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In vielen süditalienischen Städten sind die Clanbosse Taufpaten vieler Kinder.
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In vielen süditalienischen Städten sind die Clanbosse Taufpaten vieler Kinder.

Vatikan und Mafia

Eine delikate Angelegenheit

  • Regina Kerner
    VonRegina Kerner
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Die Exkommunikation von Mafiosi verunsichert Italiens Geistliche.

Mafiosi sind exkommuniziert“, verkündete Papst Franziskus an einem Junitag 2014 vor 200 000 Menschen auf der Hochebene von Sibari in Kalabrien. „Die ’Ndrangheta ist die Bewunderung des Bösen“, sagte er. „Gegen dieses Böse muss angekämpft werden.“ Nicht nur im süditalienischen Kalabrien, wo die ’Ndrangheta, die inzwischen mächtigste Mafia-Organisation Europas, seit zwei Jahrhunderten große Teile des Lebens beherrscht, galt das als Sensation. Franziskus’ Vorgänger hatten das organisierte Verbrechen zwar auch verurteilt. Aber erstmals sprach ein Kirchenoberhaupt von der schwersten Strafe, die Katholiken treffen kann: von der Exkommunikation.

Allerdings blieb unklar, wie das ganz praktisch gehandhabt werden soll, vor Ort in den Pfarreien. Viele Geistliche sind verunsichert. Das Kirchenrecht sieht nämlich gar keine Sanktion vor für diejenigen, die der ’Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra oder einer anderen Mafia-Vereinigung weltweit angehören – anders als etwa für Frauen, die abgetrieben haben, oder Häretiker. Diese sind automatisch exkommuniziert, also von der kirchlichen Gemeinschaft und den Sakramenten ausgeschlossen. Sie dürfen keine Kommunion empfangen, nicht kirchlich verheiratet oder beerdigt werden und keine Taufpaten sein.

Die Bischöfe von Sizilien und Kalabrien wandten sich mit der Bitte um Klärung an den Vatikan. Dort wird nun, drei Jahre nach den Papst-Worten, an einem vertiefenden Dokument gearbeitet. Eine Arbeitsgruppe der Behörde für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen soll eine weltweit gültige Grundlage für den Umgang mit Mafiosi schaffen. Offenbar ist darin auch die Exkommunikation für jene vorgesehen, die bestechen oder bestechlich sind. Korruption hat Franziskus schon häufig als die „schlimmste soziale Plage“ gegeißelt. Und sie blüht gerade im Umfeld der Mafia. Italiens Antikorruptionsbeauftragter Raffaele Cantone ist entsprechend begeistert und nennt die kirchliche Initiative revolutionär.

Pino De Masi, genannt Don Pino, ein Pfarrer im 10 000-Einwohner-Städtchen Polistena, ganz im Süden Kalabriens, sieht das ähnlich. Er ist tagtäglich mit dem Phänomen Mafia konfrontiert und empfindet die Papst-Worte persönlich als große Hilfe, wie er am Telefon sagt.

Endlich beziehe die Kirche klar Stellung. Der Geistliche, seit mehr als zwanzig Jahren in der Anti-Mafia-Initiative „Libera“ aktiv, fühlte sich lange als Außenseiter unter seinen Kollegen, wie er erzählt. Er versucht zu verhindern, dass Jugendliche in die Fänge der Clans geraten. „Sie haben mich lange spüren lassen, dass ich im Grunde der Verrückte war, weil ich meine Jungs aus gewissen Kreisen herausholen wollte.“

Es war und ist vielerorts auch heute noch in Kalabrien gang und gäbe, dass Clanbosse in der Kirche in der ersten Reihe sitzen, dass sie Taufpaten für ein halbes Dutzend Kinder gleichzeitig sind, dass sie kirchliche Prozessionen finanzieren, bei denen die Träger dann die Marien- oder Heiligenstatuen zum Zeichen der Ehrerbietung vor ihren Häusern verneigen.

Die Mafiosi haben sich immer schon als gute Katholiken gegeben. „Sie tun das, weil sie den gesellschaftlichen Konsens brauchen“, sagt Don Pino. Auch zu seiner Pfarrgemeinde gehören ’Ndrangheta-Familien. Wie reagiert er, wenn ein Mafioso im Gottesdienst vor ihm steht, um die Hostie zur Kommunion zu erhalten? Verweigert er sie ihm gemäß dem Papst-Diktum? „Aber nein“, sagt Don Pino, „wie könnte ich das tun, vor allen Leuten.“ Er rede lieber unter vier Augen mit dem Betreffenden.

Vor allem aber stellt sich für den Anti-Mafia-Priester die Frage, wie er beurteilen soll, ob er tatsächlich einen Kriminellen vor sich hat. Eindeutig bewiesen sei das erst, wenn jemand wegen Mafia-Zugehörigkeit durch die Justiz verurteilt ist. Das aber passiert selten. Und viele arbeiten für die Clans, weil es gar keine anderen Jobs gibt. „Es ist eine äußerst delikate Angelegenheit – nicht leicht, damit umzugehen“, sagt Don Pino. Es wird auch nicht leichter, wenn die Exkommunikation von Mafiosi im kirchlichen Recht verankert ist.

Immerhin sind die ’Ndrangheta-Leute seit den harten Worten des Papstes zurückhaltender geworden, was ihre Auftritte in der Kirche betrifft, hat Don Pino beobachtet. In seiner Gemeinde gibt es auch keine Mafia-Paten mehr bei Taufen, dank seiner Überzeugungsarbeit. „Die Leute würden sich heute dafür schämen, einen von der ’Ndrangheta zu nehmen.“

Dass das noch lange nicht in allen süditalienischen Pfarreien so ist, weiß er. Und dass es Pfarrer gibt, denen der Mut zur Abgrenzung fehlt. „Die Kirche hat Licht- und Schattenseiten“, sagt Don Pino. „Aber sie ist auf einem guten Weg.“ Manche gingen ihn eben langsamer.

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