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Die Gedenktafel mitten in Münsters „guter Stube“.

Profile der Gewalttäter

„Eine Amoktat triggert die nächste“

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Kriminologin Britta Bannenberg über Gewalttäter - und die Möglichkeiten, sie zu stoppen.

Frau Bannenberg, Sie betreiben eine Hotline zur Amokprävention. Wer meldet sich Ihnen?
Ganz unterschiedlich. Nachbarn, Mitschüler oder Eltern von Mitschülern, die beunruhigt sind über junge – oder erwachsene – potenzielle Amoktäter. Aber auch Personen, die professionell mit solchen Fällen befasst sind.

Können Sie Beispiele nennen?
Die Polizei ruft an, weil sie einen möglichen Gefährder besser einschätzen will. Psychotherapeuten oder Psychiater melden sich, die beunruhigt sind, weil ein stationär untergebrachter Patient Tötungsfantasien hat. Es rufen aber auch Personen aus Jobcentern an, aus allen möglichen Unternehmen, aus Behörden oder Krisenteams von Schulen. Da geht es dann oft um einen schon stärkeren Verdacht und um den weiteren Umgang mit einem solchen Verdächtigten.

Wie viele Anrufe bekommen Sie und wer nimmt sie entgegen?
Seit die Hotline 2015 eingerichtet wurde, haben wir rund 200 Anrufe bekommen. Meine Mitarbeiter nehmen die Kerndaten auf und leiten sie an mich weiter. Ich überlege dann, ob ich Kollegen hinzuziehen muss. Gerade im Bereich der forensischen Psychiatrie ist das manchmal notwendig.

Passiert es auch, dass ein Anrufer vielleicht zu viel Fantasie hat und Sie gleich merken, da ist nichts dahinter? Oder dass jemand denunziert werden soll?
Denunziation ist nicht das Motiv, weil die Anrufer fast nie die Namen nennen. Die Leute sind wirklich beunruhigt. Sie finden einen Menschen bedrohlich und befürchten nicht nur eine körperliche Attacke, sondern eine Mehrfachtötung. Bei einem anderen Teil der Fälle deutet sich eine Eskalation im familiären Bereich an, da verweisen wir in der Regel an das Dezernat häusliche Gewalt, wo man ganz konkret auf die Hinweise reagieren kann.

Wie sieht das Persönlichkeitsprofil eines potenziellen Täters aus?
In der Regel sind mögliche Amoktäter Einzeltäter, also auch von ihrer Persönlichkeit her eher unzugängliche Einzelgänger – verschlossene Charaktere mit Groll auf alle und jeden.

Fast immer männlich, oder?
Es gibt auch weibliche, aber ihr Anteil liegt unter zehn Prozent. Auffällig ist, dass mögliche Amoktäter sehr narzisstisch, von sich eingenommen und egoistisch sind. Sie fühlen sich anderen überlegen, gleichzeitig aber auch gekränkt, gemobbt, gedemütigt oder schlecht behandelt. Knapp 20 Prozent der Anrufer können wir beruhigen, weil die von ihnen Verdächtigten aufbrausende Charaktere sind – die sagen zwar Sachen, die nicht angemessen sind, aber ihr Verhalten passt nicht zum Typus künftiger Amoktäter. Die künftigen Amoktäter planen jahrelang und wollen im Grunde den ultimativen Abgang mit hoher medialer Aufmerksamkeit inszenieren – so viele Menschen wie möglich umbringen und sich dann selber töten.

„In der Regel sind mögliche Amoktäter Einzeltäter, also auch von ihrer Persönlichkeit her eher unzugängliche Einzelgänger – verschlossene Charaktere mit Groll auf alle und jeden“, sagt Britta Bannenberg

Sie gehen strategisch an die Sache heran.
Ja, sie beschäftigen sich sehr lange mit Fantasien, stellen sich alles genau vor. Das unterscheidet sie sehr von impulsiven Gewalttätern.

Was sind die nächsten Schritte, wenn Sie ein Anruf erreicht hat?
Die Ankündigung einer Amoktat ist selten so explizit, dass man strafrechtliche Schritte einleitet. In der Regel geht es um polizeiliche Gefahrenabwehr und darum, die Selbst- oder Fremdgefahr psychiatrisch abzuklären. Möglicherweise wird der Verdächtige mehrere Wochen in der Psychiatrie untergebracht. Dazu sind viele dieser so bedrohlich wirkenden Personen erstaunlicherweise freiwillig bereit, weil sie merken, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist.

Und wenn sie nicht wollen?
Dann wird geprüft, ob eine Zwangsunterbringung für einige Wochen möglich ist, um die Gefahr abzuklären. Die Polizei prüft außerdem, ob Zugang zu Schusswaffen besteht. Das ist ganz wichtig – in dem Moment, wo solche Personen in Schusswaffenbesitz kommen, sind sie natürlich ungleich gefährlicher. Es ist auch nicht gerade beruhigend, wenn schon die Schwerter im Wohnzimmer hängen.

