AFP_1WJ5EO_170820
+
Die MV Wakashio ist am Samstag in zwei Teile zerbrochen.

Mauritius

„Eine einzige Tragödie“

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
    schließen

Noch immer fließt Öl aus dem vor Mauritius havarierten Frachter. Experten vermuten eine Umweltkatastrophe mit jahrelangen Folgen. Der Unmut der Inselbewohner richtet sich gegen die eigene Regierung.

Aus dem japanischen Frachter MV Wakashio, der am 25. Juli vor Mauritius auf eine Korallenbank auflief, fließt selbst drei Wochen nach dem Unglück noch immer Schweröl. Obwohl der Eigentümer des 300 Meter langen Frachters, die japanische Reederei Nagashiki Shipping, zunächst mitgeteilt hatte, der Treibstofftank der Wakashio sei inzwischen leer gepumpt, sind auf Satellitenaufnahmen weitere Ölverluste auszumachen.

Der Schwerölteppich nimmt inzwischen ein Gebiet von mehr als zehn Quadratseemeilen ein und zieht bereits zwei ökologisch einzigartige Küsten- und Feuchtgebiete in Mitleidenschaft. Die zusätzlichen Lecks seien zu erwarten gewesen, teilte das Nationale Krisenkomitee des Inselstaats im Indischen Ozean mit. Sie hingen mit den Bewegungen des aufgebrochenen Schiffs zusammen. Am Samstag war das Schiff nun in zwei Teile gebrochen, die sich bis Sonntag mehrere Meter voneinander entfernten.

Tausende von Freiwilligen sind seit mehr als einer Woche Tag und Nacht damit beschäftigt, den angerichteten Schaden in Grenzen zu halten. Sie füllen Barrieren aus Plastiksäcken mit Zuckerrohrstroh auf, schöpfen das Schweröl mit Eimern ab und versuchen verschmierte Seevögel zu retten. Ein 21-jähriger professioneller Drachensurfer beteiligte sich drei Tage lang an den Aufräumarbeiten, bevor ihn starke Kopfschmerzen am Weiterarbeiten hinderten. „Man hat das Gefühl, dass das Schweröl immer mehr wird“, sagte Willow-River Tonkin gegenüber der New York Times.

Vor der Küste treibt der Ölfilm.

Der Unmut unter den 1,3 Millionen Inselbewohnern wächst weiter: Sie werfen ihrer Regierung vor, dem ungewissen Schicksal der mit knapp 4000 Tonnen Schweröl beladenen Wakashio fast zwei Wochen lang untätig zugesehen zu haben. So lange saß das Schiff auf der Korallenbank fest, bis es schließlich aufbrach und mehr als 1000 Tonnen Schweröl freigab. Premierminister Pravind Jugnauth rechtfertigt die Untätigkeit seiner Regierung mit dem starken Wellengang, der ein Auspumpen des Treibstoffstanks der Wakashio ausgeschlossen habe.

Die Gründe des Unglücks sind noch immer nicht bekannt. Der indische Kapitän des 200 000-Tonnen-Frachters, der sich auf leerer Fahrt von China nach Brasilien befand, wird von der mauritischen Polizei noch verhört. Satellitenaufnahmen zeigen, dass der Frachter tagelang direkten Kurs auf die Insel gehalten hatte und seine Geschwindigkeit bis zur Kollision mit dem Korallenriff ungebremst beibehielt. Die Regeln der Schifffahrt sehen vor, dass Frachter einen Mindestabstand von zehn Seemeilen (gut 16 Kilometer) zu einer Insel halten müssen.

Der Pächter der Schiffes, die japanische Firma Mitsui OSK Lines Ltd, entschuldigte sich für die Havarie: „Uns tun die verursachten Probleme außerordentlich Leid“, sagte der Vizepräsident der Firma, Akihiko Ono, vor der Presse. Die mauritische Regierung fordert gegenüber der Reederei Nagashiki Shipping Schadensersatz, dessen Höhe bislang allerdings nicht bekannt gegeben wurde. Fachleuten zufolge könnte die geforderte Summe im Bereich mehrerer Milliarden US-Dollar liegen.

Obwohl es in den vergangenen Jahrzehnten vor Mauritius wiederholt zu Havarien kam, handelt es sich bei dem jüngsten Unglück um die bislang schlimmste Umweltkatastrophe des Landes. Schon jetzt hat das Schweröl im Feuchtgebiet Ile aux Aigrettes sowie im Meerespark Blaue Bucht bleibende Schäden angerichtet. Dort sind 38 verschiedene Korallenarten sowie 70 Fischarten beheimatet. Die Auswirkungen der Ölpest werden nach den Worten des US-Umweltexperten Craig Downs noch in 20 Jahren zu spüren sein.

Außer den Korallenbänken sind auch die Mangrovensümpfe der Insel betroffen, sowie seltene Ebenholz-Bäume. Freiwillige bargen bereits mehrere ölverschmutzte Seeschildkröten sowie tote Clown-Fische und Krabben. Längerfristig könne sich die Südostküste der Insel in eine Asphaltbank verwandeln, orakelt der US-Umweltwissenschaftler Ralph Portier: „Es ist eine einzige Tragödie.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare