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Eine Frage der Ehre

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Von: Wolfgang Kunath

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Die frühere Miss Universum, Dayan Mendoza, reicht die krone weiter an Stefanía Fernández.
Die frühere Miss Universum, Dayan Mendoza, reicht die krone weiter an Stefanía Fernández. © dpa

Wieder kommt die Miss Universum aus Venezuela - dort nimmt man die Wahlen sehr ernst. Auf dem Spiel steht die Ehre der Nation. Ein bisschen Zickenkrieg ist dabei trotzdem erlaubt. Von Wolfgang Kunath

Ihr kleines Missgeschick konnte die neue Miss Universum nicht aus der Fassung bringen. Stefanía Fernández, 18, hob das Krönchen, das sie von ihrer Vorgängerin aufgesetzt bekommen hatte und das ihr kurz darauf heruntergefallen war, wieder auf, steckte es sich ins Haar und lächelte in die Kameras, als sei nichts gewesen. Die schönste Frau des Universums ließ sich auch nichts anmerken, als die Miss Universum 2008, Dayana Mendoza, ihr während der Preisverleihung auf der Bühne eine kleine Unverschämtheit ins Ohr flüsterte: "Du hast es geschafft, du Hexe." Danach gab sie ihr einen Klaps auf den Po, erzählte Mendoza nach dem Finale des Wettbewerbs auf den Bahamas vor versammelter Presse.

In England oder auch hierzulande wäre so eine Bemerkung schnell zum Zickenkrieg hochstilisiert worden. In Venezuela - seit der Wahl von Stefanía Fernández das erste Land in der Geschichte der Miss-Wahlen, das zwei Mal in Folge die Siegerin entsandte - ist das anders. Ironische oder kritische Untertöne sind nicht zu hören, wenn dort die Rede auf die Miss-Wahlen kommt. Anderswo auf der Welt mag der Wettbewerb als Püppchen-Parade, sexistische Fleischbeschau oder verstaubte Macho-Manie verrufen sein - nicht in Venezuela. Wie im Nachbarland Kolumbien berühren Miss-Wahlen sensible Fragen wie die nationale Ehre und das Ansehen des Landes in der Welt. Und Venezuela hat Erfolg: Fernández, die nächste Woche 19 wird, ist die sechste Venezolanerin, die den Titel Miss Universe erringt.

Das kommt nicht von ungefähr: Schön aussehen ist eine Art nationaler Besessenheit in Venezuela. Auch die Armen geben einen erstaunlich großen Teil ihres Geldes für Körperpflege und Kosmetik aus. Angeblich sind die Venezolaner das eitelste Volk der Welt. Schönheitswettbewerbe werden unentwegt abgehalten - im Kindergarten, im Altersheim, sogar im Frauengefängnis.

Fernández, über die nur bekannt ist, dass sie gerne schwimmt und sich für Internationale Beziehungen interessiert, redet nicht über Politik. Und dennoch schien ihre Wahl das politisch hochgradig polarisierte Venezuela für einen Augenblick zu befrieden: Sie siegte in einem roten Kleid - sehr zur Freude der Anhänger des Präsidenten Hugo Chávez, die Rot als ihre Farbe ansehen. Aber es jubelten auch deren Gegner, weil Rot eben nicht nur die Farbe des "Chavismo" ist. Und auch die Medien haben den Sieg der 18-Jährigen gefeiert, vor allem die Boulevardzeitungen. Die Menschen ließen ihrer Freude, ihrem Stolz freien Lauf: "Es lebe die ewige Schönheit der venezolanischen Frau " - "Gott ist gerecht, dass wir gewonnen haben, denn Venezuela heißt Glaube, Freude, Arbeit, Ehrlichkeit " - "Venezuela lebe auf ewig!". In solchen Tönen schwärmten Leser der Zeitung El Universal.

Anders als jene Kandidatin, die 1982 auf die Frage nach ihrem Lieblingskomponisten "Shakespeare" antwortete, ist Stefanía kein Dummerchen. Inzwischen werden die Kandidatinnen getrimmt, auf Befragen hinreichend Tiefsinniges zu äußern. "Ich denke, dass die Frauen viele Hindernisse überwunden haben und deshalb heute auf dem gleichen Niveau stehen wie die Männer", antwortete sie auf die Frage nach dem Unterschied von Mann und Frau im Berufsleben - ein Satz, der niemanden verprellen kann.

Anzunehmen, Venezuelas Missen seien hübsche Dummerchen, ist sowieso falsch. Irene Sáez, die den Titel 1981 holte, war studierte Politologin, Bürgermeisterin und sogar Präsidentschaftskandidatin. Bárbara Palacios, Miss Universe 1986, wurde Tourismus-Ministerin und später Geschäftsfrau. Die nun durch Fernández abgelöste Dayana Mendoza beging ihre Dummheit immerhin erst, als sie schon gewählt war: Im Frühjahr 2009 schwärmte sie ganz unbefangen von ihrem Besuch in Guantánamo Bay, dem berüchtigten US-Gefangenenlager auf Kuba. Und Alicia Machado, Miss Universe 1996, machte zwar ihrem Titel Schande, weil sie, kaum dass sie ihn errungen hatte, kräftig zunahm - angeblich 18 Kilo - und sich später als einzige Miss Universe für den Playboy auszog. Aber das lässt eher auf eine selbstbewusste Protesthaltung denn auf fehlende Intelligenz schließen.

Mal sehen, was Stefanía Fernández noch so macht.

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