Lohaus sagt: „Ob es in absehbarer Zeit möglich ist, paritätische Verhältnisse in Deutschland zu erreichen, hängt davon ab, ob sich die Gesellschaft dafür entscheidet.“ Denn auch 70 Jahre, nachdem die Gleichbehandlung von Frauen und Männern im Grundgesetz verankert wurde, bestehen noch immer struktuell bedingte Benachteiligungen. „Und zwar auch für die Politik“, so Lohaus, „in keinem Land der Welt herrscht absolute Parität, Deutschland befindet sich in den Rankings zwar im oberen Mittelfeld – aber das reicht nicht, um sich darauf auszuruhen.“

Für die Bundestagswahl 2017 waren die Listen der in den Bundestag gewählten Parteien mit einem Frauenanteil von 38 Prozent im Schnitt zwar nicht zufriedenstellend, aber noch vergleichsweise gut besetzt. „Das Problem: Die Demokratie und ihre Spielregeln wurden unter Ausschluss der Frauen gemacht“, erklärt Stefanie Lohaus, die sich als Feministin bezeichnet und bereits 2008 das „Missy Magazine“ mitgegründet hat und bis heute herausgibt. „Und die Strukturen sind noch immer patriarchisch.“ Von einem „Meer von grauen Anzügen“ sprachen auch die ehemalige Justizministerin Katarina Barley und Familienministerin Franziska Giffey anlässlich des Jahrestags des Frauenwahlrechts und forderten, die Wahllisten der Parteien abwechselnd mit Männern und Frauen zu besetzen.

Während einige Parteien – so wie die Grünen – seit Jahrzehnten Gleichberechtigung praktizieren, schließen andere, wie die AfD, schon die Gründung parteiinterner Frauenorganisationen explizit aus. Deshalb verwundert es nicht, dass Frauen bei den Grünen am stärksten vertreten sind: 58 Prozent der Grünen-Bundestagsabgeordneten sind weiblich, 40 Prozent sind es in der gesamten Partei. Die Partei Die Linke hat immerhin einen Frauenanteil von 54 Prozent im Bundestag, gefolgt von der SPD mit 42 Prozent. Bei den Christdemokraten sind nur ein Fünftel der Bundestagsabgeordneten weiblich, in der Gesamtpartei der CDU sind das 26, in der CSU 21 Prozent. Ähnlich sieht es bei der FDP aus. Das Schlusslicht bildet die AfD mit elf Prozent Frauen in der Bundestagsfraktion und 17 Prozent in der Partei – dort gibt es weder interne Quoten noch Maßnahmen zur Frauenförderung.

„Wir brauchen neue Spielregeln in der Politik“

Freiwillige Quoten? „Da fehlen klare Anreize“, sagt Nora Szech.

„Wir brauchen neue Spielregeln in der Politik“, sagt Stefanie Lohaus. Heißt konkret: „Eine Limitierung von Sitzungszeiten, bessere Kinderbetreuung und ein Umdenken bei Redezeiten und -orten. Einige Meetings können auch ohne weiteres per Videochat gehalten werden.“ Allerdings, so Lohaus: „Parlamente funktionieren noch wie vor hundert Jahren und schließen oft Frauen und Benachteiligte aus, an der Demokratie teilzuhaben.“ Einzelne Landesparlamente probieren durchaus neue Wege aus: So sollen in Brandenburg von diesem Jahr an 2020 die Landeslisten abwechselnd mit Frauen und Männern besetzt werden. Ein erster, aber klarer Schritt Richtung mehr Parität.

Dabei könnte man meinen, dass Deutschland in puncto Gleichberechtigung in der Politik schon relativ weit sei. Schließlich haben wir seit 14 Jahren eine Bundeskanzlerin, die immer wieder als „mächtigste Frau Europas“ bezeichnet wurde. Außerdem gibt es mit Ursula von der Leyen erstmals eine Kommissionspräsidentin. Doch der aktuelle Frauenanteil aller Abgeordneten beträgt knapp 31 Prozent – und ist damit so hoch wie im Südsudan. Auch Merkel betonte während der Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aus der Tatsache, dass es mich gibt, darf kein Alibi werden.“ Dieses „Totschlagargument“ geht auch Stefanie Lohaus gegen den Strich: „Wer sagt, wir haben in Deutschland kein Problem, weil wir ja Frau Merkel haben, unterschätzt die Situation. Auch wenn die Bundeskanzlerin und andere Politikerinnen sicherlich dafür stehen, wie gut Frauen im Netzwerken sind.“

Nur drei Frauen schafften es auf die Position der Geschäftsführerin

FR-Reihe in Kooperation mit „Deine Korrespondentin“

Für die Serie „Wie emanzipiert ist Europa?“ hat die Frankfurter Rundschau mit dem Netzwerk „deine-korrespondentin.de“ zusammengearbeitet. Für das digitaleMagazin, das 2015 von Chefredakteurin Pauline Tillmann gegründet wurde, berichten zehn Korrespondentinnen aus der ganzen Welt über spannende, starke Frauen. Mit der heutigen Folge endet die Serie, in deren Verlauf über den Stand der Gleichberechtigung in Belgien, Spanien, Lettland, Ungarn, Russland und Frankreich berichtet wurde.

