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Das kleinste Säugetier – und eine echte Winterschläferin: die Mückenfledermaus.
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Das kleinste Säugetier – und eine echte Winterschläferin: die Mückenfledermaus.

Wie Tiere Überwintern

„Eine Fledermaus überlebt auch, wenn sie auf null Grad abkühlt“

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
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Für Bären hingegen ist es tödlich, wenn ihre Körpertemperatur unter 30 Grad fällt. Ein Gespräch mit dem Biologen Roland Prinzinger über Winterschlaf, Winterruhe und Winterstarre – und warum wir Menschen irgendwie anders durch die kalte Jahreszeit kommen müssen.

Herr Prinzinger, kürzlich war die Rede davon, dass sich jetzt im Norden Kanadas die Bären auf den Winterschlaf vorbereiten. Bei dem Thema werden Sie hellwach, oder?

Natürlich, denn Bären halten nun mal keinen klassischen Winterschlaf!

Sondern?

Sie halten Winterruhe, das ist was anderes.

Worin liegt der Unterschied?

Da würde ich gerne ein bisschen ausholen, wenn es recht ist?

Nur zu!

Es gibt im Tierreich drei Strategien, um energetisch möglichst gut durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Das sind Winterschlaf, Winterruhe und Winterstarre. In Winterstarre fallen alle Nichtwirbeltiere, also Insekten, Reptilien, Amphibien, Fische und so weiter. Das heißt, wenn es draußen kalt wird, sinkt ihre Körpertemperatur passiv mit und sie können sich nicht mehr bewegen, sie erstarren. Vorher suchen sie sich einen geschützten Überwinterungsplatz. Ihre Körpertemperatur kann dann deutlich unter null Grad absinken. Bei Spinnen und anderen Wirbellosen hat man sogar Exemplare gefunden, die auf minus zehn Grad abgekühlt waren.

Wie ist das möglich?

Das machen sie, indem sie Wasser auslagern, das gefrieren könnte, und stattdessen Flüssigkeiten einlagern, die frostbeständig sind. So ähnlich wie beim Auto, bei dem man Frostschutzmittel ins Kühlsystem gibt. Bei Warmblütern wie Bären ist das anders. Da gibt es schon bei Geschwisterarten große Unterschiede. Eisbären als reine Fleischfresser haben im Winter Jagdsaison, die bringen in dieser Zeit auch ihre Jungen zur Welt. Für die Allesfresser Braunbären und Grizzlys hingegen, die sich von Beeren und Knospen ernähren und daher im Winter wenig Nahrung finden, ist es besser, wenn sie in einen energiesparenden Ruhezustand gehen. Das nicht zu tun, könnte ihnen gefährlich werden.

Warum das?

Weil sie nicht genügend Futter finden würden. Es kostet unheimlich viel Energie, durch hohen Schnee zu stapfen und Nahrung zu suchen und zu finden. Das ist zwar auch für die dort lebenden Paarhufer wie Rehe und Hirsche eine unglaubliche Anstrengung, aber die können halt auch Rinde, Zweige und Holzstücke fressen und verdauen, was den Bären nicht möglich ist.

Der Grizzly braucht also frischen Lachs und anderes Fleisch?

Zur Person:

Naja, das fressen die schon auch, aber eher im Spätherbst. Vor allem die Fischrogen sind gut für die Bären, um sich Winterspeck anzufressen, der das Überleben erst möglich macht. Der kann bis zu einem Drittel des Körpergewichts ausmachen.

Stimmt es, dass Bären nicht einfach durchschlafen?

Ja! Das hat mit der Körpertemperatur zu tun. Echten Winterschläfern macht es nichts aus, wenn ihre Körpertemperatur auf unter 30 Grad sinkt. Wenn Sie ein Murmeltier auf zwei Grad runterkühlen, das macht nix. Eine Fledermaus überlebt auch, wenn ihr Körper auf null Grad abkühlt. Aber wenn beim Bären oder beim Dachs die Temperatur auf unter 30 Grad sinkt, dann kann er nicht überleben. Weil er sich, anders als ein Winterschläfer, nicht wieder selbst aufheizen kann. Das kostet zu viel Energie. Beim Bären vor allem deshalb, weil er so groß ist. Das ist so, als würden Sie einen Lastwagen abbremsen und wieder beschleunigen: das kostet viel mehr Energie, als ihn einfach langsam weiterfahren zu lassen. Das lässt sich mathematisch sehr einfach darstellen, führt hier aber zu weit, fürchte ich.

