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Laut der Drogenbeauftragten sind mehr als eine halbe Million Menschen onlinesüchtig.

Abhängigkeit

Eine halbe Million Internetsüchtige

Fast jeder fünfte Neuntklässler verbringt täglich fünf Stunden und länger vor dem Computer, warnt die Suchtbeauftragte der Bundesregierung.

Von Niels Altenmüller

Ein konkretes Beispiel kann oder will Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, auf Nachfrage nicht nennen. Besonders „fesselnd“ seien aber die Computerspiele, mit denen sich vor allem männliche Jugendliche in eine Abhängigkeit begeben. 16 Prozent der Neuntklässler verbringen täglich knapp fünf Stunden und länger vor dem Computer. Alarmierende Zahlen, die Mortler dazu veranlasst haben, das Thema Computerspiel- und Internetabhängigkeit ins Zentrum ihres diesjährigen Drogen- und Suchtberichts zu stellen. Am Donnerstag stellte die 60-Jährige das knapp 200 Seiten lange Dokument in Berlin vor.

Gut 560 000 Menschen leiden in Deutschland laut Bericht unter den Auswirkungen exzessiver Computerspiel- und Internetnutzung. Die Folgen: „Vereinsamung, Verwahrlosung und Abkoppeln von der Realität“. Betroffene Schüler haben schlechtere Schulnoten, leiden unter Schlafproblemen und schwänzen häufiger. Die Drogenbeauftragte sieht dabei genderspezifische Tendenzen. Mädchen seien stärker von sozialen Netzwerken wie Facebook abhängig, bei Jungen bestehe eher die Gefahr von Computerspielsucht.

Eltern betroffener Kinder empfiehlt Mortler einen offenen Umgang mit dem Thema: „Der erhobene Zeigefinger bringt gar nichts.“ Im Zweifel sollen Erziehungsberechtigte mit den Kindern professionelle Beratungsstellen aufsuchen. Der Ausbau ebendieser steht auf der Agenda der CSU-Politikerin ganz oben. Laut Bericht besteht selbst bei einer vorübergehenden Sucht „die Gefahr, dass altersgemäße Entwicklungen nicht erreicht werden.“ Im November stellt Mortler das Thema in einer Jahrestagung erneut in den Mittelpunkt.

Positive Entwicklungen konnte die Drogenbeauftragte beim Tabak- und Alkoholkonsum vermelden. Seit 1980 hat sich dem Bericht zufolge der Pro-Kopf-Konsum von reinem Alkohol um fast drei Liter reduziert. Auch wenn Rauschtrinken bei Jugendlichen tendenziell abnehme, gebe es nach wie vor mehr als 15 000 Krankenhauseinweisungen in Folge von Alkoholvergiftungen. Besonders während der Fußball-Europameisterschaft erinnert Mortler die Eltern an ihre Vorbildfunktion: „Unser Motto ist: Alkoholfrei Sport genießen“. Deshalb sei sie auch mit verschiedenen Sportverbänden in regelmäßigem Austausch. Ein Alkoholverbot in Fußballstadien lehnt sie aber ab.

Cannabis nur als Medizin

Einen harten Kampf führt die Mortler nach eigenen Angaben gegen die Tabakindustrie: „Ich habe selten erlebt, dass eine Lobby so präsent ist wie hier.“ Rund 200 Millionen Euro gebe die Branche jährlich aus, um neue Kunden zu gewinnen. „Das übersteigt alles, was wir an Prävention auf den Weg bringen können“, sagte sie. Die nationale Strategie führe vor allem in der jungen Zielgruppe zu Erfolgen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich laut Bericht die Raucherprävalenz bei Kindern und Jugendlichen von 23 auf 9,7 Prozent reduziert. Diese Erfolge will Mortler nun auch auf die ältere Zielgruppe übertragen. Unter anderem mit dem jüngst verabschiedeten Gesetz zu Warnbildhinweisen auf Tabakwarenverpackung sieht sie die Bundesregierung auf einem guten Weg.

Eine generelle Cannabis-Legalisierung lehnt Mortler weiterhin strikt ab. Die Gefahren des Konsums seien durch jüngste Studien der Weltgesundheitsorganisation bestätigt worden. „Eine Aufhebung des Verbots erleichtert zunächst einmal hauptsächlich den Marktzugang“, so die Drogenbeauftragte. Als medizinisches Mittel könne sie sich eine legale Einnahme aber vorstellen. Dabei müsse aber sichergestellt werden, dass Cannabis „in Therapiequalität“ angebaut werde.

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