Lässt sich gesellschaftlich gegensteuern, damit sich solche gefährlichen Persönlichkeitsprofile gar nicht erst herausbilden?
Ich glaube, da kann man nicht ansetzen. Nicht jeder persönlichkeitsgestörte Mensch wird zum Mehrfachmörder. Wir reden hier über ein ganz seltenes Phänomen schwerster Gewalt. Die hat aber Eskalationsstufen, die man auch wieder herunterfahren kann. In dem Moment, wo ein solcher Mensch bedrohlich wird und sich tatsächlich in eine Planungsphase begibt, muss man im breiten sozialen Umfeld möglichst massiv intervenieren und schauen, ob man ihm andere Perspektiven geben kann. Wenn man ihn mit seinen Gedanken und Vorstellungen konfrontiert, ist meist schon die Spirale der Radikalisierung gestoppt. Man kann aber nicht Tausende Menschen scannen und gucken, wie persönlichkeitsgestört sie sind, das ist Unsinn.

Können Sie einschätzen, wie viele Amoktaten Sie verhindern konnten?
Darüber kann man nur spekulieren. Etwa ein Drittel der Anrufer meldet sich zurück und berichtet, wie es weiter ging. Bei den anderen zwei Dritteln weiß man es nicht. Die Menschen im unmittelbaren Kontakt mit dem Verdächtigen fühlen sich aber häufig handlungsfähiger als vor der Beratung. Es ist auch gut, wenn man die ein bisschen beruhigen kann.

Melden sich auch Anrufer, die islamistisch geprägte mögliche Täter im Blick haben?
Das spielt nahezu keine Rolle, da gab es bislang insgesamt höchstens fünf Anrufe. Ich denke, die Leute kommen gleich auf andere Angebote oder spezialisierte Hotlines.

Wo verläuft die Grenze zwischen Terror und Amok? Es gab in letzter Zeit öfter Vorfälle, bei denen die eben beschriebenen Persönlichkeitsprofile auf die Täter zutreffen. Es kommt dann aber noch ein Terrormotiv dazu, eine ideologische Ausrichtung.
Die Grenze ist manchmal schwer zu ziehen, vor allem bei Einzeltätern – siehe Christchurch. Das war ein Rechtsextremist, aber auch ein Einzeltäter, der Aufmerksamkeit wollte, ins Extreme gesteigert durch die Live-Übertragung. Diese terroristischen Einzeltäter haben eine ideologische Motivation, ob die jetzt islamistisch oder rechtsextremistisch ist oder eine Mischform. Von der Persönlichkeit her sind sie eher wie Amoktäter, während es bei terroristischen Gruppentätern ein bisschen anders ist. Aber auch die wollen natürlich öffentliche Aufmerksamkeit. Die wollen Terroristen ja immer, sie wollen Angst und Schrecken verbreiten und großartig erscheinen. Bei Gruppentaten hat man es aber mit anderen Persönlichkeiten und Dynamiken zu tun, die zur Tatbereitschaft führen.

Beim Thema Amok fallen einem natürlich sofort die USA ein. Gibt es – neben dem leichteren Zugang zu Waffen – andere Unterschiede, die das Feld für die Massenmorde dort bereiten?
Es ist schwer zu erforschen, warum es in manchen Ländern weniger Taten gibt und in anderen mehr. Es ist allerdings schon so, dass die Amoktäter versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. In den USA ist ein Trend zu beobachten, halbautomatische Schusswaffen zu verwenden, mit denen man sehr viele Menschen in kurzer Zeit töten kann. Das nehmen diese Täter in ihren Fantasien vorweg. So triggert eine Tat die nächste. Eine bestimmte Szene von amokgeneigten Personen befeuert sich in den USA gegenseitig. Bei uns ist das etwas reduzierter, weil Schusswaffen nicht so einfach zu bekommen sind. Das sollte auch so bleiben.

Erkennen Sie bei uns eine Entwicklung, wenn Sie auf die vergangen zehn Jahre blicken?
Amoktaten sind sehr selten, daran hat sich nichts geändert. Allerdings gibt es durch den islamistischen Terrorismus, der spätestens seit den Anschlägen von Paris im November 2015 in allen europäischen Ländern sehr viel näher gekommen ist, eine gegenseitige Beeinflussung von Terroristen und Amoktätern. Das merkt man vor allem bei den erwachsenen Tätern stark, da werden auch die Tatmittel übernommen. Nach dem Vorbild des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri mit dem Lkw nehmen dann deutsche Täter einen Pkw oder einen Lieferwagen.

Kommt es denn vor, dass „einfache Amoktäter“ sich einen politischen Anstrich verpassen?
Nein, die lernen voneinander. Der Rechtsextremist lernt vom Islamisten und der Islamist vom Amoktäter. Der Amoktäter wird nicht zum Islamisten oder Rechtsextremisten. Entweder er ist es, oder er ist es nicht. Aber die Art, wie man diese Taten ausführt, wie man hohe Medienaufmerksamkeit erzielt – das ist etwas, was sie gegenseitig inspiriert.

Interview: Sabine Hamacher

Zur Person

Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen, beschäftigt sich seit 2002 mit der Erforschung von Amoktaten und Amokdrohungen. Seit April 2015 bietet das Beratungsnetzwerk Amokprävention besorgten Menschen Hilfe an, die eine Amoktat in ihrem sozialen Umfeld befürchten (Hotline: 0641/9921571).

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