Dann also gerne in Worten statt in Zahlen.

Ich sage es mal so: Tiere machen nur, was notwendig ist. Der Bär kommt eben besser durch den Winter, wenn er bei relativ hoher Körpertemperatur nur ruht und sich das Aufwachen erspart, wohingegen es einem Murmeltier nichts ausmacht, den Winterschlaf 20-mal oder häufiger zu unterbrechen. Warum sie das tun, das ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Aber die machen das wohl auch, um hin und wieder zu schauen: funktioniert noch alles?

Heißt also: Große Tiere halten Winterruhe, kleine machen Winterschlaf?

Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Das lässt sich gut an den kleinsten Säugetieren der Welt aufzeigen, der Mückenfledermaus und der Etruskerspitzmaus, an denen wir lange geforscht haben. Die Mückenfledermaus ist eine typische Winterschläferin, aber die Etruskerspitzmaus ist im Winter hellwach. Das kommt daher, dass die Spitzmaus auf dem Boden lebt – und da gibt es auch im Winter genügend Nahrung: Schaben, Würmer, Tausendfüßler und so weiter.

Die Fledermaus hingegen findet keine Nahrung, weil bei Kälte keine Mücken fliegen.

Genau! Hinzu kommt, dass die Fledermaus im Verhältnis zu ihrer Körpermasse – das sind nur rund vier bis fünf Gramm – wegen ihrer Flügel eine große Körperoberfläche hat. Die ist im Verhältnis zum Menschen ungefähr 300 Mal so groß, und sie könnte ihre Körpertemperatur bei Temperaturen unter null Grad keine Minute halten, dann würde sie ausgekühlt zu Boden fallen. Also macht die Fledermaus Winterschlaf, und zwar in Gruppen und in geschützten Nischen. Und manchmal auch im Sommer, wenn es kurzzeitig kalt und regnerisch ist. Das nennt sich dann Torpor.

Klingt ein bisschen düster …

Ist aber ein sehr geschickter Mechanismus, weil er eine Art ganz kurzer Winterschlaf ist. Mit dem Unterschied, dass der Körper der Fledermaus – anders als im Winter, wo er schon mal auf null Grad abkühlt – während des Torpors nicht unter 18 Grad abkühlt. Das ist auch wieder so eine Grenze, die noch nicht ganz erforscht ist, aber der Torpor ist so was wie eine Tagesschlaf-Lethargie. Kolibris machen das auch, die kann man, wenn sie in so einer Lethargie sind, an dem Ast, auf dem sie sitzen, mit dem Kopf nach unten drehen – und die bleiben dann so.

Wenn das so praktisch ist, um durch ungemütliche Wetterlagen oder Jahreszeiten zu kommen: Warum halten wir Menschen keinen Winterschlaf? Oder wenigstens Winterruhe?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Zunächst einmal sind wir Menschen Allesfresser und dazu noch sehr groß. Zudem machen wir es ja so wie die Feldhamster: Wir legen Vorräte an. Und die helfen uns, durch den Winter zu kommen. Ich kann mir vorstellen, dass es einige gibt, die sagen würden: „Weckt mich, wenn wieder Frühling ist.“ Abgesehen davon, dass ein Winterschlaf – oder sagen wir lieber: so eine Art Tagesschlaf-Lethargie, die wir alle in der dunklen Jahreszeit kennen – ja auch gefährlich ist, weil man in dieser Zeit wehrlos ist: Das würde allein wegen der physiologischen Voraussetzungen, die im Winterschlaf ebenfalls auf ein minimales Niveau abgesenkt werden, nicht funktionieren. Unser Gehirn und unser Herz brauchen einfach zu viel Energie.

Interview: Boris Halva

Damit sie im Winter nicht so oft raus müssen, versuchen Grizzlys, sich einen schönen Winterspeck anzufressen.
Roland Prinzinger.

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