Spurensicherung im Fall Münster.
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Spurensicherung im Fall Münster.

Kindesmissbrauch

„Eine Aufgabe, die kein Ende kennt“

  • Thoralf Cleven
    vonThoralf Cleven
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Daher fordert Jörg Ziercke, der Vorsitzende der Hilfsorganisation „Weißer Ring“, statt einer neuen Debatte über härtere Strafen für Täter vor allem besser ausgebildetes Personal im Präventionsbereich.

Herr Ziercke, nach den Missbrauchsfällen von Münster gibt es wieder Forderungen nach höheren Strafen. Wie nehmen Opfer solcher Straftaten politische Statements dieser Art wahr?

Für die Opfer oder ihre Angehörigen sind dies oftmals rein symbolische Aktivitäten. Eine präventive Wirkung geht von höheren Strafandrohungen meist nicht aus. Deshalb muss die Politik der Prävention von Kindesmissbrauch eine viel höhere Aufmerksamkeit widmen. Notwendig wären konkrete Maßnahmen zur personellen Verstärkung von Justiz und Polizei auf Landesebene. Die Politik müsste in jedem Bundesland eine Landeszentralstelle Kindeswohl einrichten. Dort sollte psychologisch geschultes Personal Informationen über Kindesgefährdungen entgegennehmen und ein Team von Mitarbeitern der Gesundheitsämter, von Kinderärzten, Therapieexperten, Staatsanwälten und Kriminalbeamten diese Informationen bewerten.

Wie unterstützt Ihre Organisation bei der Prävention?

Der Weiße Ring unterstützt die Bemühungen zur Einrichtung eines Informationssystems gegen das sogenannte „Doctor Hopping“. Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wechseln häufig den Kinderarzt. Dadurch sollen die Verletzungen eines Kindes als singulärer Unglücksfall getarnt werden. Dies muss zum Schutz der Kinder unterbunden werden. Die Früherkennung von Kindesmisshandlung kann nur funktionieren, wenn Kinderärzte einbezogen werden.

Vor welchen Herausforderungen steht der Weiße Ring, wenn Kinder Opfer von Verbrechen sind?

Jörg Ziercke, 72, ist Bundesvorsitzender des Weißen Rings. Er war bis 2014 Chef des Bundeskriminalamts. Der Weiße Ring ist mit 2900 professionell ausgebildeten Helferinnen und -helfern Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. FR

Unsere Opferhelfer haben es mit zwei verschiedenen Gruppen von Betroffenen zu tun. Die erste Gruppe sind Erwachsene, die als Minderjährige misshandelt oder missbraucht wurden. Sie melden sich häufig erst Jahre oder sogar Jahrzehnte nach den Taten bei uns. Oft leiden sie viele Jahre, manchmal ihr Leben lang. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um minderjährige Betroffene. Sie brauchen eine spezialisierte Betreuung. Bei Sexualdelikten haben wir es mit Themen zu tun, die schambehaftet sind. Das erfordert eine besonders sensible Ansprache, unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen wir dementsprechend regelmäßig. Viele Betroffene melden sich zunächst über unsere Online-Beratung, die eine anonyme Kontaktaufnahme ermöglicht.

Hat Deutschland Nachholbedarf beim Kinderschutz, etwa in Jugendämtern oder in Kitas?

Wir benötigen besser ausgebildetes Personal. Und wir müssen diesen Menschen durch bessere Bezahlung einen höheren Anreiz schaffen, in diesen Einrichtungen beruflich tätig zu werden.

Welche Verantwortung sehen Sie bei sozialen Netzwerken?

Wer wegschaut, macht sich mitschuldig! Die Betreiber sozialer Netzwerke im Internet sollten verpflichtet werden, Erkenntnisse über Kindesmissbrauch zur Anzeige zu bringen. Der Weiße Ring schaut sehr kritisch auf die Entwicklung im Internet, wo sich an vielen Stellen rechtsfreie Räume zu entwickeln scheinen. Wir unterstützen deshalb den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität, der sich nicht nur gegen Hass und Hetze stellt, sondern ausdrücklich auch die Netzwerkbetreiber verpflichtet, die Verbreitung von Kinderpornografie an das Bundeskriminalamt zu melden.

Es wird kritisiert, dass bei solchen Verbrechen mehr über die Täter als über die Opfer geredet wird. Wie sehen Sie das?

In der Berichterstattung über Verbrechen stehen tatsächlich häufig die Täter im Mittelpunkt, was auch damit zu tun hat, dass die Strafjustiz sehr täterorientiert ist. Der Weiße Ring fördert mit einem eigenen Journalistenpreis opfersensible Berichterstattung. Wir benötigen aber auch mehr qualifizierte Therapeuten für die Täterarbeit. Unser Verein unterstützt das deutschlandweite Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Für dieses Netzwerk muss verstärkt geworben werden. Denn hier wird Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, kostenlose Hilfe angeboten. Die Schweigepflicht der Therapeuten schützt die Kontaktsuchenden.

Sie hatten als BKA-Chef mit solchen Verbrechen zu tun. Schon damals hieß es, Nachbarn und Bekannte sollten hinschauen und Verdachtsfälle melden. Warum klappt das nicht wirklich?

Es gibt bereits seit vielen Jahren sehr gute Initiativen zur Verhinderung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Schulen spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Wir dürfen nicht nachlassen, dies zu unterstützen. Es ist eine permanente Aufgabe, die kein Ende kennt. Das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken, ist sicherlich ein besonders wichtiger Aspekt. Kinder müssen im Hinblick auf Grenzverletzungen sensibilisiert werden.

Interview: Thoralf Cleven

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