Im „Global Gender Gap Report 2020“ hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) Deutschland aktuell zwar Fortschritte bei der Gleichberechtigung bescheinigt, aber mehr Engagement gefordert, was die Geschlechterlücke bei Managementpositionen und Gehältern angeht. Im globalen Ranking legte Deutschland um vier Plätze zu und ist nun Zehnter. Dass es im derzeitigen Tempo noch einmal 100 Jahre dauern könnte, bis weltweite Gleichberechtigung herrscht, ist für WEF-Gründer Klaus Schwab inakzeptabel: „Mehr denn je kann es sich die Gesellschaft nicht leisten, die Fähigkeiten, Ideen und Perspektiven der Hälfte der Menschheit zu verlieren, wenn sie das Versprechen einer wohlhabenderen und menschlicheren Zukunft verwirklichen möchte, die gut geführte Innovationen und Technologien mit sich bringen können.“

Angesichts der Tatsache, dass „in naher Zukunft nicht mit einer ausgewogenen Geschlechterverteilung zu rechnen ist und wir in Deutschland keine Branche identifizieren können, die besonders fortschrittlich ist“, so Lucie Schibel von der „AllBright-Stiftung“, müssten genau diese Fakten eben doch genauso und „dauernd extra“ erwähnt werden. In aktuellen Studien fand die Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzt, heraus, dass es immerhin in den großen Unternehmen schneller geht als in den kleinen: In den Topetagen börsennotierter Unternehmen in Deutschland sitzen derzeit so viele Frauen wie nie zuvor. 61 Topmanagerinnen in 160 Unternehmen der drei Börsenindizes Dax, MDax und SDax saßen 640 Männer gegenüber – klingt nicht viel, hat sich aber immerhin in fünf Jahren fast verdoppelt. Allerdings: Nur drei Frauen schafften es auf die Position der Geschäftsführerin.

Ein hausgemachtes Phänomen 

In den Hochschulen zeigt sich ein ähnliches Bild. Nur jede vierte Professur in Deutschland wird von einer Frau besetzt. Die Bundeskanzlerin spricht offen darüber, in ihrer Zeit als Physikstudentin die Männer an der Uni als sehr dominant erlebt zu haben. „Die Ursachen für so wenige Professorinnen werden viel debattiert“, sagt Nora Szech. Sie selbst ist Professorin und hat den Lehrstuhl für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie inne, wo – ähnlich wie an vielen anderen technischen Universitäten – Frauen schon im Studium seltener vertreten sind als Männer. „Das liegt aber nicht am Geschlecht – in Asien und in Südeuropa gibt es auch in der Technologie viele Frauen.“ Sie vermutet, dass der Grundstein für das Interesse schon in der Schule gelegt werde: „Es ist bemerkenswert, dass das ein hausgemachtes und kein globales Phänomen ist.“

Frauen und Männer – wie sollen sie in Zukunft zusammenleben? Gleichgestellt und ebenbürtig, klar. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Antworten auf diese Fragen gibt das aktuelle Buch der Frankfurter Rundschau, das aus der FR-Serie „Jahr der Frauen“ entstand.Ein Buch, das sich als Ermunterung versteht für ein Zusammenleben, in dem Frauenfragen als das behandelt werden, was sie sind: Menschheitsfragen, die uns alle angehen.

Es fehle außerdem an Frauennetzwerken in den technischen Bereichen. „Selbst wenn man leichte positive Entwicklungen sehen kann – im Vergleich zu den Nachbarländern ist Deutschland immer noch Schlusslicht“, betont Szech. Eine deutliche Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen – Gender Pay Gap genannt – sowie fehlende Quoten verschleppten die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Situation. Das gelte sowohl für Professuren als auch Juniorprofessuren – zwar würden Letztere seit einigen Jahren prozentual viel häufiger von Frauen besetzt, seien aber auch immer befristet.

Nora Szech ist der Ansicht, dass Quoten helfen könnten, denn „aus purer Freiwilligkeit tut sich einfach zu wenig, da fehlen klare Anreize“. Jede einzelne Frau mit höherem akademischen Status habe eine Signalwirkung und motiviere Studentinnen – was dringend notwendig sei. Denn auch in den Universitäten hätten Frauen die gleichen Probleme wie in anderen Branchen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei extrem schwierig, und zwar finanziell, organisatorisch und auch emotional. „Ich höre von so vielen Nachwuchsforscherinnen, die eine Weile im Ausland tätig sind, dass sie zögern, nach Deutschland zurückzukehren, weil sie sich viel stärker entscheiden müssten.“

Ihr Forschungsgebiet – Ethik und Moral in Wirtschaft und Lehre – liefert Nora Szech hervorragende Argumente für weibliche Führungskräfte. Sie rät den Arbeitgebern dazu, mehr auf Frauen zu setzen. Ein stärkerer moralischer Kompass mache sie weniger korrumpierbar, sie überschätzten sich seltener und sie trügen in der Teammischung zu einem besseren Ergebnis bei. Und ein schneller Blick auf die Länder mit etablierten Frauenquoten zeigt: Die Wirtschaft hat darunter nicht gelitten, im Gegenteil.

Die Gesellschaft müsse sich eben „nur“ noch für die Gleichberechtigung entscheiden – in Deutschland offenbar eine extrem hohe soziokulturelle Hürde, weil Männer laut Väterreport der Bundesregierung aus dem Jahr 2018 die fehlende soziale Anerkennung von Familienarbeit oder die Anwesenheitskultur in Unternehmen spüren, Angst vor Einkommensverlust haben und glauben, dass Teilzeitarbeit bei Frauen stärker akzeptiert sei. Klar ist aber auch: Die Situation ändert sich nur nachhaltig, wenn viel mehr Männer aktiver Teil der Lösung werden und nicht Teil des Problems bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare